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Der Israelit · 1899-09-12 · Heft 72-73 (12.9.1899) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 72-73 (12.9.1899)
Date
1899-09-12
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1546 sie zu ihm zu sprechen: „Awromle, Sohnleben, hör' doch, mein Kind, hörst Du nicht?"- Da schlug der Knabe plötzlich —, so als ob die liebende Stimme ihn geweckt hätte, die Augen auf. Seine Blicke hatten einen überirdischen Glanz, lange und ruhig, wie sich besinnend, schaute er die Mutter an und leise, ganz leise, die Lippen kaum bewegend, sagte er: „Schema Jisroeil adannai elauheinu, adannai echod." Ein Schluchzen würgte der Mutter im Halse, sie glaubte, es müßte ihr das Herz brechen. „Awromle," schrie sie auf, „was ist Dir Awromle?!" Der Kleine hob ein wenig das Köpfchen und matt lächelnd griff er nach der Hand der Mutter. Klar und deutlich klang es von seinen Lippen: „Sei still, wein' doch nicht, Mutterle, Gott boruch hu wird mir helfen, ich werde gesund werden." In diesem Augenblick war auch Reb Jizchock von der „Medine" nach Hause gekommen. Den schweren Pack mit allerlei Hansirerkram und von den Bauern erhandelten Produkten, hatte er abgeworfen und nach dem Tagesqruß an fein Weib war fein erstes Wort: Was macht'S Kind?" Die überglückliche Jitte zog ihn in's Zimmer. „Geh' feh her, was Gott für Wunder thun kann, er redet wie ein Vernünftiger." Jizchock war ans Bettchen getreten. „Awromle, kennst Du mich?" „Gewiß Vater." Ein schwerer Seufzer entrang sich der Brust de« geprüften Mannes und naß trat es ihm in die Augen. Er küßte das Kind, dann ging er zum Fenster und den feuchten Blick zum Himmel gerichtet, mit thränenzitternder Stimme, sagte er ein „Schewach" dem Helfer in der Noth. DaS war nun aber lange her. Die Mädchen hatte er eins nach dem andern „ausgegeben", die Söhne hatten in der Großstadt ihre Existenz gefunden und alle neun, hatte er zusammen mit seiner Jilte noch, das Glück gehabt, unter der „Chuppe" zu sehen. Längst schon kann er nicht mehr den schweren Pack schleppen und oft noch fragen ihn die Bauern: „Na, Jtzig, kein Handelche mehr?" Traurig schüttelt er dann das schneeweiße Haupt und seufzend antwortet er leise: „Man wird alt, man kann nicht mehr, wie man gern will, nu, auch das ist von Gott." Alle Freitag Abend zündet er die Lichter in Schul an. Säuberlich bekleidet er die morgen vorzulesenden Thorarollen mit den schöngestickten, seidenen Mäntelchen, dann setzt er ihnen die Kronen auf. Wie ein Kind freut er sich jedesmal über den hellen Klang der silbernen Glöckchen. An einem kalten Wintertage hatte er auch seiner Jitte zur letzten Ruhestätte da- Geleit gegeben. Die t Kinder waren alle gekommen und seine beiden Söhne, Awrom zu seiner Rechten, stützten den greisen Vater auf diesem schweren Gang. Es schien aber, als ob er der Stütze garnicht bedurfte. In seinen alten Pelz gehüllt, starr vor sich hinblickend, folgte er dem Zuge. Nicht ein Seufzer, nicht eine Thräne, still in sich verschlossen stand er am Keiwer seiner treuen Gefährtin. Als man den Sarg jedoch hinunterließ und er dann die erste Schaufel Sand polternd hinunterwarf, hörten die Söhne, wie er aufstöhnte: „Jitte, Jitte, oi Jitte!" Von jetzt ab lebte er noch einsamer wie zuvor. Man sah ihn nur in Schul und wenn er die Gemeindegelder einkassirte. „Reb Jizchock", wandte sich eines Tages der alte Losser in Schul zu ihm; „ich mein', wir werden jetzt auch bald abmaschieren müssen, he?" „Wie Gott will", sagte Jizchock und zuckte mit den Schultern, „wenn es ihm gefällt, wird er uns rufen". Dann fuhr er fort: „Lieber Losser, man muß stets vorbereitet sein, ob man jung ist oder alt, und ich — nu, ich bin es." Jeden Schabbes kommen die Kinder und Enkel, die in der Khille wohnten, zu ihm und er benscht ste. An einem Freitag war er Abends nicht nach Schul gekommen, die Lichter hatte ein anderer angezündet. Als er Schabbes früh auch nicht kam ging der alte Losser nach Schul zu ihm hin. Er fand ihn krank und schwach. „Was macht Ihr für Geschichten, Reb Jizchock?" versuchte Losser zu scherzen. „Morgen wird's besser sein, mit Gott seiner Hilfe," antwortete dieser. Auf dem Nachhauseweg traf Losser mit anderen Balbattim zusammen, „Geht's herauf," sagte er zu ihnen, „man kann nicht wissen —" Als die Balbattim zu ihm kamen, lernte Jizchock aus seinem großen Kordon Minchoh Siddur. „Ei, was", sagte er, „ich bin was schwach, es wird wieder gut werden." Am nächsten Tage aber schon wurde eS schlimmer. Er konnte nicht mehr lernen. Mosche der Chevremann sagte zu Loffern: „Mit Jizchock ift's mieß, Gott soll ihm helfen." Das Sündenbekenntniß hatte man ihm vorgesagi; nun lag er da, ruhig und Gott ergeben, den unerbittlichen „Malech ha mowes" erwartend. Gegen vier Uhr Nachmittags drehte er sich der Wand zu, so als ob er schlafen wollte. Der alte Losser beugte sich nach einer Weile über ihn, um ihn bequemer zu legen. Es war nicht mehr nöthig. Reb Jizchock war schon hinübergeschlummert zu seiner Jitte, in ein besseres Leben.

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