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Der Israelit · 1899-09-12 · Heft 72-73 (12.9.1899) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 72-73 (12.9.1899)
Date
1899-09-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1534 hat sie ja doch Mann und Kind für deren Wohl zu beten ihre heilige Pflicht. Die Sabbathlampe wirft ihr Licht auf das durchgeistigte Antlitz der zärtlichen Mutter und liebevollen Gattin. Eine bunte Decke verhüllt die Sabbathbrode, die auf des Hausherrn Gedeck stehen, daneben eine Flasche Wein und der silberne Kidduschbecher. Da erschallen des Hausherrn Tritte, noch einmal schweift der prüfende Blick der Hausfrau über das Angeordnete, siehe, es fehlt nichts zur Begrüßung des Sabbath. Mit freundlichem gut Schabbos-Wunfch betritt der Hausherr seine Wohnräume. Er kommt aber nicht allein, ihn begleiten die Engel des Friedens, die Engel des Höchsten, sein Mahl soll auch ein Orach, ein herumwandernder Armer, ein vom Glücke Enterbter theilen. Friede mit euch, das alte herrliche Lied stimmt er voll Innigkeit an und auch der biedren Frau singt er eine Lobeshymne. Nachdem er seine Kinder gesegnet, das Kidduschgebet gesprochen und die Hände gewaschen, setzt er mit seiner Familie sich zu Tisch. Es ist ein frugales Mahl, das eingenommen wird, ein Gourmand würde damit nicht vorlieb nehmen, aber dennoch umspielt Glück, Zufriedenheit das Antlitz aller Teilnehmer. Der Mann, der an den Werktagen unter seiner Last gekeucht, heute fühlt er sich frei, er ist ein König in seinem Hause. Geschwunden sind Kummer und Sorgen. Heute denkt er nicht daran, daß er an den sechs Werktagen verhöhnt, verspottet, von Ort zu Ort wandern mußte, unl für sein Haus zu sorgen; heute ist alles Leid von ihm gewichen. Die Sabbatweihe beglückt und entschädigt ihn für das Werktagselend, — Schabbos kennt er nichts anderes, als beseeligende, Herz und Geist erhebende Ruhe. Und welches Haus immer wir betreten, überall lächelt uns ein Bild trauten Friedens, reinen Glückes entgegen. Jedes Antlitz, ja jedes Geräth hat den Siegel des sabbatlichen und weihevollen ausgeprägt. Ueberall herrscht Licht, Freude und Wonne. Ein Freitagabend in einem ächt jüdischen Hause, wer einen solchen miterlebt, mitgefühlt, der allein weiß, welche belebende Kraft dem Judenthume innewohnt, weiß, daß es neben dem religiösen Sinne auch die herrlichste Edenpflanze, den Familiensinn, das Gefühl der Zusammengehörigkeit reift und zeitigt. So war es einst; jetzt ist es leider sehr oft anders geworden. Im jüdischen Hause ist es am Freitagabend schaal, fad, öde, leer, frostig, finster, trotz Gas und Electrizität. Der innere und*der äußere Mensch tragen keine. Festtagsgepräge an sich, den Gatten zieht's mit dämonischer Gewalt in die lärmende Gesellschaft, auch heute ist ja die Sorgenfalte auf seiner Stirn nicht geglätteter und er muß sich zerstreuen, Gattin und Familie suchen auch ihr Vergnügen auswärts, das jüdische Haus aber, es trauert am Sabbat, es ist öde, düster, von keinem Lichtstrahl erhellt. Doch wenden wir uns dem alten jüdischen Hause zu. Das Mahl ist beendet, auch die Semiros lelel Schabbos sind verklungen und das Tischgebet verrichtet. Nun folgen die rein geistigen Genüsie. Der Vater verhört seinen Sohn, was er in der letzten Woche im Cheder gelernt. Und der kleine Jsak hat sein Pensum inne. Der Vater lächelt zufrieden ob der verständigen Antworten, die Jsak gibt, und die Mutter, ihr Blick ist gen Himmel gerichtet, möchte ich doch die Sechijah haben Jsak mit dem Raw disputiren zu hören, das ist ihr Gebet. Inzwischen sind die Lichter herabgebrannt, ein brenzlicher, penetranter Geruch wird verspürbar und es ist doch Sabbat, man darf die Lichtscheere nicht berühren, geschweige die Lichter putzen oder gar erlöschen. Da erscheint der rettende Engel in Gestalt der Schabbosfrau. In der Regel war es ein altes, halbblindes Weib, das zur Schabbosfrau auserkoren war, die Lichter reinigte und auslosch, im Winter das Ofenfeuer entzündete und erhielt. Doch diese Zeilen gelten einem Mann, der die Schabbosdienste versah. Er lebt noch, ist aber, nachdem er zu z. D. gestellt, bereits eine historische Persönlichkeit. Johann, Anton, Vaclav, Pospichik Eisenbrecher, oder kurzweg Hansl genannt, war das Muster eines Sabbatdieners, sozusagen dazu geboren. Trotz seiner vielen Namen, war er weder vom Adel der Gesinnung, noch floß blaues Blut in seinen Adern, er war vielmehr ein ganz gewöhnlicher, sogar zu gewöhnlicher Mensch. Sein Vater war ein ehrbarer Schuhmacher, der im Schweiße harter Arbeit ein kleines Häuschen und ein paar Stückchen Grund sich erworben. Hansl war sein einziger Sohn und Erbe. Aber nicht immer übernehmen es Kinder, den Namen der Eltern in Ehren zu halten, nicht immer setzen die Träger als Erben des Namens das fort, was die Eltern begonnen; ein solcher Sohn, der nicht vom Geiste des Vaters beseelt, war Hansel; er machte seinen Eltern wenig Ehre. Auf den Unterricht war sein Sinn niemals gerichtet, zumal auch die Vorsehung mit Geistesgaben ihn stiefmütterlich nur bedacht; seines Vaters Handwerk zu erlernen hatte er keine Lust, wenn er auch oft mit dem Knieriemen seines Vaters in Berrührung kam, er konnte sich mit ihm nicht befreunden. Er wuchs heran ohne sich irgend einer Thätigkeit zu widmen. Von Natur aus scheu uitb furchtsam, gesellte er sich nicht zu seinen Altersgenossen nichtjüdischer Confessio«, die ihn schlugen und hänselten, seine ganze Sympathie galt den Chederkindern, die ihn milde und schonend behandelten. Und der Anschluß an die jüdischen Schulkinder war für sein Leben bestimmend.

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