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Der Israelit · 1899-09-12 · Heft 72-73 (12.9.1899) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 72-73 (12.9.1899)
Date
1899-09-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1535 Der eine oder der andere der Kammeradcn holte ihn Samstags von der Gasse weg, um das Feuer zu schüren, einen Brief zu öffnen und dgl.; allmählig erlernte er diese kleinen Künste mit einer gewissen Virtuosität zu verrichten und schließlich ward es sein Ideal, dem Dienste eines Schabbesdieners ganz sich hinzugeben. Die Arbeit war leicht und die Bezahlung gut. Für jede Dienstleistung ein Stückchen Barches, ein Gläschen Schnaps, dabei ani Ende eines jeden Semesters einige Sechser, das konnte ihn schon ernähren. Das Glück wär ihm hold, sein Wunsch ging bald in Erfüllung. Die alte Marie, die priveligirte Schabbesfrau ging den Weg alles Fleisches; Hans bewarb sich um die vacante Stelle und wurde von 5<> Familien als Schabbosdiener angestellt. Die Dienstgcber hatten diesen bedeutungsvollen Schritt nicht zu bereuen; Hans wurde das Muster eines Sabbatdieners. Er schneuzte die Lampt n, so daß sie prächtig brannten, entzündete das Feuer, fachte es an, ohne daß man ihn rufen mußte, war immer zur rechten Zeit bei der Hand, man brauchte ihm niemals etwas zu befehlen, wußte er doch, daß der fromme Jude selbst seinen Schabbosdiener nicht auffordern darf, den Sabbat zu entweihen; er verstand eben seinen Dienst, wie keine Schabbosfrau vor ihm; er erbrach einen Brief, ohne das Papier zu beschädigen, las seinen Dienstgebern den Wunsch an den Augen herunter. Er brachte den schönsten Scheuersand zum Pefachmachen, holte das herrlichste grüne Laub zur Sukoh-Decke, wußte, wo die schönsten Bachweiden zu finden, die er für Hoschano Rabbo herbeiholle. Hans blieb lange Junggeselle, wenn auch nicht ganz unfreiwillig, denn sein Aeußeres war wenig verlockend; endlich schloß ihn die blöde Katinka in's Herz und sie war seiner würdig, stand ihm in geistiger Beziehung und an körperlichen Reizen nicht nach. Wohl kennen wir Hansl erst seit einigen Jahren, aber auch in feiner Jugend war er kein Adonis uns seine Ehehälfte hätte nur einem Maler naturalistischer Richtung als Modell dienen können. Hansels Bekanntschaft machte ich auf eigenthümlicher Weise. Am ersten Sabbat nach dem Amtsantritte meines Freundes in C., verließ ich mit ihm das Gotteshaus, als wir im engen Gäßchen, das zur Amtswohnung führte, einen großen, hagern Mann trafen. Seine Kleider waren ärmlich, aber rein, die Beinkleider viel zu kurz, die Schuhe zu groß. Das kleine, magere Gesicht war glatt rasirt. (Hans erhielt nämlich von seinem Nachbar allwöchentlich den gebrauchten ir. pig-., mit dem er sich die Bartstoppeln barbirte und oft genug das Gesicht verbrannte), die niedrige Stirn und die blöden Augen zeigten, welch' Geistes Kind die neue Bekanntschaft war. Als er des Rabbiners ansichtig wurde, verbeugte er sich und sprach: „Gut Schabbes, küß' Ihnen die Handerle, gnädiger Herr Row leben; die heilige Predigt; die heilige Thorali; der heilige Schabbes; der heilige Geist, Herr Rabbiner, Herr Row leben," dabei heulte und weinte er, legte die Hände auf den Leib, schnitt fürchterliche Grimmassen und beugte sich so tief, daß sein Haupt fast den Boden berührte. Der Mann begleitete uns bis zu unserer Wohnung, ohne sich in seiner Begeisterung, in seinem Lärmen und Schluchzen stören zu lassen. Ich erkundigte mich, wer dieser Mann sei, man sagte mir, das fei Hansel, der gewesene Schabbordiener, auch seine Lebensgeschichte war leicht in Erfahrung zu bringen, da wir nach der Unterbrechung zum Abschlüsse bringen wollen. Es kam die Zeit der Freiheit, nichtjüdischer Geist beseelte die Herzen, ein großer Theil der Gemeindemitglieder in C. begann den Sabbat zu entweihen und konnte den Sabbatsdiener entbehren. Ein Theil der Gesetzestreuen nahm nichtjüdische Dienstboten in's Haus und die wenigen, die an den heiligen Traditionen fefthielten und Hansels Dienst noch bedurften, konnten ihn nicht reichlich genug entlohnen, Hansels Kundenkreis verringte sich allmählich, er sank von Stufe zu Stufe und schließlich ward er zur Disposition gestellt. Hans kam immer mehr in schlechtere Verhältnisse, der Begriff zwischen mein und dein begann zu schwinden und er nahm alles mit, was nicht festgenagelt war, er stahl Kleider, Schuhe, Holz, rohe und gekochte Speisen. Wurde er bei einem Diebstahle erwischt, so klagte er den bösen Geist an, der ihn dazu verleitete, dabei schluchzte und weinte er, daß es einen Stein erweichen konnte. Er griff häufiger zur Schnapsflasche, als zu ehrlicher Arbeit, der Fusel raubt ihm den geringen Rest seines Verstandes. Aber auch bei der Schnapsflasche stand ihm seine Gattin getreulich zur Seite. Katinka erlag vor Jahren schon dem Delirium. Hans lebt noch, aber aus seinen Augen glänzt der Wahnsinn. Es ist ein religiöser Wahn, der Hansel befallen. Er besucht täglich die Kirche, spricht nur vom gottlieben Geist rc., geht aber auch fleißig in die Synagoge. Er heiligt den Sonntag, aber auch an Sabbat und jüdische Feiertagen ist er festlich gekleidet, dann spricht er von Mazzot, Sukoh, Schaufor und dem heiligen Simchas Thora. An den jüdischen Feiertagen sucht er die jüdischen Häuser auf, um einige Speisereste iss WpIang zu nehmen^ Ab und zu verschafft ihm der böse Geist einen fetten Braten, sonst nährt er sich kümmerlich durch Herbeischaffen von Spülsand und Holzhacken. Hans ist ruhig^unv in sich gekehrt, wenn nicht ge-

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