Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 71 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1514 wieder Ruhemoment, die Stimme des Vorbeters wird leiser, das Tempo schneller und ehe man sich versieht, wird ausgehoben, und jetzt erscheint zum zweitenmale der weihevolle Moment kantoraler Kraftleistung!! — So sieht es leider in vielen Gemeinden, nicht nur auf dem Lande, aus, und die» Bild spricht beredter als alle Klagen über die Mängel der Vorbildung der Vorbeter. Wie einerseits der junge Kantor nicht häufig genug, täglich, stündlich, mit Aussprache, Langsamkeit und'Deutlichkeit die schärfste Selbstprüfung und Selbstzucht vornehmen muß, so muß er andererseits seine Kraft und Mühe auf eine korrekte, würdevolle Behandlung des Rezitativs verwenden. Nebensächliches gibt es eben im rnnn gar nichts, und wenn man diese Bezeichnung vergleichsweise gebraucht, dann gebührt dieselbe in erster Linie den fälschlich sonst als Hauptsache gewürdigten Gesangspiecen, welche man sich auf vielfache Weise aneignen kann. Das Rezitativ ist und bleibt der Prüfstein wahrer kantoraler Kunst, hier sind die „starken Wurzeln unserer Kraft", hier finden der junge und alte Kantor eine unerschöpflische Quelle der edelsten gemüthvollsten Anregungen, hier findet er das Gefühl und die Empfindungen, welche ihm berichten, von den Leiden und dem Sehnen des jüd. Volkes. Eine praktische Gelegenheit zum Genüsse dieser wunderbaren Macht und Schönheit des jüdischen Rezitativs gewährt z. B. der Besuch des Gottesdienstes in der Synagoge der isr. Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M., wo der Oberkantor dieser Gemeinde, Herr Friesländer, in meisterhafter Beherrschung und kunstvoller Behandlung des Rezitativs so recht vorbildlich und muftergebend wirkt, und hinsichtlich Auffassung, würdevollen Vortrags und Gefühlstiefe jene Wirkung erzeugt, welche mit Recht begeisternd wirkt, an welcher die Andacht und Festesstimmung der Gemeinde sich emporrank u und von welcher Lewandowski einst äußerte, daß sie die Erhabenheit des „alten nuin" mit dem Wohllaut des „Reuen" vereinige. In einem feiner Werke spricht sich außerdem Lewandowski über das Rezitativ folgendermaßen aus: „Es ist eine unbestrittene Wahrheit, daß keine Nation der Erde auf dem Gebiet d s rituellen Rezitativs einen größeren Schatz besitzt als wir. Unser Gebetbuch ist an sich, nach Inhalt und Form für di? Entwicklung des Rezitativs vortrefflich angelegt. Der Vorbeter ist angewiesen, die oft sehr umfangreichen Gebetstücke laut und melodisch vorzutragen. Wenn nun dieses Material uns erhalten bleiben soll, dann dürfen wir es nicht, jwie es leider am meisten bei unseren Glaubensgenossen selbst der Fall ist. mit Hohn behandeln. Der musikalische Ausdruck für unsere Gebetweise ist ein heiliges Erbe, geschaffen ohne musikalische Bildung, ohne kritische Untersuchung, einzig und allein der fromme Erguß heiligster Inspiration .... Und wenn wir auch die Sprache unserer Väter verlernt haben, das Verständnis für sie und unsere herrlichen Tonweisen müssen wir wieder gewinnen, dieselben erhalten und pflegen. Wer empfände nicht in ihnen die Sprache unseres Volkes Und ein anderer Altmeister im fynagogalen Gesang — Bär aus Gothenburg — schreibt: „Weiß doch jeder Sachkundige, daß wir nicht für alle Gebetstücke traditionelle Melodien besitzen, sondern daß gerade die längsten Gebetstücke den freien Ergteßungen des Vorbeterherzens anheim gestellt sind. Hier ist es aber auch, wo der pn sein Talent, Gemüth, seine Kenntnisse auf dem Gebiete des jüd. Gesanges, kurz seine ganze Individualität hervorireten lassen kann!" Und diese Kunst, der eigentliche Höhepunkt des Vorbeterdieustes, der verständige nbvri byi kann nicht erlernt werden durch Roten oder Gesangswerke, sondern von Mund zu Mund, von der begeisternden bildenden Macht berühmter, kenntnisreicher Vorbilder, und auch dann nur auf Grund liebevollen eifrigen Versenkens in die Vortragsart und Auffassung des Meisters, sowie durch Verständnis und gewissenhaften Eingehens auf Text und Sprache. Dieser Hauptpunkt kantoraler Thätigkeit rechtfertigt in erster Linie die Nothwendigkeit geeigneter Vorbereitungsanstalten und Fortbildungskurse für die Vorbeter. Ein weiterer Vorwurf, welcher dem Vorbeter von jeher zur Last gelegt wurde, ist der des unmäßigen Dehnens und Schleppens beim Vortrage, sei es durch unmotivirtes Dehnen der Worte uno Silben (die Leute nennen es „Ziehen"), oder durch Einlage von Koloraturen und fremdartigen Zusätzen. Dieser Vorwurf reicht bis in das 12. und 18. Jahrhundert, wo, wie wir in der Einleitung geschichtlich dargelegt haben, die Unwürdigkeit der Vorbeter den Verfall des Synagogengesangs herbeiführt, damals tauchten auch zum erftenmale die warnenden Stimmen der damaligen großen Gesetzeslehrer, Afcher den Jechiel (Rösch), sowie später Jeschajah Hurwitz und Salomo Lurie auf, welche gegen die Unsitte des Verschleppender Gesänge eifern, gegen die Störung der Andacht und die nicht zu rechtfertigende Verlängerung des Gottesdienstes auftreten, welche durch solches Gebaren und durch Einlage von Schnörkeln und unschönen Eitelkeiten erzeugt werden und eine unverantwortliche Belästigung des Publikums Hervorrufen. Diese wären sogar um so sündhafter, als dadurch eine regelrechte Unordnung im Gottesdienst einreiße und namentlich an den Festtagen die Festesfreude und der Genuß im Gotteshause zu einer Plage verkümmert werden. — Aber diese verständigen Zurechtweisungen fanden damals kein Gehör. (Wie