Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 71 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1507 Dank darbringen. Im Gotteshaus müssen die zartesten und edelsten Saiten des menschlichen Herzenecklingen. Dort wird das zarte Kind, das eben erst das Licht der Welt erblickt, in den Bund der Väter ausgenommen; dort verherrlichen die Söhne den Namen Gottes und legen dadurch Zeugniß ab von dem innig religiösen Sinne, in dem ihre dahingeschiedenen Eltern gelebt und sie erzogen worden. Dort in der dem Herrn bereiteten Wohnung, stehen die heiligen Rollen jenes ruhmwürvige, viel umworbenene Banner, durch welches unsere Vorfahren einst so herrlich ausgezeichnet wurden, jenes Banner, welches sie durch brausende Stürme und sausende Wogen über Scheiterhaufen hinweg gerettet und in muthigem Gottvertrauen vor den Augen b r Feinde feierlich entrollt haben. Dort strahlen jene Flammenworte im lichten Glanze, welche von Völkern zu ihrem Panier entlehnt worden, und dessen sich selbst diejenigen rühmen, die es nicht einmal in seiner ganzen Klarheit und Reinheit zu erfassen vermocht haben. Wahrlich, wenn wir hier den Namen des Ewigen anrufen, da sollten wir, von dem reinsten Geiste erfüllt, mit den geweihtesten Lippen ihn aussprechen. Da sollten alle fremden Gedanken geschwunden sein und nur das ewige, unendliche Urwesen uns erfüllen und uns umschweben. So heißt es im Traktat Berachot: na bp nb Q’BHpn 'B>-tp rva n::z paa mian w -i;:a wi paxa xS' imrca nb: iSysaa nb'i iSpaa nb Iran ir6 a:a> Km:Dp i:w nb', bw „Man benehme sich nicht leichtsinnig, wenn man gegen das östliche Thor des Tempels sich gerichtet hat, denn es ist gegen das Allerheiligste gerichtet. Nicht gehe man auf den Tempelberg mit seinem Stabe, mit seinen Schuhen, mit dem Geldgürtel, nicht mit dem Staube auf seinen Füßen, und man benutze ihn nicht als Richtweg." Des heiligen Tempels Mauern, sie liegen nun darnieder. Das Opfer imrö schon längst nicht mehr dargebracht auf jenem heiligen Berge. Die 'na -ro;a Synagogen sind die Heiligthümer geworden, die an Stelle jenes erwählten Hauses getreten sind, und jene Warnung unserer Weisen, sie bezieht sich jetzt auf unsere Gotteshäuser, wie damals auf unfern Tempel, denn sie sind es, die ja genannt werden vpv Bnpa kleine Heiligthümer. Denn in ihnen opfern wir nach dem Propheten Hoseah der Lippen Worte statt der Rmder. Wollen wir daher Gottes Größe huldigen, so dürfen wir es nicht leicht nehmen in den Thoren dieses Heiligthums, wo wir ja erhoffen, daß unseren Gebeten die Thore des Himmel« geöffnet werden, auf daß es zu Gott dem Allererbarmer und Allerhalter dringe und von ihm gnädig ausgenommen werden möge. Wir dürfen nicht mit dem Stab, nicht mit dein trügerischen Bewußtsein irdischer Größe und Kraft das Gotteshaus betreten. Wir müssen von der Gewißheit durchdrungen fein, daß alle irdischen Hilfsmittel, alle Güter undShätze dieser Welt nichts fruchten, daß die einzige, wahre Stütze der Segen des Ewigen ist, der uns zutheil wird, wenn wir Ihn in Wahrheit durch die Beobachtung seiner heiligen Thora suchen. Die Schuhe sollen wir ablegen, die unsere Füße bekleideten, als wir unserem Erwerb nachgejagt, an denen der Staub der Schuld haftet. Denn gar oft liefen, wie es in den Sprüchen Schelomoh's (1,16) heißt, unsere Füße zum Unheil. Unser Handel und Wandel war nicht immer ein lauterer, und wir haben bei der Erlangung irdischer Mittel unserer Milmenschen Rechte nicht geachtet und sie in den Staub getreten. Wie können wir enun wagen, vor den Richter zu treten, der uns durchschaut und durchforscht, der seine Sonne allen leuchten läßt, dessen Güte allen zutheil wird und Leben und Nahrung schenkt, und dessen Güte auch wir erbitten. Wie können wir an Ihn unsere Bitten richten, wenn wir nicht erst unseren Verpflichtungen unseren Mitmenschen gegenüber Nachkommen, wie ja auch unsere Weisen im Tractat Joma sagen, daß Gott uns nicht eher Versöhnung mit Ihm, dem Hochheiligen, uns angedeihen lasse, als bis wir unseren Nächsten zufrieden gestellt haben. Daher müssen wir die Schuhe ablegen, die Schuhe mit denen wir das Recht zu Boden getreten haben. Aber auch der Geldgürtel, er darf nicht mit ins Heiligthum gebracht werden. Mag bei den Menschen das Geld auch eine Macht ausüben, mag es verblenden die Augen niedrig Gesinnter, mögen die Staubgeborenen sich bücken vor dem Hochmüthigen, der sich im Wahne seines Stolzes selbst beihört und nicht an das Ende seine« Daseins denkt,- vor Gott, da gibt es kein Ansehen der Person. Mag der Reichthum zeitweilig das Auge des irdischen Richters trüben, mag er im Stande sein, ihm das Schwert der Gerechtigkeit zu entwinden; des höchsten Richters Auge, es bleibt ewig klar und seine Zuchtruthe unentwegt in seiner Rechten. Der Ewige umfaßt alle seine Geschöpfe mit gleicher Liebe, vor Ihm gibt es weder Rang noch Stand. So sollen wir allen Staub von den Füßen, alle irdischen Neigungen aus unserem Herzen entfernen, bevor wir Sein Heiligthum betreten. Und nicht mögen wir das geweihte Haus Gottes als Richtweg betrachten, nicht als einen Durchgang. Wie mancher geht dorthin, um sich, gleichsam im Vorübergehen, seiner Verpflichtung zu entledigen oder der Gewohnheit halber. Wie wenige betreten das Gotteshaus mit dem heiligen Schauer, der uns befallen sollte, wenn wir bedächten, daß wir hier einem mächtigen Herrn unsere innigsten Wünsche Vorbringen, einem Herrn, in dessen Hand unser Leben, unser