Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 71 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1506 Jehudi, eS ist unbeschreibbar durch Worte, es ist daS hehrste, heiligste Feuer, die uneigennützigste Gottes- und Menschenliebe, die lichtvollste Flamme religiöser Begeisterung, sie ist das erhabenste Zeichen wahrhafter, echter Menschlichkeit, lauterster Denkungsart. So mögen wir denn alle Ohr und Herz dem Rufe öffnen, der in diesen Tagen zu uns her über erschallt, mögen auch wir bestrebt sein, jenes Hochgefühles theilhaftig zu werden, welches in dem von wahrhafter Reue erfaßten Menschen ersteht, und uns zum Allmächtigen wenden mit unserm ganzen Herzen und Gemüthe und seinen heiligen Namen anrufen. Wie aber treten wir auf würdige Weise vor Gott? Wie dürfen wir es wagen, uns ihm zu nahen? Wie werden wir hoffen dürfen, die ersehnte Verzeihung von ihm zu erlangen? Wohlan, dieses werden wir verstehen lernen, wenn wir den Sinn der Worte (5. B. Mos. Kap. 32 V. 3) erfaffen und beherzigen, der Worte, die der größte aller Propheten uns zuruft an inpn *n ötr a „Wenn ich den Namen des Ewigen anrufe, anerkennet die Größe unseres Gottes!" Ja erkennen wir die Größe unseres Gottes an, unseres himmlichen Richters, und das Mittel zur Buße liegt klar vor unseren Augen, und Verzeihung wird uns werden. Wie oft im Leben rufen wir zum Höchsten, wie oft sprechen wir Seinen heiligen Namen aus, wie oft suchen wir Zuflucht bei Ihm und treten betend vor Ihn hin. Aber dennoch erfassen wir nicht die ganze Größe, die ganze Glorie seines Namens. Betrachten wir, soweit wir es als Staubgeborene nur vermögen, dieses einzige Wesen Von Ewigkeit her war Er da, Er rief aus dem Nichts hervor der unendlichen Welten zahllose Körper. Er schuf in seiner unergründbaren Weisheit das All und lenkt und regiert es nach unabänderlichen Gesetzen. Seine Hand leitet den Himmel und die Erde und der unermeßlichen Fernen zahllose Sterne ziehen ihre endlosen Bahnen auf Sein Geheiß. Seine Fürsorge erstreckt sich aber auch auf den Wurm, der da kriechet auf der Erde, wie sie wachet über die Geschicke alles Seienden. In des Allmächtigen Hand liegt unser Dasein, durch Seinen Willen leben wir und durch seinen Befehl werden wir der Erde entrückt. Dies ist der König, vor den wir hinzutreten wagen. Sollte uns da nicht ein heiliger Schauer ergreifen, eine hohe, durch Worte nicht beschreibbare Ehrfurcht erfaffen, wenn wir den Namen des Ewigen aussprechen. Werden wir da nicht alle unsere Kräfte daran setzen, Seinem heiligen Willen gemäß zu leben und uns bestreben, den höchsten Grad menschlicher Vollkommenheit zu erlangen. Da gilt es aber, genau auf unsere Wege zu achten, unser Augenmerk auf jeden unserer Schritte zu richten. Da gilt es eine durch Gottes Wort geregelte Einheit in unserem Denken und Handeln herzustellen, alles im Hinblick auf den Höchsten zu überwachen und zu ordnen. Wie gering und unrichtig beurtheilen doch jene den Weltenschöpfer, welche nach menschlicher Art ihn bemessen und wähnen, der große Geist, der so riesige Dimensionen geschaffen und die unzähligen Körper ins Dasein gerufen hat, beachte nicht den Einzelnen und sähe über das Kleine hinweg. O, über diese Kleingläubigen, über diese Armen an Gedanken und Geist! Als ob dies nicht menschliche Schwäche sei, die sie dem großen Gott und Herrn alles Seins andichten. Sollte Er, der das All aus dem Nichts hervorgerufen hat, nicht imstande sein, das All zu durchdringen, und besteht Seine Weisheit nicht gerade darin, daß Er selbst das Kleinste nicht außer Acht läßt? Und darum ist es die erste Bedingung, wollen wir vor Ihm rein erscheinen und Seinen Namen in Wahrheit anrusen, jedesmal, wenn wir unsere Augen zu Ihm emporheben, Sinn und That zu durchforschen und dadurch Zeugniß von der uns bewußten Größe des Ewigen abzulegen. Wie oft erwähnen wir im alltäglichen Leben den heiligen Namen, wie mancher bekräftigt sogar irdischer, geschäftlicher Vortheile halber seine Aussage durch den heiligen Eidschwur! Gar manchesmal wird in lästerlicher Weise der ewige Vater zum Zeugen einer schnöden Unwahrheit angerufen, ohne daß ein solcher Mensch bedenkt, daß er dadurch sein Gewissen aufs schwerste belastet. Der Gott, der von Ewigkeit zu Ewigkeit regiert, der selbst und allein die Wahrheit ist, wie wird Sein Name so oft entweiht! Und dieselbigen, die sich dieses Vergehens schuldig machen, sie treten hin Morgens und Abends und preisen mit derselben Zunge, die zum Werkzeug der Verleugnung des Ewigen gedient hatte, des Allvaters Einheit und Wahrhaftigkeit und wenden sich in der Roth zu Ihm, um Hilfe flehend, zu Ihm, den sie so arg beleidigt haben. — Wahrheit und Gradheit sind die ferneren Bedingungen, wovon der Mensch beseelt sein soll, Ehrfurcht vor dem ewigen Schöpfer und Richter, in dessen Hand das Heil und der Segen ruhen, der belohnt und bestraft. Ehrfurcht und Scheu vor dem heiligen Namen, sie bezeugen die Größe unseres Gottes, und mit ihnen im Herzen werden wir jederzeit vor den Allvater treten dürfen, und er wird unsere Buße und unser Gebet mit Wohlgefallen aufnehmen: — Die heiligsten unserer Gefühle aber müssen wachgerufen werden, wenn wir das geweihte Haus betreten, worin wir uns mit Gott gleichsam vereinigen, worin wir bei allen Wechselfällen des Lebens, bei freudigen Ereignissen, wie in den Tagen des Leid's und der Noth unsere Bitten Gott vortragen und Ihm unsern