Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 69 (31.8.1899)
- Date
- 1899-08-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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n. Jahrgang. Erste Beilage;u M 69 -es „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correfponden;e«. Deutschland. Mainz, M. August. (Die Vorgänge in Coblenz.) Die Schilderung, die unser -t-Correspondent von den Vorgängen in Coblenz entworfen, hat uns eine ganze Reihe Zuschriften von innerhalb uno außerhalb der Mauern Coblenz eingetragen. Zunächst konstatiren wir, daß man selbst tn den Kreisen des allg. deutschen Rabbinerverbands das selbstherrliche Vorgehen de« Herrn Dr. Maybaum scharf verurlherlt. Man wirst vor allen Dingen dem Herrn vor, daß, bevor er in diese Angelegenheit so tiefeinschneidend eingegriffen, er sich bester über dieselbe hätte informiren sollen. Es wäre ihm dann wohl inne geworden, daß der Riß in dem Verhältniß zwischen Rabb. und Gemeinde bereits ein so großer war, daß eine Verkleisterung als vollständig unmöglich erscheinen mußte. Derartige Informationen hätte er um so leichter baden können, als kurz vorher fein College und Gesinnungsgenosse Plaut—Frankst, in Coblenz gewesen und trotz aller seiner Bemühungen den Frieden wiederberzustellen, resultatlos heimkehren mußte. Man fragt sich ferner mit Recht, welchen Zweck diese Flucht in die breiteste Oeffentlichkeit haben sollte. Zugegeben einmal, der A. D. R. sei das jüdische Reichskammergericht, befugt, über ganze Gemeinden den „Cherem" zu verhängen, hätte es in diesem Falle nicht genügt, wenn Herr Maybaum an sämmtliche Mitglieder seines Verbandes ein streng vertrauliches Schreiben gerichtet hätte, anstatt in der gesammten jüdischen und nichtjüdischen Presse die deutschen Rabbiner dem Fluche der Lächerlichkeit zu überantworten und nebenbei eine endlose Zeitungspolemik heraufzubeschwören? Daß Herr Maybaum als Dajan, Ed und Gerichtsvollzieher in einer Person die sofortige Publication in den Zeitungen des soeben von ihm gegen Coblenz gefällten Urtheils beschloß und aussührte, das hat man ihm am meisten verdacht. Eine Zuschrift übersendet uns der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Raphael Löb—Coblenz, in Form einer Berichtigung, die indeß nur Punkte von nebensächlichem Interesse betrifft. Im Großen und Ganzen scheint die Schilderung unserer -t-Correspondenz zutreffend gewesen zu sein. Unter Hinweglassung der unseren Correspondenten beleidigenden Ausdrücke entnehmen wir dem Schreiben das Folgende: 1. Der Vorstand bestehe nicht aus vom Lande hereingezogsne» Kauflemen. Von den drei Mitgliedern des „eigentlichen" Vorstandes wohnen zwei „fast" ein Vierteljabrhundert hier, der Dritte sei überhaupt kein Kaufmann, sondern Arzl. 2. Herrn Dr. Singer sei nicht in g-olge der „Proselytenmacherei" (sic!) gekündigt worden die Kündigung habe schon Monate vorher aus anderen Gründen stattgefunden. 3. Herr Dr. Singer habe die Gemeinde nicht auf den Rest seines Gehaltes verklagt, da er gegenwärtig noch amtire. Dazu erfahren wir von anderer Seite Folgendes: Es ist richtig, oaß der „Proselytenmacherei" noch andere Motive vorausgingen. Eines dieser Motive war, daß der Herr Rabbiner dem Herrn Lehrer in öffentlicher Religionsstunde, weil ihm dieser mit dem Stock gedroht, eme kräftige Ohrfeige applicirte. Damals erfolgte die Kündigung auf drei Monate, die von Dr. S. nicht ernst genommen wurde, als aber das nichtjüd. junge Mädchen seinen Unterricht nahm, erfolgte mittelst Einschreibebrief eine Kündigung per 24 Stunden, „gemäß Beschluß der Gemeindeversammlung" und diese war als eigentliche Kündigung zu betrachten. Ob es in der Gehaltsfrage schon zur thatsächlichen Klage gekommen ist, konnten wir nicht erfahren. Thatsache ist, daß dieserhalb zwischen Vorstand und Rabbiner weitgehende Differenzen extstiren. Herr Dr. Singer behauptet, oaß sein dreijähriger Contrakt noch ein Jahr laufe und beansprucht daher seinen Gehalt für ein weiteres Jahr. Entgegen der Warnung des Herrn Dr. Mrybaum haben sich eine größere Anzahl Bewerber gemeldet, u. A. Herr Dr. Mannheimer, Oldenburg. Ebenso sind auf die Stelle des pensionirten Herrn Lehrers Friedberg viele Meldungen eingegangen. In Folge der gehabten Aufregungen ist Herr Dr. Singer gefährlich erkrankt. Mainz, 23. August. (Ein Nachkomme Moses Mendelssohns amtlich tot und doch lebendig.) Heute stellte sich auf unserer Redaktion ein alter Mann in desolatestem Zustand vor, der sich durch Dokumente als der Enkel eines leiblichen Bruders des großen Philosophen Moses Mendelssohn legitimierte und seit dem Jahre 1893 als Lebendig-Toter durch die Welt irrt. Die Schicksale dieses Mannes sind so verworrene, so unglaubliche, daß die Feder kaum imstande ist, die Erzählungen von dem Dasein, das der unglückliche Mensch seit sechs Jahren führt, niederzuschreiben. Aber jedes Wort wird bewiesen und belegt durch Dokumente und amtliche Schriftstücke, die im Laufe der Zeit allerdings in eine traurige Verfassung geriethen. Ebenso sieht der Mann selbst aus; eine mittelgroße Erscheinung mit einem an die patriarchalischen Köpfe der Stammväter erinnernden, scharfgeschnittenen Antlitz, das von einem langen ungepflegten