Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 69 (31.8.1899)
- Date
- 1899-08-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1467 hüpfte singend und gestikulirend, mit Händen und Füßen den Takt schlagend, ein Männchen hervor; es war der Vorsänger der Gemeinde, der den Rabbiner mit einem „Boruch habo" begrüßte. Der Gesang war hübsch, aber die Grimasien, o! Auf den Abendgottesdiensi folgte die Antrittsrede, und die schöne Feier hatte ein Ende. Müde und abgespannt bezogen wir die Amtswohnung. Am Abend fand ein Diner statt, wobei gut gegesien, aber desto schlechter gesprochen wurde. Auch die Nacht ging ruhig vorüber, ich träumte zwar viel von Toasten und Blechmusik, im Traume verwechselte ich sogar beide Begriffe, aber trotz alledem that der Schlaf seine Pflicht, ich war frisch und munter, als ich das Bett verließ. Wir hatten aber kaum das Frühstück eingenommen und versuchten es uns, vom Fenster auüber das Leben und Treiben in der Gaffe zu orientiren, da ging ein Weib vorüber, das unsere ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie hielt laute und vernehmliche Monologe — nicht viel kürzer als die Schleiermacher'fchen —; doch wenden wir uns vorerst ihrem Aenßeren zu. Sie war von kleinem Wüchse, mager, das schmale Gesicht war erdfarben, mit Runzeln bedeckt, der Mund mit großen Zähnen so breit, daß er fast bis an die Ohren reichte, die Augen klein, triefend, mongolische Kalmuckaugen, die mit gelblichen und rothen Punkten durchsetzt waren. Die Kleidung war ihren körperlichen Reizen angepaßt. Ein kurzer Kaltunrock, der kaum bis an die Knöchel reichte, eine zerrissene Jacke von nicht zu bestimmendem Stoffe, ein wollenes Kopftuch, das die kurzgeschnittenen Haare nicht ganz verbarg, darin bestand die Toilette, die nackten Füße steckten in Halbschuhen, die mit Strohwischen festgebunden waren. Das Alter war nicht zu bestimmen, sie konnte zwischen 50 und 60 sein, später erfuhr ich, daß sie 80 Jahre alt, wahrscheinlich hat sie der Zahn der Zeit ihres Aeußern halber so wenig benagt. Die Frau ging sehr langsam, machte bei jedem zweiten Schritte eine größere Pause, es schien, als als wollte sie ousruhen, dabei sprach sie, wenn auch ohne Eile, fortwährend mit sich, aber das Selbstgespräch ward so laut geführt, daß uns kein Wort verloren ging. Wir fragten einen Vorgehenden, wer diese Frau sei, der Mann schien schwerhörig zu sein, desto lauter und polternder aber verbreitete er Tabakvuft, da rief uns eine Nachbarin zu: Das ist Ziperl. Kurzweg Ziperl, ein Lat exveben, sagte ich zu meinem Freunde, also eine Persönlichkeit in der Gemeinde, vielleicht eine traurige Berühmtheit! Doch lasten wir Ziperl selbst sprechen. „Man sagt", so begann ihr Monolog, „der neue Rom ist dick, einen dicken Rom *), hob ich noch 1) Rabbiner. nicht gesehen, e hochwürdiger Herr darf dick sein, ober e Row. Me sagt, der neue Row gebt nit gern wie darf me e so epes2) sogen, esscher3) gibt er jo gern, weil er dick ist? Vielleicht ist er so geboren, me macht ka Schmuoh. 4) Die Mad 9) ward doch nicht zu ihm gehn, er ist doch noch e lediger Jung, und e Mad ward doch nicht zu e ledigen Row gehen. Die Mad war immer brav, e Mad muß sich doch acht geben; nu jo, das fehlet mir ach noch. Haft e Mezieh!"9) Als sie mit dem Selbstgespräch fertig war, brach sie in eine fürchterliche Lache ans. Plötzlich wurde sie wieder ernsthaft und begann aufs neue zu sprechen. „Me sogt, Chajim Blinzlers 7 *) Tochter soll e Kalloh*) werden, hast e Mezieh, ka Geld, ka S'choreh.9) Er war gestern aner auf de Beschaue, hat aber genug gesehen." Me redet nicht, me macht ka Schmuoh! Me sogt, Blümle Bele ChajeS Hot in der Lotterie gewonnen, as sie gewunnen Hot, da« soll me nit erleben! Eine Mad muß brav sein, sie Hot sich ober bebravt, und weil so gor e so brav wor, Hot ihr stumm Awrohom 200 Gulden gegeben, das vor die Lotterie, aber me thor doch nichts reden, me macht ka Schmuoh! Und der Kaffee bei der Präsidentin von die Weiber, die Gall bätt ihr gewogt eraus gehen, was gibt sie mir Qwaschwaffer, 10) hast e Mezieh, aber me macht ka Schmuoh. Und Gitel Moscheh Daviden'«, weil sie ward leben, was sie for e gnädige Frau ist, kenn ka Einbrennsupp kochen und will Hunten und oben") on sein. Und Haschele KeurachS12) Tochter, mant ach mit ihr verdrehten Maul die Männer die Köpf zu verdrehen, hast e Mezieh, ewill sie ober kaner nit aufheben," Wieder ein großes, breites Aufiachen und Ziperl trippelte weiter. Also eine wandelnde Chronique scandaleuse! Ziperl, oder die Mad, wie sie sich selbst nannte, wiederholte ihre Selbstgespräche mehreremal täglich vor unserem Fenster und so erfuhren wir die kleinlichsten Tratschgeschichten; wir kannten bereits alle Leute des Ortes und deren Schwächen, ohne sie gesehen zu haben. Ziperl blieb aber ihrem Versprechen, den ledigen Rabbiner mit ihrem Besuche nicht zu beehren, nicht ganz treu, trotzdem sie dies alltäglich zum Gaudium der Straßenjugend abgab. Es war an einem Freitag Nachmittag, wir waren kurz nach Tisch, da vernahmen wir einen schlürfenden Tritt, ohne anzuklopfen ward die Thüre 2) so etwas. 3) vielleicht. 4) Gered, Getratsch. 5) Mädchen. 6) Fund, Glück. 7) Blinzeln, gleich schielen. 8) Braut. 9) Waare. 10) Abwaschwasser, Spülwasser. 1>) Obenan. 12) Keurach-Korach, ein Streitsüchtiger.