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Der Israelit · 1899-08-31 · Heft 69 (31.8.1899) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 69 (31.8.1899)
Date
1899-08-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1464 Herrn Sic, daß Jtzig ihr die Kirschenknödel, die sie ihm vorgesetzt hatte, an den Kopf geworfen habe." Der nach Polna entsandte Spezialuntersuchungsrichter de» Wiener Antisemitenblatte« erzählt nun, daß sich die Polnaer Juden darüber, daß Jtzig im Gasthause angezecht wurde, aufgehalten hätten. Das „Waihgeschrei" konnte freilich das in fröhlicher Weinlaune abgegebene Geständniß Jtzigs nicht mehr aus der Welt schafftn. Es stand schwarz auf weiß auf — Ansichtskarten." In den Abendstunden wurden die Einvernehmungen fortgesetzt. Das Resultat dieser Vernehmungen erforderte es, daß „unser College" sich sofort nach Groß-Jenikau begab, um daselbst weitere Zeugen zu verhören. Die Zeugenprotokolle wurden sodann versiegelt und nach Wien gebracht. Hier wurden sie dreimal copirt und je ein Exemplar dem Justizministerium, dem Kreisgerichte in Kuttenberg und dem von der Mutter des Ermordeten aufgestellten Vertreter übersendet. In diesem Tone plaudert der College de« Herrn Vergani weiter. Am elften August meldet er seinem Blatte in einem an auffälliger Stelle gedruckten „Nachtrag", daß ,,da« vom RechtScomitö bis zur Stunde gesammelte Beweismaterial geradezu sensationell ist. Alle diese blutrünstigen Plaudereien des Herrn Spezial-Untersuchungsrichter« des Verganiblattes haben jedoch kurze Beine. Jetzt stellt es sich nämlich heraus, daß die drei Inquisitoren — wie das ,D. Volksbl." in seiner fiylistischen Unbeholfenheit die Rechtssucher Vergant'« selbst nennt — den Knaben Jtzig allerdings in Spinnar's Hotel lockten und ihm zu trinken gaben. Darauf frug Sic den Knaben, der von allen Seiten als ein Idiot geschildert wird, ob er wisse, wo sein Bruder zur Zeit, da der Mord geschah, sich aufgehalten habe, worauf der Bursche antw riete, er habe an diesem Abend bei Sic bis zehn Uhr Abend« gearbeitet und könne daher keine Auskunft geben. Sic mußte da» bestätigen, redete aber trotzdem dem Knaben zu, er möge nur alle« sagen, was er wiffe, er wollte ihn später wieder zu sich in die Lehre nehmen. Allein Jtzig wußte nicht« mehr zu sagen, begab sich in trunkenem Zustand nach Hause und warf mit den Kirschenknödeln nach seiner Mutter. Da« Verhör mit dem sechzehnjährigen Knaben wurde in czechischer Sprache geführt, während der anwesende Redacteur des Verganifchen Blattes kein Wort böhmisch versteht — ihn natürlich nicht hinderte, das Protokoll auf der Ansichtskarte mit allem Eifer aufzunehmen und die sensationellen Resultate de» „Verhörs" brühwarm seinem Blatte mitzutheilen. Es verdient noch bemerkt zu werden, daß auch der verhaftete Leopold Hülsner gleich seinem jüngeren Bruder als ein Ghetto-Jdiot gilt, und daß selbst unter den Bauern der Polnaer Gegend keiner an dessen Schuld glaubt; ja selbst der „Inquisitor" Sic soll sich früher geäußert haben, er halte nicht den Hülsner, sondern vielmehr den „krummen Beran" für den Mörder. Gar mancher wird es dem Ehrenmann Vergani gar nicht einmal so verargen, daß er den Polnaer Mord durchaus zum Ritualmord stempeln will. Das Fabriciren von Ritualmorden ist ja das Geschäft des Geschäfts-Antisemiten Vergani, ist einer der wesentlichsten Punkte seine« Parteiprogramms. Mit der Gründung eines Blattes hat der ehrenwerthe Herr Vergani sozusagen die Obligation übernommen, für die Aufrechthaltung des Ritualmärchens, der christlichen Moral rc., einzutreten und man kann nicht von ihm verlangen, daß er sich dieser von ihm feierlich übernommenen Obligation so ohne Weiteres begebe. Was aber wird die Welt zum Verhalten unserer Regierung in dieser Affaire sagen? Dieselbe Regierung, die zwei Deutschnationale oder Sozialisten, die sich auf der Straße zufammenfinden, mit aller Energie auseinanderjagt oder wegen „Auflaufs" einsperren läßt, duldet da« schamlose Treiben eines „Rechts-Komitees", das Zeugen vorlädt und einem Verhör unterzieht, Protokolle anfertigt und Strafen androht, und so neben der ordentlichen Justiz eine Nebenjustiz etablirt, blos zu dem Zwecke, um der staatlichen Autorität eins am Zeug zu flicken und den Machenschaften der antisemitischen Zuhälter Vorschub zu leisten. Ein sonderbarer Rechtsstaat, wo solches geduldet wird! Hollefcharr, im August. (M i li tär - V e teranen-Verein der I sra el i tengemein d e Holleschau.) Militärische Commandorufe sind selten im Tempelvorhofe; angesichts der Synagoge sind sie hier in Holleschau noch niemals gehört worden. Am 18. August ertönten sie, als der Militär-Veteranen- Verein der Israeliten-Stadtgemeinde anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers zum erstenmale in die Oeffentlichkeit trat. Unter dem schneidigen Commando des Herrn Oberlieutenants I. Braun traten die vielfach mit Orden und Ehrenzeichen decorirten Krieger, welche die italienischen, böhmischen und bosnischen Feldzüge mitgemacht haben, in ihrer schmucken Uniform mit einem Musikchor an der Spitze an, und marschierten in tadelloser militärischer Haltung, gefolgt von dem Holleschauer (Christenstadt) Militär-Veteranen-Verein, der dem neugegründeten Vereine im geschlossenen Zuge mit der Fahne da« Ehrengeleile gab, zum Hause de« Herrn Bürgermeisters Salomon Zwilling er. Derselbe nahm von der Vereinsieitung das in herrlicher, künstlerischer Ausstattung verfertigte Diplom als Protektoll entgegen, und trat dann vor die Täte der in entwickelter Linie aufgestellten Veteranen, um eine von patriotischen und dynastischen Empfindungen beseelte zündende Ansprache zu halten, worauf der Generalmarsch geblasen wurde, und der

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