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Der Israelit · 1899-08-31 · Heft 69 (31.8.1899) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 69 (31.8.1899)
Date
1899-08-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1463 Inmitten reicher goldener, flott gezeichneter Ornamente ist die Widmung eingeftickt. Schlanke Säulen, von Blumen umrankt, Vasen mit farbig gestickten Iris tragend, rahmen das Mittelfeld ein, eine mächtige Krone, Embleme, Verzierungen tragen dazu bei, den festlichen Eindruck des kostbaren Vorhangs zu erhöhen, der nebst den dazu gehörigen fünf Decken für Kanzel rc., die ebenfalls mit reicher Kunststickerei versehen sind, die Ehrengabe eines hiestgen, bekannten Bankiers bildet, der diese Spende dem Andenken seiner verstorbenen Eltern geweiht hat. Es ist erfreulich zu sehen, welch' berufenen Vertreter dieses Genres des Kunstgewerbes Hamburg in der sich in ihren Werken nie wiederholenden, stets aber fortschreitenden Firma Eduard Joel besitzt. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. (Der neuste Ritualmord.) Ungemein posstrlich ist es zu sehen, welche Anstrengungen unsere bösen Antisemiten machen, um ihre arg zugerichtete Popularität wieder ein wenig auszupulvern und ihre schändlich zerschundene Fahne zusammenzuflicken. Das Allerköftlichste aber haben sie in den letzten Wochen geleistet; sie haben — man höre und staune — ein „Rechtscomitö" zusammengesetzt, ein veritables „Rechtscomitö", das sich die Aufgabe gestellt hat, das Recht zu finden und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen." An der Spitze dieser Action marschirt wie gewöhnlich das „Deutsche Volksblatt", besten weitgereister Eigenthümer und Chefredakteur Herr Ernst Vergani nicht allein als Abschreiber der Meyer'schen Reisehandbücher, sondern auch als gewesener Bürgermeister der Gemeinde Mühldorf, deren Besitzthum, bestehend aus mehreren Obligationen, er an sich zog, ohne sie wieder zu ersetzen, sich einen in weitesten Kreisen anrüchigen Namen gemacht hat. Herr Vergani ist pfissig und schlau. Als er die betrübende Wahrnehmung machen mußte, daß der Abonnentenstand seines von der Gemeinheit und Niedertracht lebenden Blattes im Schwinden begriffen sei, da kam ihm der Polnaer Mädchenmord gerade gelegen. Ein Jude Namens Leopold Hülsner wurde unter dem Verdacht, den Mord begangen zu haben, in Haft genommen. Vergani's edlen Jnstincte sagten ihm, daß hier etwas zu machen sei. Natürlich ein Ritualmord. Ein Ritualmord mit zahlreichen sensationellen Enthüllungen, in zehn bis fünfzehn Fortsetzungen, noch dazu am Ende eines Quartals, und um die Osternzeit herum, ist für ein Antisemitenblatt ein gefundenes Fresten, das nicht zu bezahlen ist. Vergani begann nun den „Ritualmord" auszuschroten. Er entsandte einen Spezial-Correspondenten nach Polna, der seinem Blatte erfundene Zeugenaussagen nach Wien telegraphirte, die derart grausam zusammengelogen waren, daß der Staatsanwalt das Blatt wiederholt cvnfisciren lasten mußte. Nun warf sich Vergani in die gesittete Brust, ließ durchschimmern, daß der Justizminister v Ruber ein Judenknecht und der mit der Alliance Jsraelite im Bunde sei und röhrte wie ein angeschostener Hirsch über den Mangel an Preßfreiheit, so daß es einem ehrlichen Christenblatte nicht mehr möglich wäre, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu berichten. Das RechtSgefühl aber, das in Berganis Brust lodert, und die Rücksichten auf die Bedürfniffe seines LeserkreiseS ließen Herrn Vergani nicht ruhen und rasten. Er gründete zwei Monate später das „Rechtscomitö" und ließ sich darüber in seinem Blatte wie folgt vernehmen: „Ein Comilö, bestehend aus Bürgern aus Polna, hat sich die Aufgabe gestellt, die Bemühungen der Behörden, die Mörder ausfindig zu machen, auf das Kräftigste zu unterstützen, und da unser Blatt begreiflicher Weise ein erhöhtes Interests daran hat, daß die volle Wahrheit im Gerichtssaale an den Tag komme, nehmen wir keinen Anstand, in dieses Rechtscomitö einen unserer College« zu delegiren." Das Comitö machte sich'S in Polna sehr bequem; es wurden über achtzig Personen vorgeladen, zu Protokoll vernommen und veranlaßt, ihren Namen unter die Protokolle zu setzen. Neben dem ordentlichen Gerichtshof waltete also in Polna auch ein antisemitischer Nebengerichtshos seines Amtes. Hören wir, was das Mitglied dieses antisemitischen UntersuchungerichteS, der geschätzte RedactionScollege des Herrn Vergani, in der Nummer vom 3. August den Lesern des „D. Volsbl." mitzutheilen weiß: „ . . . Diese Einvernehmungen ergaben ein geradezu überraschendes Resultat. Bezüglich einiger Punkte konnten Widersprüche nicht aufgeklärt werden, um auch darianKlarheit zu bringen, beschloß man die Einvernehmung des Bruders des inhaftirten Leopold Hühner — eines gewissen „?chig" — der seiner Zeit nach Groß-Meseritsch in Mähren abgeschoben worden war. Jtzig war als Lehrjunge bei dein Polnaer Schubmachermeifter Sic in Dienst gestanden und hatte in wiederholten Briefen seinen Lehrherrn gebeten, ihn wieder zu sich zu nehmen. Herr Sic war hierzu bereit. Um Jtzig einzuvernehmen, fahren Herr Sic, ein Polnaer Bürger und unstr College nach Groß-Meseritsch. In einem dortigen Gasthause wurde abgestiegen und durch die Vermittelung des Schuhmachers Sic der 16jäbrige Jtzig herbeigeholt, der mit ihm abseits an einein Tische — an dem die beiden anderen „Inquisitoren" saßen — Platz nahm. Heer Sic ließ dem Judenbuben einen Viertelliter Wein geben, den Jtzig mit Girr austrank. Nach dem zweiten Viertel wurde Jtzig gesprächig, er erzählte allerlei Interessantes, und als Jtzig das dritte Viertel hinter die Binde gegossen hatte, schien er auf das strenge Verbot, ja nichts zu sagen, gänzlich vergessen zn haben, er plauderte so ungezwungen, daß den Zuhörern, dir anscheinend Ansichtskarten schrieben, in Wirklichkeit aber die Enthüllungen JtzigS auf den Ansichtskarten notiren, die Haare zu Berge standen. Nach dem dritten Viertel wurde Jtzig, der sich in animirter Stimmung befand, ohne deßhald im geringsten trunken zu sein, von Sic nach Hause geleitet. Die frische Lust, in die „Jtzig" nun geführt wurde, scheint ihm nicht wohl bekommen zu haben zu haben. Seine Mutter gestand nämlich

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