Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 66 (21.8.1899)
- Date
- 1899-08-21
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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1411 von 4Q Millionen Mark nicht erreicht, dagegen das für die Bankgründung notwendige Minimum von fünf Millionen Mark weit überschritten worden. Redner erzählte ferner von den Kulturleistungen, die dem Zionismus zu verdanken feien, von dem neuen Leben, die in dem früher todesstarren jüdischen Volkskörper sich rege, von der Gründung von Turn-, Sport- und Gesangvereinen, von Volksbibliotheken und volksthümltchen Vorträgen, die zu verzeichnen feien. Das Volk thaue gegenüber dem Zionismus auf. Und wenn einzelne unter dem Namen von Zionisten thätige Gegner m das Zionistenlager zu dringen trachteten, so würden sie hoffentlich keinen Erfolg haben, da sie nur von Einzelnen auSgingen, die sich den Namen von Zionisten unrechtmäßig beilegten und durch korybantischen Lärm den Eindruck Hervorrufen wollten, als ob sie ganze Parteien hinter sich hätten, was nicht der Fall sei. Der Zionismus werde nicht in die Krankheit verfallen, an der das Judenthum 2000 Jahre gelitten habe, die Uneinigkeit. Der Congreß nahm das Referat unter großem Beifall zur Kenntniß. Ten Finanzbericht erstattete Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Ko kes ch—Wien. Er wies nach, daß mit verhältnismäßig geringen Summen viel geleistet worden sei. Die Einnahmen beliefen sich auf . . . . 158,212.— Frs. „ Ausgaben „ . 142,754.25 „ Das Gesammt-Vermögen beträgt . . . 15,457.75 „ Es entspinnt sich sodann eine Debatte über die Besprechungen der beiden Referate. Der Finanzbericht der Kommissionen soll erst nach erfolgter Debatte im Plenum erstattet werden. Hierauf folgen Berichte über die Thätigkeit der Landesorganisationen der verschiedenen Länder. Nach einigen aus die rumänische Agitation sich beziehenden Bemerkungen des Dr. Nemicrower erstattet Professor Gottheil—New-Uork ein von lautem Beifall oftmals unterbrochenes Referat über das bedeutende Anwachsen des Zionismus in Amerika. Er verlangt größere Selbstständigkeit für die einzelnen Länder und Eentralisirung der Vollmachten. Frau Prof. Gottheil, stürmisch akklamirt, spricht von der Rednertribüne über ihre Thätigkeit in den zionistischen Frauen vereinen Amerikas, deren es jetzt circa 60 gebe, während ihre Zahl ini vorigen Jahre kam zehn betragen habe. Die Rednerin spricht in elegantem Französisch und bemerkt u. a., daß sie stolz darauf sei, einem Kongresse beizuwohnen, wo die Gleichheit des weiblichen mit dem männlichen Geschlechts derart -um Audruck gelange. Einstimmig wird der Antrag angenommen, das in jeder Beziehung vorzügliche Referat durch Druck zu vervielfältigen und allen zionistischen Frauenvereinen zugängig zu machen. Hierauf wird die Sitzung auf Mittwoch Morgens vertagt. Ra ch tsitz uu g des zw ei te n und Vormittagssitzung des dritten Tages. Nach 10 Uhr Abends wurde die Debatte über den Bankbericht des Referenten Wolfssohn- Köln eröffnet. Professor Bielkowskv brachte die Anträge der russischen Landsmannschaft betreffs der Aenderungen des Bankstatutes vor dem Kongreß. Die Aenderungen betrafen hauptsächlich den Punkt des Status, in dem dagegen Verwahrung eingelegt ivurde, daß man sich vorbehielt, auch ..in irgend einem anderen Theile der Welt (außer Palästina) und an irgend einem Orte, oder in irgend einem Lande" Juden zu kolonisieren. Ter zweite Hauptpunkt des Bielkowskp'schen Referats betraf den Plan des Aktionskomitees, Grunderaktien der Bank an einzelne Personen aus Lebenszeit zu verleihen. Es schloß sich an diesen Vortrag eine lange Debatte an, die noch nicht abgeschlossen war, als die Sitzung um l8/4 Uhr abgebrochen wurde. Inder Vorinittagssitzung gab Dr. Herz! in Bezug auf die Erklärungen, die der DelegirtelVentwich - London übet den Mangel von Einzelheiten i« dem Finanzbericht machte, eine bis in- Detail gehende Spezifikation oer Ausgaben. Die nunmehr eröffnet« Debatte über den Bankoericht nahm stellenweise einen sehr erregten Charakter an, da ein Theil der russischen Deligirten von einer Verschenkung der Gründeraktien nichts wissen wollte, obwohl diese Schenkung mit einem Gewinne nicht verbunden ist und lediglich eine Ehrenbezeugung sein sollte. Bei der Abstimmung wurde der Antrag der russischen Delegierten mtt großer Mehrheit abgelehnt. Nachmittagssitzung des dritten Tages. Frau Prof. Gottheil referiert über die soeben geschlossene Damensitzung und regt eine Sammlung für die nothleidenden BorySlawer Arbeiter an. Die Sammlung ergibt rund 1000 Fr. Nach kurzen Besprechungen von Initiativanträgen spricht Dr. Gaster in einer prachtvollen, von stürmischem Beifall oft unterbrochenen Rede, dte wir im Wortlaut folgen lassen . Rede de« Herrn Dr. Gaster. (Donnerstag, 17. Aug., 5 U h r.) Meine Damen und Herren! Ich hatte eigentlich erwartet, daß unsere Frage der Kultur ein Theil der Organisation sei; denn thatsächlich handelt eS sich doch darum, nicht blos die materielle Kraft unseres Volkes zu organtsiren, sondern besonders die geistige Kraft unserer Nation zu wecken und zu organisiren. Ich sehe aber, daß ich jetzt da- Wort ergreife, um Ihnen mitzutheilen, was die Kulturkommission Ihnen mitzutheilen hätte, eigentlich wenig und doch viel, wenig von dem, was geleistet, viel von dem, waS erhofft wird. Ich komme mir wie ein Träumer vor, und ich muß eingestehen: ich glaubte, rhr werdet mir zurufen, wie eS in alter Zeit geschehen ist: »Da kommt der Träumer wieder, um uns von seinen Träumen zu erzählen." Und thatsächlich ist doch auch unsere Kulturfrage der große prophettsche Traum unseres Volkes, die große prophettsche Vision, welche unser Volk durch die Jahrtausende gehegt, da» große Ideal, welches seinem geistigen Auge zeitlebens vorgeschwebt und tief das Leben unseres Volkes beeinflußt hat. Jedes Volk und jeder Mensch ist durch das Ideal beeinflußl, welches lange vor seinem Gesichtskreis weilt. Wenn ein Volk, von der Schönheit der Natur ergriffen, schöne Kunsterzeugnisse hervorbringt unb sein Auge und Gemüth stets daran labt, so wird unwillkürlich seine Seele, fein Geist denselben Motiven der ästhetischen und natürlichen Schönheit folgen und Schönheit wird da- Resultat sein, und wenn ein Volk sein Auge stets gebannt hält auf ein wüstes Ideal wie Rache und Wuth, Revanche und andere dergleichen neue Leidenschaften, dann ertötet dieses wüste Ideal alle hohen Bestrebungen und es sinkt von Stufe zu Stufe und verliert seine Berechtigung, eine große führende Rotte in der Geschichte der Menschheit zu spielen. Wir haben aber immer ein große- Ideal vor Augen gehabt, unvergleichlich mit den Idealen, welche andere Völker beeinflußt haben, und wir verfolgten das Ideal unverzagt durch die Jahrtausende. Denn wir träumen, träumen von einem eigenthümlichen Reich auf Erden, wo Gerechtigkeit und Liebe herrschen sollen und wir nennen da« Gottesreich auf Erden das Ideal des jüdischen Volkes. Es ist ganz anders, es sticht vollständig ab voni Bestreben der ganzen Welt, und darum sind auch wir stets anders geblieben, und, ich beteure es von hier aus, höher geblieben, als alle Nationen der Welt. Denn es ist keine 'Nation, die sich mit unS vergleichen kann. In der Erniedrigung, in Schmach, in Verfolgung, in der geistigen Vernichtung, die gegen uns versucht worden ist: nicht« ist erreicht worden und wir sind unserm Ideal heute und gerade als Zionisten treu geblieben, wie es unser« Vorväter vor tausend Jahren waren. Natur-