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Der Israelit · 1899-08-21 · Heft 66 (21.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 66 (21.8.1899)
Date
1899-08-21
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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1410 fal in der eigenen Hand' Wir haben ja gar nicht die Möglichkeit, Ihnen unseren Willen aufzunöthigen, wenn er von dem Ihrigen verschieden sein sollte. Kommen Sir alle zu uns, Sie, die Frommen, Sie, die Mißtrauischen. Wir sind bisher Hunderttausende, Sie werden dann Millionen sein und der Wille dieser Millionen, nicht der unserige, wird geschehen. (Beifall) Sie können in einem Tage, mit einem Schlage neun Zehntel des jüdischen Volkeau- Zionisten des GemüthS, die sie heute schon sind, in Zionisten delauten Worts und der That verwandeln (Lebhafter Beifall.) Wir können diemir unseren Mitteln der weltlichen Propaganda, der Presse, den Wanderrednern, den Verein-- Vorfragen nur viel mühseliger und langsamer. Wir werden es zuletzt dennoch fertig bringen, während Sie egleich thun könnten. Aber wenn wir eS fertig gebracht haben werden, dann wird das endlich unterrichtete jüdische Volk strenge Rechenschaft von seinen Rabbinern fordern, die heute schweigen. (Beifall.) Die gebildete Judenschaft de- Westenfährt fort, uns großenthells feindlich oder mindestens gleichgiltig gegenüber zu stehen und grimmig zu leugnen, daß die Juden ein Volk sind. Sie sind die einzigen, die dies noch leugnen. In negativer Form, im Wege der Ausschließung, erkennen alle Völker ean, indem sie zu uns Juden sagen: Zu unserem Volke gehört ihr nicht, wenn ihr auch bei uns Staatsbürgerrechte besitzt. Wie schwach muß es mit der Mathematik und Logik der Leugner bestellt sein, wenn sie nicht begreifen, daßGalle diese Verneinungen verneint, die stärkste Bejahung des jüdischen Volksthums sind! (Stürmischer Beifall.) Wir waren anfangs gegen diese Widersacher sehr erbittert. Wir sind ruhiger, vielleicht auch gerechter geworden. Wir verstehen sie, und Alles verstehen heißt Alleverzeihen. (Lebhafter Beifall.) Es ist ihnen sauer genug geworden, ein Vaterland und Staat-bürgerrechte zu erringen, und sie haben nun ein« gewisse nervöse Angst, sie wieder zu verlieren. Wasie haben, das wiffen sie, was der Zionismus ihnen bieten wird, das sehen sie noch nicht, weil ihnen die Fähigkeit de- Ausblickin die Zukunft und der Vorstellung des erst geplanten, noch nicht Ausgeführten, fehlt. Heute sehen sie im Zionismus nur eine Besitzstörung und wehren ihn empört ab. Aber gerade ihre Geistes- und Charakter- Eigenthümlichkeiten bürgen mir dafür, daß sie ihren Widerstand aufgeden werden, wenn wir erst einen Anfang von greifbaren Ergebnissen aufzuweisen haben werden. (Großer Beifall). Im Kampfe haben wir auf diese Juden nicht zu rechnen. Manche von ihnen werden unS sogar in den Rücken fallen: im Siege aber werden voraussichtlich viele von ihnen zu unkommen. Nun, sie sollen uns auch dann willkommen sein. (Zustimmung.) Sie sind ja für ihre kurzsichtige Seele und für ihre Kleinmüthigkeit nicht verantwortlich. Ich werde Sie vielleicht in Erstaunen setzen, wenn ich Ihnen sage, daß ich selbst die Renegaten, die jüdischen Antisemiten, die Speichellecker der adeligen Salons, milder zu beurtheilen gelernt habe. Ich habe sie bet frommen, christlichen Veranstaltungen in aristokratischen, größtentheilS schroff antisemitischen Gesellschaften verbrennen sehen. Ich habe in den Büchern ausgezeichneter Beobachter, wie Anatole France und anderer, gelesen, wasie alles zu erdulden haben, um sich in antisemitischen Adelskreisen einzuschleichen (schallende Heiterkeit), mit welcher Schmach sie sich tränken lassen müssen, um auf einem gräflichen Balle -u tanzen oder einem Herzoglichen Pumpbruder Geld leihen zu dürfen. (Laute Heiterkeit und tosender Beifall im Saale und auf der Gallerie.) Da begriff ich erst diese Leute und ihr Wesen. Da erwachte erst in mir die Erkenntniß, daß sie die echten Söhne der großen Vorfahren sind, die auf der Folterbank und auf dem Scheiterhaufen ihr edles Leben aushauchten. (Schallendes Gelächter.) Auch sie erleiden freiwillig alle Martern und selbst den Feuertod. Auch sie entfalten ebensoviel Helbenthum, um ihr Judenthum zu verleugnen, wie ihre großen Väter, um dem Judenthum treu zu bleiben. (Tosender Beifall.) Grollen wir diesen armen Blutzeugen der Assimilation nicht. Beanügen wir uns damit, uns von ihnen loszusagen, wie sie sich von uns lossagen. Rechnen wir auch auf die Praktischen nicht, die lins anheim geben, uns im Kampfe die Knochen zerbrechen zu lassen und die sich Vorbehalten, zu unzu kommen, wenn der Sieg errungen ist. Dagegen dürfen wir nichts unversucht lassen, um zu der jüdischen Menge zu gelangen, die vom Zionismus noch nichts oder nicht das richtige gehört hat. Wenn unsere natürlichen Mitarbeiter, die Rabbiner, uns im Stich lassen, nun, so wird es ohne sie gehen müssen. Wir müssen und werden eerreichen, daß die ungeheure Mehrheit des jüdischen Volkes ihre zionistische Gesinnung, ihren Willen zu nationalem Dasein laut vor aller Welt hekennt. (Lebhafter Beifall.) Aber dazu ist erforderlich, daß jeder einzelne Zionist sich immer und überall seines ApostelamreS voll bewußt bleibe. Passive, beschauliche Zionisten, Rentner de- Zionismus, Zioniflen des Ruhestandes darf es nicht geben. Wir müssen unausgesetzt predigen, lehren, werben. Das Flaggensignal, baS wir für unsere ganze heilige Kämpferschaar hissen, isi da- Nelson's am Tage von Trafalgar: „Israel expects everybody to do his duty!u „Israel erwartet, daß jeder seine Schuldigkeit thut!" (stürmischer Beifall und Händeklatschen. Hüte und Tücher schwenken auf den Gallerien - Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.) Dienstag, den 1b. August. (Nachmittag-sitzung.) Herr Dr. Herzl eröffnet die Sitzung um 4 Uhr und giebt zunächst der Trauer über das Hinscheiden einiger sehr verdienter Mitarbeiter Ausdruck. Die Versammlung erhebt sich zum Zeichen der Trauer von ihren Sitzen. Sodann werden vom Vorsitzenden in Kürze die eingelaufenen Briefe und Telegramme verlesen. Aus der ganzen Welt sind sehr zahlreiche Begrüßungstele.uamme und Zustimmungskundgebungen eingelaufen. Besonderes Interesse erweckten die Dokumente, die von Dr. L>chlaposchnikoff im Namen der tschertessischen Bergjuden dem Kongresse vorgelegt wurden. In diesen Schriftstücken erklären die Vorsteher von einigen taufend Familien, daß sie sich der zionistischen Bewegung vollkommen anschließen. Nach einer kurzen Geschäftsordnung-debatte erfolgt der Bericht über das abgelaufene VerwaltungSjahr. Architekt Mar m o rek—Wien erstattet den Bericht des vom 2. Kongresse eingesetzten Aktions-Komitees. Die Zahl der zionistischen Vereine sei um ein Drittel gewachsen, die der Schekelzahler übersteige weit die Zahl von 100,000, ob wohl gerade in diesem Jahre durch die gleichzeitig erfolgte Agitation für die jüdische Colonialbank die Einziehung des Schekels nicht mehr überall erfolgen könne. Interessant sei die Thatsacke, daß Juden, die in sehrweltfernen Gegenden wohnen, sich beeilten, den Schekel einzusenden, so z. Bvom Baikalsee, von Turkestan und Bok hara und aus Neuseeland. Bemerkenswerth sei auch der Umstand, daß die Baron Hirsch-Colonien in Argentinien sämmtlich Anhänger des Zionismus geworden seien, ebenso die jüdischen Bauern-Ansiedelungen in Süd-Rußland. In England, Nord-Amerika, Kanada und Süd-Aftika hätten sich Föderationen der Zionistenvereine gebildet, die eine außerordentliche Thätiakeit entfalteten. Was die Bank anoelange, so sei das verlangte Kapital

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