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Der Israelit · 1899-08-21 · Heft 66 (21.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 66 (21.8.1899)
Date
1899-08-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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1408 ist eben, wie auch Japhet schon treffend ausführte, einfach unmöglich, und der Reformator des Synagogengesanges Sulzer hat in seinem großen Chorwerk trotz allem mit vielem und großem Geschick kunstvoll Erhaltenen andererseits mit seinenBestrebnngen zur Einführung kirchlicher Melodien nichts weniger als beffernd gewirkt, was auch von den größten Meistern anerkannt wurde. — Leider sind auf diesem Gebiete viele Mißstände zu beklagen, und ein Besuch mancher Gottesdienste, namentlich auf dem Lande, läßt uns oft inmitten der weihevollsten Gebete und hoher Feftesstimmung durch die Klänge eines Strauß'schen Walzers oder gar eines Gassenhauers über die Bestimmung des Tages und Ortes irre werden. Hüten wir uns aufs strengste vor jeglicher Nachahmung dieser Unsitte und betrachten wir deren Ausmerzung als entschiedenes Verdienst. — Andererseits kann nicht geleugnet werden, daß zur Erhaltung der traditionellen Melodien, auch in den bekannten Werken noch viel zu wenig geschehen ist, da letztere ihren Schwerpunkt gerade auf die Composition neuer Weisen legen, wogegen manche Perle der überlieferten Synagogengesanges oft in den kleinsten Gemeinden von Dilettanten bewahrt wird und später verloren geht, deßgleichen sind auch, so paradox es klingen mag, die synagogalen G.sarrgSwerke nicht immer derart, um die Verbreitung des synagogalen Gesanges zu fördern. Viele geben das Motiv und nur in derart dürftigem Gewände wieder, daß man kaum das wahre nmn wieder erkennt, vielen fehlt es wieder an der durchaus nöthigen Anleitung zum richtigen Vortrag, sie geben Noten nichts als Noten, ohne Leben und Poesie des Vortrags. Und betritt ein Kundiger die Synagoge, wo solch ein mit dem mnn Elixir gebildeter Vorbeter wirkt, dann möchte man gleich Auguftus ausrufen: „Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!" Hinsichtlich dieses Punktes möchte ich jedoch nicht verfehlen, unter den vorhandenen Werken solche hervorzuheben, welche in hervorragender, nachahmenswerther Weife wirklich Gutes geschaffen und neben kunstvoller Durchführnng das Alte, ^Ehrwürdig-Schöne im Synagogengesang verewigt haben. Es sind besonders die Chor- und Einzelwerke: Goldberg, Braunschweiger Gesänge, Japhet mit seinem Schierei Jeschurun, Naumburg—Paris, Semiroth Jisroel, außerdem der mehr mit Fleiß, als mit wirklichem Erfolg gearbeitete Baal Tefilloh von Bär, in erhöhtem Maße aber Lewandowski mit seinen beiden Werken Kol Rinnoh U'Tefilloh, sowie seinem Chorwerk Todoh Werinnoh. Namentlich dieser begabte Künstler entfaltet in seiner Sammlung einen solchen Wohllaut, solche Formschönheit und bei alledem eine solche Zweckmäßigkeit der Melodien, daß er die Andächtigen jederzeit entzückt, und einen Grad von Volksthümlichkeit, wie kein anderer Meister auf diesem Gebiete erreicht hat. So lebt derselbe, wie mein verehrter Lehrer, Herr Oberkantor Friesländer zu sagen pflegt, als „jüdischer Beethoven" fort und hat die Entwicklung des iw wesentlich gefördert. Wie wir oben das Störende und Unwürdige der Beurtheilung der kantoralen Thätigkeit nach Dauer des Gottesdienstes gezeichnet haben, so erweist sich als weitere Gefahr für die Erhaltung des nmn die Beurtheilung der Fähigkeit des Vorbeters nach Stimme und Technik des Gesanges. Ich will nicht weiter von diesem Punkte sprechen. Bewerbungen bei Vakanzen und Pcobegottesdienste erzählen davon eine traurige Sprache. Welche Folgen hat dieser Nebelstand außerdem auf vielen anderen Gebieten in den betreffenden Gemeinden gezeitigt! Als ob Stimme und gesangliche Fertigkeit aus dem Vorbeter schon einen pn konstruiren, als ob die Synagoge kein m, sondern ein Theater bedeute, wo man sich ergötzt, genießt, wo man paradirt und kritisirt, anstatt begeistert wird und sich erhebt zu jener Stimmung und Befriedigung, welche nur entstehen auf dem Boden der selbstthätigen und aneisernden Gottesfurcht und auch nur daun, wenn der Vorbeter nicht nur Sänger, sondern in erster Linie — nScn bin ist, dem Stimme und Gesangstechnik nur Mittel zum Zwecke sind. Deßhalb sind auch auch jene Bestrebungen, welche der würdigen Bekleidung des Kantorberufes zuwider des Brillieren der musikalischen Technik, das Entfalten der Stimme zum Hauptzweck haben entschieden zu verwerfen. Ebenso, wie man mit Recht einen Vorbeter ohne Stimme als Unding bezeichnet, geradeso ist es unumstößliche Thatfache, daß die Stimme allein noch lange nicht die Befähigung zum Vorbeterfache garantirt. Dazu muß eben der stimmbegabte Vorbeter dieses vom Allgütigen verliehene Kleinod richtig zu verwerten suchen unv als Mittel zum Preise des Allgütigen in deffen Dienst stellen durch Studium, Schulung und vor allem durch strenge Selbsterziehung für diesen Beruf. Und dieser Auffassung entspricht die Forderung, daß das Hauptgewicht auf den Vortrag und zwar in — sprachlichrichtiger, sinnentsprechender und ausdrucksvoller Weife gelegt wird. (Fortsetzung folgt.)

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