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Der Israelit · 1899-08-21 · Heft 66 (21.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 66 (21.8.1899)
Date
1899-08-21
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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1402jH oder im Auge verfolgend, statt den sinngemäßen Vortrag zu beachten nur die Länge desselben erkennend und nur die eine Frage erwägend: Wann wird heute wohl die Schule wieder aus sein. Die infolgedeffen entstehende Unordnung, das laute Sprechen, die Theilnahmslosigkeit, welche dem Vorbeter die Stimmung der Zuhörer mehr als genug verrathen, sowie namentlich das Begleiten der Vorsänger, diese häßliche Störung infolge Mitsingens der Gemeindemitglieder, welche oft noch vor Beginn der Gebete die Melodien soufflieren oder dem Vorbeter das Wort vom Munde schnappen, sind noch traurige Begleiterscheinungen im Gottesdienste vieler Gemeinden, zu deren Abschaffung und gründlichen Ausmerzung alle leitenden Faktoren, bes. die Herrn Rabbiner und Vorstände ihre ganze Kraft aufbieten sollten. Werden ja auch zuweilen die Rabbiner in die Lage versetzt, die Verantwortung und Vorwürfe für die übermäßige Dauer des Gottesdienstes auf sich nehmen zu müssen, wenn dieselbe gerade durch die Predigten der Herrn Rabbiner herbeigeführt wurde. Daß auch von Seiten der Kantoren in dieser Beziehung gefehlt wird, ist nicht zu leugnen, und werde ich später noch auf diesen Punkt zurückkommen. Erfreulich bleibt immerhin, daß gerade jene Faktoren, von welchen man die größte Gefahr für die Entwicklung des synagogalen Gesangs befürchten mußte, nämlich die Orgel und Einführung moderner Musik absolut wirkungslos verhallten. Wohl haben dieselben den Verfall des altüberlieferten nwn in den betreffenden Synagogen herbeigeführt, der Synagoge den jüdischen Charakter geraubt und durch das Hineintragen moderner kirchlicher Melodien den altehrwürdigen Gesängen jene edle Reinheit entzogen, wie auch durch Abschaffung traditioneller Gebetstücke das Gebetbuch viele Schätze poestevoller Verherrlichung und innigen Gedenkens von unseres Volkes Hoffnung und seinen Leiden verlor. Aber die erwartete Wirkung ist ausgeblieben. Wohl herrscht in diesen Stätten tiefer Friede, aber es ist der Grabesfriede und die Klänge der Choräle durchziehen öde Räume, welche erzählen von dem Jndifferentismus, welcher trotz Orgel und Choralgesang immer weiter um sich gegriffen hat, während vereinzelte Stimmen, den Fehler erkennend, wieder nach jenen Zeiten und Einrichtungen rufen, welche die Väter gesehen und in denen sie treu gelebt haben. So hat der Reformtaumel vielleicht momentan, aber in Wirklichkeit der Entwicklung unseres synagogalen Gesanges absolut nicht zu schaden vermocht. Mehr jedoch muß mit jenen Verhältnissen gerechnet werden, welche der Erhaltung der altüberlieferten Synagogenmelodien/des man entgegenwirken. Dazu gehört in erster Linie, gleichsam die dringende Nothwendigkeit, einer einheitlich methodisch und künstlerisch gestalteten und geleiteten kantoraten Vorbereitungsschule bestätigend, die Verschiedenheit der Vor- und Ausbildung in diesem Fache. Da sich nämlich die traditionellen Melodien nur durch mündliche Ueberlieferung erhalten haben, so mußten dieselben bei der Zerstreuung der Juden über verschiedene Länder auch vielfache Aenderungen erfahren. (Ich erinnere nnr an die gänzliche Verschiedenheit polnischer und deutscher Vortragsweisen, und selbst im deutschen Ritus besteht in manchen Gebetstücken häufig je nach den Gegenden große Verschiedenheit.) Begibt sich heutzutage z. B. ein strebsamer Kantor behufs gründlicher Ausbildung zu einem erfahrenen Kollegen, so eignet er sich nur dessen Vortragsweise und Melodien an. Kommt er nun als wirkender Fachmann in eine andere Gegend, so ist er aus oben geschilderten Gründen vielfachen Unannehmlichkeiten ausgesetzt, was jedoch durch eine einheitliche Vorbereitungsanstalt entschieden zum Besseren gestaltet werden würde. Eine weitere Gefahr, welche nur ein Auswuchs dieses Uebelstandes ist, besteht in dem Ausländerwesen im Kantorate, wodurch Melodien in die Synagoge eingeführt wurden, welche, willkürlich erfunden, vielleicht 1—2mal berückend auf das Ohr des Hörers wirken, aber dem jüdischen Empfinden durchweg fremd, dem Sinn der Gebete paradox und, weil eintönig und oft verworren, der Andacht und Würde des Gottesdienstes unendlich schaden. Wozu diese Vortragsart sich sogar versteigt, erkennen wir an den sogenannten Selbst- und AugenblicksCompositionen, welche sich im Gottesdienst oft breit machen, musikalische Inspirationen und Phantasieen der allerbedenklichsten Art zeitigten und deren Schöpfer sich zuweilen sogar nicht entblödet haben, diese schauerlichen Produktionen als sogenannte „9leue Melodien" oder „Reue Weisen" der Oeffentlichkeit zu übergeben. Dies ist eine Versündigung gegen die wirklich verdienstvollen Meister des mnn und eine Untergrabung der altehrwürdigen schönen Synagogengesänge, welche nicht scharf genug getadelt werden kann. Ebenso ist die Einführung profaner Melodien, mögen dieselben noch so getragene und ernste Stimmung erzeugen, zu vermeiden. Wir verfügen zu unserer Freude für den Ausdruck aller Stimmungen und den Vortrag aller Gebete über so wahrhaft herrliche Melodien, daß wir absolut nicht zu solchen Weisen Zuflucht nehmen müssen, welche einen fremden Geist athmcn, der bei aller Schönheit doch einen ganz anderen Zweck verfolgt, als der Innigkeit, Sehnsucht, Freude und Hoffnung erweckende Synagogengesang, und welcher schon so bedenkliche Resultate wie Orgel und kirchliche Choräle gezeitigt hat. Eine solche Anpassung grundverschiedener Zwecke, wie sie z. B. synagogaler und Kirchengesang verfolgen,

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