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Der Israelit · 1899-08-17 · Heft 65 (17.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 65 (17.8.1899)
Date
1899-08-17
Page
[Seite] (sequence 29)
Language
German
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1397 Seen und alle ihre Einzelheiten feien das Werk dauernder Naturkräfte, die geräuschlos, doch unablässig an der Arbeit sind, irden Augenblick mn ganz winzige Veränderungen setzen, jedoch nach Jahrtausenden, ruhig und gleichmäßig Festländer und Gebirge aufgebaut und adgenagen, Meere ver ieft und ausgeiüllt haben. Tic vulkanische Theorie ist melodramatischer: sie macht aus der Erdgeschichte ein uiigeneures Spektakelstück und ein solchem ist des Beifallder Gallene immer sicher. Heiterkeit). Die neplmiische Theorie ist minder theatralisch, aber sie ist überzeugender für die ernstern «Geister, die geübt sind, daS rewvhnliche Verfahren der Natur zu beobachten. Unten deneit, die über die jüdische Geschichte in Ver gangenheit, Gegenwart und Zukunft ein Unheil abzugeben haben, finden Sie nun gleichfalls Vertreter der vulkanischen und neptnnischen Theorie. Jene, die Vulkanisten, legen nur den zeitweiligen großen Gewaltthätigkeiten gegen die Inden Bedentling bei. Für sie erschöpft sich die Geschichte des jüdischen Volkes in der Geschichte der jüdischen .Katastrophe,,. Für sie schreitet sie von der Zerstörung des Teinvcls zu den Metzeleien der Kreuzzüge von der Austreibung ans England und Frankreich ,;u der Verjagnng ans Spanien, von den Schlächtereien Ehmiclniecki's zu den blutigen Verfolglmgen der ersten 8<> er Jahre. Die Neptunistcn und zu dieser Gattung zähle ich mich — schreiben den Katastrophen, und wenn sie noch so furchtbar waren, nicht dieselbe Wichtigkeit zu und erkennen sie nicht als die einzigen oder auch nur als die bauptsächlicheu Kräfte an. die die neuere jüdische Geschichte bilden. Für uns sind die gewöhnlichen Verhältnisse, die uns gleichtnässig und dauernd umgeben, die Einflüsse, die das Schicksal des jüdischeil Volkes gestalten. Alle Völker, auch die ruhmreichsten und mächtigsten, haben in ihrer Vergangenheit schwere Nnglückssälle, Um Walzungen, Bürgerkriege, zermalmende Niederlagen, die mitunter so furchtbar waren, daß eine Erholung von ihnen unmöglich schien. Sie haben ihnen auf die Dauer dennoch nicht geschadet und den anfsteigenden Gang ihrer glänzenden Geschicke nicht gebemmt. Warum? Weil zwischen den Schicksalsschlägen immer Jahrhunderte oder wenigstens Jahrzehnte ruhigen Gedeihens lagen, in denen alle 'Wunden heilen konnten: »veil zwischen den heimgesuchten Geschlechtern andere Geschlechter lebten, die sich eines glücklich-sorglosen Daseins erfreuten. Das ist das Entscheidende. Ueber seine Katastrophen, auch über die furchtbarsten, wäre das jüdische Volk, Dank seiner unverwüstlichen Lebenskraft, immer weggekommen, wenn eS zwischendurch die DaseiuSbedingungen aller anderen Völker gehabt hätte. Die hat eS aber nicht gehabt. Die hat eS auch heute nicht. Wir leben wie die Höhlcnihiere in ewiger Finsterniß -- uns leuchtet die e^onne der Gerechtigkeit nicht. Wir leben wie die Tiefsecgeschöpfe unter einem un geheuern Drucke auf uns lasten, mir Tausendatmo sphären-Wuchr, Mißtrauen und Geringschänung. Wir leben seit Jahrhunderten in einer Eiszeit rrns rrmgibt die bittere Kälte des Hasses. Das sind die Dauerkräfte, die ans uns beständig ein ivirken, ohne Getöse, ohne Zwischenfälle, die zu sensationeller Berichterstattung, Anlaß geben können, unter denen wir aber langsam, allmählich doch unfehlbar organisch zurück: gehen. Ich erkläre offen, daß ich an eine Wiederholung der Schauerdramen unserer Vergangenheit in der Zukunft nicht recht glaube, obschon Ereignisse von gestern die Möglichkeit der Abschlachtung eines ganzen VolkSstammeS auch ln unserer Zeit zu beweisen scheinen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß man Zehntausende unsere- Stammein einem Ansalle von Massenmordgier niedermetzeln wird, wenn atlch örtliche Ausbrüche von Rohheit möglich sind. E» ist nicht wahrscheinlich, daß man alle Juden aus einem Lande auStreiben wird, wenn auch Tausende oder Hunderttausend« durch unerträgliche Behandlung zu sogenannter „freiwilliger" Auswanderung genöthigt werden mögen. Es gibt heute ein europäisches Gewissen, ein Menschengewissen, das zwar immer noch weit genug ist, aber dennoch wenigsteneine gewisse äußerliche Ehrbarkeit vorschreivt und nicht leicht tobende Massenverbrechen duldet. Aber wenn ich an kein allgemeine« Blutbad unter den Juden an keine allgemeine Judenverjaguug glaube, so lin ich anderseits überzeugt, daß unsere Eiszeit noch sehr lange dauern wird, auf alle Fälle länger, als wir sie trotz unserer eben von mir gerühmten unerschöpflichen Lebenskraft ertragen können. Man stirbt unter dem Mordslahl und auf dem Sckeiterbaufen. Doch wer erfriert, ist gleichfalls tobt, und wer in Rechtlosigkeit und Verachtung nach und nach vorkommr, der ist nicht viel besser dran. Es ist e n Untergang ohne bengalische Flammen: für den Untergehenden a er ist er n'cht minder tragisch. (Beifall). DaS jüdische Volk, von diesem dauernden, gleichmäßigen, zermalmenden Druck zu befreien, ist die Ausgabe, die der Zionismus sich gestellt hat- Wie will er dies Aufgabe erfüllen? Einen Volksstamm mit gewährleistetem Rechte der Selbstverwaltung, w nn auch ohne staatliche Unabhänglgkert, auf eigenem Boden anzusiedeln, daiü in hervorragßndstem Maaße ein politische- Werk, und um ein solcheaufzubauen, dazu finb Machtmittel unentbehrlich. Waches sind nun unsere Machtmittel? Wir haben für undie geschichtliche Größe und sittliche Schönheit des zionistischeu Gedankens. (Lebh. Beifall). Wir, deren LebenSbernfe.die Pflege des Gedankens und seiner Veräußerlichung in Schrift und Wort ist, wir werden sicher die letzten sein, die die Bedeutung des (Gedankens unterschätzen Aber wir wären unpraktische Schwärmer und Träumer, wenn wir nicht erkennen würden, daß die Macht des Gedanken-, um tinetisch zu wirken, das heißt, um auf verantwortliche Staatsmänner einzuwirken und sie zu Handlungen -u bestimmen, Uinwandlungen und Uebertragungen erfordert. Ein anderes Machtmittel, das allerunentbehrlichste, ist das Geld. Wie es damit bestellt ist, darüber haben Cie schon Anderitungen vernommen, und da- Aktionskomitee wird Gelegenheit haben, Ihnen in verschiedenen Berichten hinüber weiteres zu sagen Ich lasse deshalb diesen Punkt unerörtcrt. Ein Machtmittel aber haben mir unzweifelhaft auch heiste, und das ist der Volkswille. (Großer Beifall.) Daß niemand so leichtfertig und verstänbntßlos sei, hierüber zu lächeln! Der Wille emes, wenn auch über die ganze Erde verstreuten Volkes von 10 Millionen ist eine positive Kraft, mit der auch die realistischsten S aatsmänner als mit einem durchaus ernsten Machtfaktor rechnen. (Beifall-. Aber die erste Voraussetzung ist, daß der Volkswille auch wirklich vorhanden sei lind daß «r sich unzweideutig äußere. (Herr Dr. Nordan, der eist Dienstag Morgenin Basel eintras, reiste Dienstag Abend miede nach Renneab, wo er als Korrespondent der „Voss. Ztg " thätig ist.)

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