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Der Israelit · 1899-08-17 · Heft 65 (17.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 65 (17.8.1899)
Date
1899-08-17
Page
[Seite] (sequence 28)
Language
German
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1396 wieder in Fleisch önr einander ständen, einander lebendig in die Augen blickten und di» Hände drückten. Unser erster Drang war, uns des Wiedersehens, der Wiedervereinigung-u freuen, die Weihe der einzigen Stund» voll zu empfinden und einander zu sagen und zu klagen, was wir als Scheimodte» als lebendig Eingesargte erlitten hatten. Tann bemühten wir uns, über unsere Lage einen vollen Ueberblick zu gewinnen, un« über unsere Verfassung, unsere Beziehungen zu den Völkern, unsere Hoffnungen, Wünsche, Gefahren und Aufgaben Rechenschaft zu geben, klar zu erkennen, wer unsere Freunde, wer unsere Feinde, welches unsere Hilfsmittel, welches unsere Schwächen und Gebrechen sind. Dieses allgemeine Inventar dejüdischen Volkes ist nunmehr ausgenommen. Wir haben es nur noch auf dem Laufenden zu halten. Wir haben nur noch die Blenderungen einzutragen, die in unseren Verhältnissen etwa rintreten mögen. Im vergangenen Jahre sind derartige Aenderungeu nicht eingetreten. Es werden auch in absehbarer Zeit keine eintreren, wenn wir sie nicht mit eigener Anstrengung selbst herbeisühren, wir, die Zionisten. (Beifall,) Wir haben die Stellung des jüdischen Volkes inmitten der übrigen Völker beleuchtet. Wir haben gezeigt, daß es trotz der Bemühungen vieler seiner Söhne, ihr Volksthum wirklich zu vergessen, oder mindestenszu ve« leugnen und unkennbar in ihrer Umgebung aufzugehen, überall als fremd empfunden, vielfach als Eindringling angeieindet wird. Wir haben bewiesen, daß eö Verleumdung ist, wenn man den Haß. der uns in den meisten Ländern grausam verfolgt, die zmückschcuende Kälte, die uns überall umgiebt, mit angeblichen ichlcchicn Eigenschaften des jüdischen Volke - zu beg ründen sucht. Unsere Fehler sind dte Fehler aller Menschen, die in den gleichen gesellschastlichen und geichichtlichen Verhältnissen leben würden, und neben diesen Fehlern, die mir nicht zu leugnen brauchen, dürfen wjr uns mancher Vorzüge rühmen, die nicht jedem anderen Volke in demselben Maße eitzenchümsich sind, i Lebhafter Beifall-. Wir haben aus alledem den Schluß gezogen, daß man uns haßt und verfolgt, weil wir eine leicht zu erkennende Minderheit und überdies von den finstere» Zeiten des Mittelalterher mit fanatischen Ueberlieferungen belastet sind, daß unser LooS das Loos jeder leicht kenntlichen Minderheit ohne Macht und Prestige iit und daß es nur drei Wittel riebt, es anders zu gestalten. Erstens eine grundstürzende Aenderung der menschlichen Natur, wie sie in der Haftung jeder Mehrheit gegenüber jeder ihr wehrlos auögelieferten Minderheit zu Tage tiitt. Urtbeilen L>ie, oj eine derartige Aenderung in absehbarer Zeit wahrscheinlich ist. Zweitendie Unkenntlichmachung der Minderheit, d. in unserem Falle die Abstreifung aller unserer Besonderheiten, unsere- Glaubens, unserer Bräuche, unserer Ueberlicferungen, sogar unserer Gesichtsbildung. (Heiterkeit.) Urtheilen Sie, ob dies möglich, ob es wünschenswerth ist. Drittens die Sammlung der Juden auf dem geschichtlichen Boden ihrer Urheimath (rang anhaltender Beifall.) in genügender Zahl, um dort nicht läng r eine widerwillig geduldete Minderheit mit schlechterem Rechte, sondern eine menschlich, bürgerlich vollwerthige Mehrheit zu sein. «Erneuter Beifall und Händeklatschen.) Sie haben geurtheiit, daß dieses dritte Mittel das allein würdige, das allein Erfolg verheißende ist, und Sie haben sich dem Zionismus angeschlossen, der sich eben die Anwendung dieses einen Heilmittels für die Leiden des jüdischen Volkes zur Aufgabe gesetzt hat. (Lebhafter Beifall.) Das Bild der Zustände des jüdischen Volkes ist von uns sestgelegt worden; die kleinen Zwischenfälle des Tages können daran nichts ändern und haben deßhalb keine besondere Bedeutung. Es ist unser nicht länger würdig, bei derartigen kleinlichen Einzelzügen wehleidig und ächzend zu verweilen. Gestern verwüsteten Arbeiter in einer böhmischen Fabrikstadt Judenläden. Heute plündert und steinigt man in Jassy unsere Brüder. An einem dritten Tage erleiden Juden in Nikolajew Grausamkeiten. An einem vierten mißhandelt man in Chicago einzelne arme Hausierer unseres Stammes. Was beweisen diese Ausschreitungen? Daß uns überall Haß umlauert? Daß uns überall nur die dünne Mauer der gesetzlichen Ordnung und Polize regel gegen die stets zum AuSbruch bereiten bösen Bolksleidenkchasten schützt? Wir wissen dies auch ohne die Einzelbeweise. Und selbst wenn diese einmal ein ganzes Jahr lang feh len würden, so wäre dies ohne Einfluß auf unser Ur theil über die allgemeine Lage des jüdischen Volkes. Das ist es ja, was uns Zionisten von ben kindischen, kurzsichtigen Kleinigkeitskrämern unseres «Stammes unterscheidet, die aus der Hand in den Mund wirthschaften, nicht über den Tag binausdenken und zu einer vorausblickenden Volks Politik größeren Styls unfähig sind. (Lebhafte Zustimmung). Wenn einmal einige Monate vergehen, ohne daß Jude» an ihrem Leibe und an ihrer Habe durch rohe Gewaltthat geschädigt werden, dann 'können diese greisenhaften Kinds köpfe sich mit vergnügtem Händerciben und dankbbarem Augenverdrehen gar nicht genug thunt dann hört man sie mit ihrer armen meckernden Stimme jauchzen „Gort sei Dank! Nun geht es den Juden gut! Nun hat ihre alte Noth ein Ende!" Wenn dagegen da und dort, an einem städlifcheu Ge sittungsmittelpunkt oder in einen, weltfernen Dorfe. Fenster scheiben unter Steinwürfen klirren und jüdische Gliedmaßen gebrochen werden, dann ist das ein Gezeter! Dann ist das ein Händcz ffammenschlagen! Dann thun diese soncerbareu Geschöpfe mit Maulwurssaugen und den Sperlingsgehirnen (große Heiterkeit) verblüfft bis zur Fassungslosigkeit, als wäre etwas völlig Unerwartetes geschehen, worauf ,uan unmöglich vorbereitet sein konnte. (Lebhafter Beifall). „Ist es denkbar! Eine derartig: Barbarei in unserer Zeit? Das ist ja himmelschreiend!" Wir Zionisten halten es damit anders. Wir wiegen uns nicht in Hoffnungsseligkeit, wenn einmal ein ganzes Jahr lang an keiner Stelle des Erdballes Juden gehetzt, mißhandelt und geplündert wo,den sind,- -vir stoßen aber auch keine Schreie der Ueberraschung aus, wenn an unteren Brüdern Gewaltthaten verübt werden. Unterbleiben diese, so ist dies ein Wunder, wofür wir von ganzem Herzen dankbar sind; denn uns geht das Leid eines jeden einzelnen Juden nahe, wenn wir unseren Schmerz auch nicht in Szene setzen. (Beifall). Ereignen sich aber die Gewalttha ten. so verzeichnen wir sie mit Btiterkeit, jedoch ohne Ver wunderung, als die nothwendige Folge der Lage, die wir klar erkannt und, ohne länger «Selbsttäuschung zu dulden, ausgedeckt haben. Das ist ein Punkt, den ein Bericht über die allgemeine Lage des jüdischen Volkes immer wieder berühren muß. Es scheint mir deßhalb geboten, ihn einmal gründlich zu beleuchten, damit in künftigen Jahren ich oder mein Nachfolger in der Berichterstattung dabei nicht mehr länger zu verweilen genöihigt seien. Sie wissen, daß die Geologie die Bildung der Erdoberfläche durch zwei entgegengesetzte Theorien zu erklären versucht hat. die man kurz als die vulkanische und die nevtunischc bezeichnet. Nach der vulkanischen Theorie verdanken Meere und Festländer, Gebirge und Gesteinsschichten ihre Ent stehung furchtbaren Umwälzungen, Erdbeben vulkanischen Ausbrüchen, dem jähen Versinken und Auftanchen von ordtheilen, Katastrophen, die in Abständen von Hunderrtausenden oder Millionen Jahren plötzlich eintreten und mit einem Schlage das Antlitz der Erde verändern. Die neptunische Theorie dagegen nimmt an, Länder und

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