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Der Israelit · 1899-08-17 · Heft 65 (17.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 65 (17.8.1899)
Date
1899-08-17
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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1878 auch die anderen jüdischen Kurgäste scheinen von den Kisstnger Synagogenverhältnisien nicht gerade entzückt zu sein. Die jetzige Synagoge, im Jahre 1851 — neben dem städtischen Schlachthaus! — in einem engen Gäßchen erbaut, ist klein und entspricht so wenig den bescheidensten Ansprüchen, daß man es nicht begreifen kann, warum nicht endlich mit dem Neubau des Gotteshauses begonnen wird. In einem Weltbade gar wie Kiffingen, das von vielen Hunderten religiöser Juden, denen der Gang ins Gotteshaus ein Bedürfniß ist, jährlich aufgesucht wird, soll diesem Faktor auch Rechnung getragen werden; denn die Kurgäste sind es, die den Reichthum nach Kiffingen bringen. Der Platz, der Plan, das Geld für den Neubau der Synagoge sind vorhanden — worauf warten denn noch die Herren von der Kisstnger Vorstandschaft? Den mißlichen Synagogenverhälmifsen ist es wohl zuzuschreiben, daß am 9. Aw verschiedene Gruppen von Kurgästen sich in den Lokalitäten von Ehrenreich und Herzfeld zusammenfanden, um in den üblichen Rezitationen ihrer Trauer über die Zerstörung Jerusalems Ausdruck zu verleihen. Ich kann es mir nicht versagen, hier eines komischen Intermezzos Erwähnung zu thun, das eines gewisien ernsten Hintergrundes nicht ermangelt. Als so aus einer Stube die Klagetöne auf den Flur drangen, eilte das lauschende Zimmermädchen voller Entsetzen zur Hausfrau und berichtete, daß „unten ein schwer Kranker sein müffe, da er und mit ihm Andere jammern und weinen; man müsse den Arzt schnell holen." Ja, ja schwer krank waren in der That die Leute, die da weinten; denn ihr Herz war zerrissen, wund und siech, ob des Falls der heiligen Stadt. Doch dieses Leid kann kein Arzt auf Erden lindern; Heil und Trost allein kommt nur von Gott! Ich muß, um gerecht zu sein und den Tadel durch Lob auszugleichen, an dieser Stelle gleich hervorheben, daß die anderen religiösen Institutionen in Kiffingen nichts zu wünschen übrig lasten. Die religiöse Leitung der Gemeinde ruht in den bewährten Händen des als Wohlthäter bekannten und allgemein beliebten Herrn Distriktsrabbiners Bamberger n. Wie für alle Kiffinger bringt auch für ihn gerade die Kurzeit die meiste Arbeit. Da geht'S in seinem Hause wie in einem Bienenstock zu; die Einen fliegen aus, die Andern ein, nur selten eine Königin, zumeist das verkümmerte Volk der Arbeitsbienen, freilich jene Arbeitsbienen, die weil schwach und krüppelhaft, nicht mehr arbeiten können und darum von den stärkeren verdrängt werden. Es ist dies jene bedauernswerthe Sorte von Menschen, die nichts ihr eigen nennt, nicht Heimath, nicht Herd, und ruhelos, rastlos wandert von Ort zu Ort, um von der Milde guter Menschen ihr Leben zu fristen; sie suchen gerade Kiffingen auf, weil sie hier in der Gemeinde und seitens der Kurgäste reichliche Unterstützung finden. Was die Kissinger Gemeinde selbst anbetnfft, so zahlt diese etwa 90 jüdische Familien, — an 400 Seelen — welche zumeist noch religiös leben. In Kiffingen haben schon in alten Zeiten Juden gewohnt. Es wird sogar erzählt, daß im 30-jährigen Kriege ein Jude, später Schwed genannt, die Stadt, welche von den Schweden belagert wurde, vor dem Untergänge gerettet, indem er Kugeln goß, welche so sicher trafen, daß der Feind zum Abzüge genöthigt wurde. Als Zeichen dankbarer Erinnerung wurde von der Ostseite des Rathhauses ein bärtiger Männerkopf, diesen Schwed eben darstellend, angebracht, der noch heute daselbst zu sehen ist. Doch ich will den ersten Theil meines Berichtes beenden. Um diesen mit einem Lob aus Kiffingen zu schließen, will ich erwähnen, daß daselbst für das leibliche Wohl der jüdischen, rituell lebenden Kurgäste aufs Beste gesorgt isi. Die beiden Restaurationen von Ehrenreich und Herzselo, in ritueller Beziehung gleich gut zuverläßlich, sind mit allem Comfort der Neuzeit ausgesiattet und entsprechen durch ihre vorzügliche, kurgemäße Küche allen Anforderungen. In der Hauptsaison kommt es zuweilen vor, daß an 600 Juden an ihren Taschen zu Mittag speisen. Jenen zahlreichen Glaubensgenossen, die es trotzdem vorziehen, sich in christlichen Restaurants serviren zu lasten, ist die Ausrede, daß das „koschere Esten nicht« tauge, ihnen nicht bekomme", in Kiffingen genommen. Doch es verräth moderne Bildung, eine gewisse Noblesse, es gehört zum guten Tone, christlich zu speisen und sich auch im Essen mit den Christen zu assimiliren. Sollen wir uns über die Anschauung und Geschmacksrichtung dieser modernen Juden mehr ärgern oder amüsiren? Ich thue weder das Eine, noch das Andere; ich bemitleide sie nur! Der Appetit kommt nicht nur beim Essen, sondern auch, wenn man davon spricht. Hoffentlich haben Sie sich durch meinen Bericht nicht den Magen verdorben; ich will Ihnen diesmal auch nicht zuviel auf einmal austischen. Verdauen Sie zuerst dies, und es folgt demnächst ein weiterer Gang in Form eines Berichtes, der die Ausführung eines edlen, humanen Werkes in Anregung bringt und für Alle, die sich dafür interessiren, bestimmt ist. Ich begrüße Sie, mein lieber Herr Redakteur, und verbleibe Ihr Sie schätzender Dr. med. Münz-Nürnberg.

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