Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 65 (17.8.1899)
- Date
- 1899-08-17
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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WWWWWWWWW 1379 Zeitungsnachrichte« und Csrrefponde«ze« Oefterr.-Ungar. Monarchie. Wien. (Der Anti sein iti SmuS in Wien.) Der Londoner „Daily Chronicle" entwirft von dem Antisemitismus in Wien und seiner Herrschaft dort eine Schilderung, der mir im Folgenden nach der „Allg. Israelitischen Wochenschrift" Berlin, die hauptsächlichen Stellen entnehmen: Die Abendschatten fallen bereits auf das Haupt des so sehr überschätzten Mannes, des Dr. Lueger. Noch vor Jahresfrist konnte man das interessante Gesicht und die schlanke Gestalt des „schönen Karl" in hundert verschiedenen Darstellungen sehen: Frauen trugen sein Bildniß in Brochen und Medaillons; auf allen Höfen spielten Drehorgeln, in jedem Prater-Biergarten die Musikbanden den „Lueaer-Marsch" unter rasendem Beifall. Heute ist Luegers Portrait fast nirgends mehr zu finden, die Töne des Luegerinarsches belästigen nicht mehr unfreiwillige Hörer, die Drehorgeln haben den Lueger - Walzer überhaupt entfernt. Offiziell ^xiftirt der Antisemitismus noch in Wien, aber endlich bricht das Licht sich Bahn und leuchtet in die Seelen der verdummten Zehntausende. Luegers Offiziere, die Schneider, Gregorig, Geßmann, Vergant, fühlen die Veränderung mehr, als der Führer selbst. Ja, die christlich-sozialen Führer, die noch vor Kurzem von der Menge stürmisch bejubelt wurden, fühlen sich jetzt nicht mehr sicher, ihre Häuser müffen Tag und Nacht von der Polizei bewacht werden, die Führer des Volkes müffen durch die Polizei vor dem Volk geschützt werden. Jeder unbefangene Beobachter hat gewußt, daß das antisemitische Regime in der österreichischen Hauptstadt nicht lange anhalten würde. Es ist eine Eigenthümlichkeit dieser merkwürdigen Bewegung, daß sie sich selbst bald zu Grunde richtet. Von Deutschland war sie ausgegaugen; aber hier macht der Antisemitismus keine Fortschritte mehr und ist weniger zu merken, als vor zehn Jahren- Kriminalprozeffe, in denen Antisemiten die erste Rolle zufiel, haben sich wiederholt vor den Wiener Gerichten abgespielt, auch nachdem die Partei zur Herrschaft gelangt war. In rascher Folge mußten die Anhänger ihre antisemitischen Führer wegen Betrugs, Bestechung, Veruntreuung bestraft sehen. Mit der imposanten Majorität von 96 war Dr. Lueger in den Stadtrath eingezogen; jetzt beträgt seine Majorität NI, obwohl auch das eine ihrn sehr günstige Berechnung ist. Einige seiner Anhänger haben wegen der oben erwähnten Skandale aus dem Stadlrathe austrelen müffen; andere, die deutsch-nationalen Antisemiten, trennten sich t>ou ihm, als sie einsahen, daß die christlich-soziale Partei nur ein Werkzeug in den Händen des Ultramontanismus war, dem ihr Haß mehr noch als den Juden gilt. Die Traditionen jener unerreichten Betrüger, Schönerer und Kompagnie, sind treulich gewahrt worden. Der Artikel gibt einen intereffanten Ueberblick über die Entstehung des österreichischen Antisemitismus. Der Antisemitismus ist tu Oesterreich und in Frankreich ungefähr gleichzeitig aufgetaucht und scheint nun in beiden Ländern seinem Ende nahe. In beiden Ländern haben die ultramontane und die reaktionäre Partei ihn als Verbündeten begrüßt, besonders in Oesterreich. Hier war der Boden wundervoll vorbereitet. Die niedere Mittelklasse der eingeborenen Wiener Bevölkerung ist leichtsinnig, vergnügungssüchtig, gedankenlos, oberflächlich. Die sogenannte liberale Partei hatte eben eine Niederlage erlitten und war noch sehr gedrückt, das Land hatte eine schwere Krisis durchgemacht, und durch das viele Elend und Unglück wurden die Oesterrercher, denen es an Gemeinsinn fehlt, nur noch stupider und abergläubischer. Bald erhob sich das Geschrei: „Die Juden sind an Allem Schuld." Sie haben das meiste Geld, so beschuldigte man sie, sie produziren am billigsten, sie schaffen schädliche Konkurrenz, sie sind geschickter und arbeiten länger, sie geben weniger aus und begnügen sich mit geringerem Verdienst. Diese Bewegung wurde sofort von der herrschenden Aristokratie und der Geistlichkeit unterstützt, denn die soziale Frage hatte soeben an die Thür geklopft. In gewissenloser Weise ließ Graf Tnaffe die Agitation zur vollsten Höhe gelangen, indem er sie heimlich nährte, weil er hoffte den sozialistischen Zorn von den Häuptern des Adels und der Geistlichkeit auf die der Juden abzuwälzen. Die Folge davon war das Hinwelken des Sozialistenbaumes und statt dessen die Entwickelung des Giftbaumes des Antisemitismus, unter dem trügerischen Namen des christlichen Sozialismus. Das Ergebniß davon sehen wir in der dreijährigen Verwaltung der Lueger-Partei, die in der» Artikel in erbarmungsloser Strenge kritisiert wird. Die Englische Gasgesellschaft hat ihr Unternehmen für 16 000 000 Gulden zum Verkauf angeboten. Trotzdem wurde von der Stadt eine Gasanstalt für 35 000 000 Gulden eingerichtet und der englischen Gesellschaft verboten, ihre Preise herabzusetzen. Lueger, das Werkzeug des ultramonanen und aristokratischen Bündnisses, durste die Wiener Juden mit den giftigsten Verfolgungen kränken. Schullehrer wurden verhöhnt nnd verfolgt aus bloßem Haß gegen Erziehung nnd Aufklärung, arnrsn kranken Leuten wurden die gewohnten Erleichterungen entzogen, Wohlthätigkeitsanstalten wurden wegen ihrer jüdischen Verbinduugeic ausgehungert, die Steuerzahler wurden durch verwerfliche Machinationen gerupfi und durch ein schamloses System geknebelt. Die Wiener haben ihre Orgie von antiiemitifchen Brutalitäten gehabt