Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 65 (17.8.1899)
- Date
- 1899-08-17
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449014--48880-2499292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
^tt. Jahrgang. Erste Beilage zu M 65 des „3sr«U!“. Feuilleton. jJlQUiimttn ms der Zowmerstisltze. Kissingen, im August. Es ist Hochsaison in Kissingen! Wie es am srühen Morgen schon wogt und wimmelt auf der Kurpromenade, wie Alles sich drängt und drückt, um nur recht rasch ein Glas Rakoezy zu erhaschen! Aus weiter Ferne, aus aller Herren Länder sind Kranke herbeigeeilt, um an Kissingens heilkräftigen Quellen Gesundheit und körperliche Frische wieder zu erlangen. Vormals freilich, da sie noch im Besitze dieser kostbaren Güter waren, achteten sie gar wenig darauf, und auf ein Paar hygienische Sünden mehr oder weniger kam es ihnen gar nicht an; und jetzt, da sie durch den Verlust der Gesundheit auch ihren Werth kennen gelernt haben, opfern sie die gemüthliche Ruhe ihrer Häuslichkeit, opfern sie viel Geld, um nur ja wieder gesund zu werden. Merkwürdig! Sonst galt denselben Menschen, die jetzt ihrer Gesundheit zu Liebe das Geld mit vollen Händen ausgeben, das Geld als das höchste Gut, um besten Erwerb gar oft ein Stück der Gesundheit preisgegeben wurde- Für die Kissinger, welche als recht „einnehmend" bekannt sind, bedeutet darum die Hochsaison die Zeit, in der sie ihren Beutel füllen können; im Grunde genommen haben sie ja Recht. Denn da sie das Geld von den Gesunden nicht bekommen, müssen sie es eben von den Kranken nehmen. Dem Beobachter kann es nicht entgehen, daß gerade die Juden ein verhältnißmäßig sehr großes Contingent von Kurgästen in Kisstngen stellen; fast ein Viertel aller Badegäste besteht aus Juden. Diese Erscheinung ist — wenigstens in Kissingen — nicht darauf zurückzuführen, daß die Juden, weil sie wohlhabender seien, ins Bad gehen, ohne es vielleicht nöthig zu haben; nein, unter den Juden trifft man in der That sehr viele Magenleidende an*), welche eben der Ruhm Kissingens als heilkräftiges Bad für diese Leidenden anlockt. Unter den Juden ist es wiederum — vielleicht aus dem angeführten *) Dieser Umstand und die Ursachen hierfür sind von mir in meiner im „Israelit" erscheinenden Arbeit: „Die Nahrung des gesunden und kranken Magens" ausführlich behandelt worden. Die erwähnte Arbeit erscheint demnächst mit mannigfachen Verbesserungen im Verlage des „Israelit" als gesonderte Brochüre. Grunde — das polnisch-russische Element, das in Kissingen von Jahr zu Jahr zunimmt und diesmal so stark vertreten ist, wie nie zuvor. Oft kann man unter ihnen intereffanten Typen begegnen, die selbst einem Maler wie M a t e p k o bei seinen Darstellungen polnischer Gestalten als Vorbild hätten dienen können. Dort jener imposante Mann mit dem langen schwarzen Barte und den herabwallenden, bereits ergrauten Seitenhaarlocken, der, in Gedanken tief versunken , ernst dahinschreitet, ist der Rabbi von Skiernewitze, und dort jene würdige Erscheinung mit dem freundlichen Gesichte ist der, als Wohlthäter bekannte Herr Banquier Mosel aus Berditschew. Unter den polnischen jüdischen Frauen erfreut sich besonderer Achtung die Gattin eines in Polen berühmten Wunderrabbi, die „Rebbezen von Gura", welche jeden Freitag Abend, wenn der Sabbat seinen Einzug gehalten, einen großen Kreis von Verehrerinnen um sich fchaart. Im Allgemeinen zählen die russisch-polnischen Juden zu den anspruchslosesten, friedfertigsten Kurgästen, die froh sind, wenn man ihnen ihre „Menuche" läßt und gehören so sehr zu dem Gesammtbilde Kissingens, daß sie trotz ihrer langen Kaftans und anderer besonderer Eigentümlichkeiten nicht mehr auffallen; nicht deßhalb allein nennt man Kissingen das deutsche Karlsbad. Die Christen erblicken in den polnischen Juden Gäste, wie alle anderen und kommen ihnen freundlich entgegen; es mag ja Vorkommen, — und wo kommt es heutzutage nicht vor? — daß hier und da „in Antisemitismus gemacht wird." Es ist aber traurig und kann gar nicht genug gerügt werden, daß Glaubensgenossen und — es muß zur Schande gesagt werden — auch solche, die sich zu deu frommen Kreisen zählen, mit einer gewissen Verachtung von den polnischen Juden als von den „Pollacken" sprechen, eine Bezeichnung, die gerade in Süddeutschland so gang und gäbe ist; freilich ist es ein Zeichen von Unwissenheit oder Bosheit, wenn man auch die dem östlichen deutschen Vaterlande entstammenden Juden — also Deutsche zu den „Pollacken" zählt. Wie kann sich ein Jude über den andern erheben? ist oer russischpolnische Jude deßhalb weniger werth, w^l er ein anderes Gewand trägt? oft schlägt unter diesem Gewände ein besseres, ein edleres Herz, als es mancher deutsche Jude besitzt! Die Juden Polens scheinen auch in Kissingen den Verkehr mit ihren deutschen Glaubensbrüdern nicht zu suchen; sie leben wie in ihren privaten, so auch in ihrem religiösen Leben getrennt von diesen. Sie halten ihren Gottesdienst in Pri vatcirkeln, bald da, bald dort, ab 'und suchen nur selten zum Gebete die Kissinger Synagoge auf. Aber