Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 65 (17.8.1899)
- Date
- 1899-08-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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1871 sollen. Solche Zeitalter, die mit einem Theil der Satzungen Gottes so leicht fertig werden, sind auch bald bereit, die Forderungen Gottes insgesammt zu entthronen und an Stelle des Pflichtbewußtseinr oie Anbetung des eigenen Ich zu setzen. III. Derselbe Midrasch, der die obigen Deutungen der Gesetze angeführt hat, fügt nun hinzu: iöxp vn ynn >6 mm'wö )Vi abtn ja v"n mix nircn. „Darum sagt die Schrift: Wenn Du den Lebensweg wägen würdest, würden die Pfade erschüttert, ohne daß Du es merkst." Gott spricht, wie xjm 12 '2x erklärt: n NM: >xn.mw 1x03 bpva', zur snn sb 'J'tt nSp NM m v"x :,t 'zna nn:x nvm yx nbrv btn n'izp [na ne nba sb xzpn ntry na nms n&iy ama NMN bz wjw -n2 nute „Sitze nicht Da, um die Mizwot der Thora gegen einander abzuwägen." In diesem Falle ist nntvn sbs w px. Der Ausdruck bedeutet bereits einen Aufenthalt auf dem Wege der Mizwa und ein Fortfchreiten wird nunmehr durch den Zweifel und das Schwanken unmöglich. Nicht wird ihm der Weg mehr entgegeneilen, wie den Stammvätern, sondern das Ziel wird sich immer weiter von ihm entfernen, weil er von der Begründung der Mizwa ihre Erfüllung erst abhängig machen will, statt sie als unabänderliche Pflicht zu betrachten, deren Ausübung Selbstzweck ist. Denn welchen Maaßstab legt ein Solcher an die Gebote Gottes, um ihre Bedeutung zu erkennen? Der Midrasch sagt es: „Diese Mizwa ist wichtig, denn ihre Lehre ist groß, die andere ist gering, denn —." Die Weisen sprechen das nicht aus, weil der Mensch das verschweigt, um seine Selbstsucht zu verhüllen, denn der Lohn und Vortheil dabei ist Wein." Also das macht die Bedeutung derselben aus, welche Bequemlichkeiten und Vortheile in äußerlichem Sinne sie bietet. Ja, von diesem Standpunkte aus betrachtet, wird man beim Anblicke des Gesetzestreuen inrmer dem Acher gleichen, der achselzuckend dem Märtyrer!od eines Rabbi Chuppith oder den Unfall deflen mit ansieht, der auf Verlangen seiner Eltern spn mte ausübt. Da schwankt unmerklich der ganze Standpunkt, ohne daß man es merkt, ynn sb nmfoyo in. Immer mehr entfernt man sich vom Opfersinne und von der Selbstlosigkeit, man ist nicht mehr im Stande, zu begreifen, wie und warum der Mensch sich die geringste Zurückhaltung auflegen soll. „Was that der Schöpfer? Er hat die Gründe seiner Satzungen nicht enthüllt, damit alle ausgeübt werden." Hat er uns dabei das Nachdenken verboten? Gewiß nicht! Vom sicheren Hafen der Gesetzestreue und unter der Voraussetzung, daß die Thora nichts zur Erschütterung ihres eigenen Standpunktes bestimmen wird, dürfen, ja, sollen die Gründe gesucht werden, wie unser Midrasch es thut. Da wird aus den Satzungen des Judenthums allerdings die Lehre der göttlichen Allgüte gefolgert, damit der Mensch sie selbst bethätigen soll. Nicht soll er in einem Zeitalter, wie das unserige, nur den Erfolg anbeten und das wiflenschaftliche Spottlied mitsingen über Menschenthum, Sittlichkeit und Menschenliebe. Er soll überzeugt sein, daß, was das Judenthum der Welt an solchen Gütern gebracht hat, nur möglich war und ist durch die Treue, mit welcher der Gotteswille gewahrt wird. Wir haben nicht die Weltverleugnung gepriesen mit den Indern, nicht den Weltgenuß mit den Griechen — wir haben die kräftige Bethätigung des Gotteswillens in Welt und Menschheit auf unser Banner geschrieben, das Losungswort heißt wji mm. Warum solche Gedanken nicht in die Tefilla ausgenommen werden dürfen! Sobald dies der Fall ist, scheint der Inhalt der göttlichen Satzung erschöpft, es sieht aus, als wenn wir mit ihr fertig wären. Das ist aber nicht der Fall. Wie die Sonne nicht einen Zweck hat, sondern viele, so auch jede Mizwa. Der Eine findet einen Gedanken, der Andere den anderen, und so lange diese Deutungen den Boden des Gegebenen nicht verlassen, so lange sie nicht zur Erschütterung desselben dienen, sind sie wahr. So lange der Eine nicht sagt, meine Deutung ist allein wahr und die deine falsch, weil sie nicht die meine ist, wird der Umstand, daß die Zwecke der Mizwoh verhüllt geblieben sind, nur zur Belebung unseres religiösen Empfindens führen und uns immer von Neuem über die von uns ausgeübte Mizwo Nachdenken lasten. Nun begreifen wir auch Kalliri, den die Tostafisten mit dieser Frage in Zusammenhang gebracht haben.. Er sagt: icnem bz nnx 01*2 1« nx: mix lp-nt*) „Erkennt zuerst als unbedingt wahr, als pix an, das Mutterthier und das Junge dürft ihr an einem Tage nicht schlachten!" Dann dürft ihr erst folgern yvnib Tflßvnt: „Deine Gedanken gehen dahin, uns barmherzig werden zu lasten", uran!? -pni^e« „damit wir Dein Wirken (also auch Deine Gesetze) immer erheben," selbst wenn wir sie nicht begreifen. In diesem Sinne geht Gesetzestreue und hingebender Forschergeist in aufbauendem Sinne mit einander Hand in Hand mix '^nsnb', mm *) Siehe auch die Deutung des Dpy» npru im Heiden heimjchen Machsor nDDi 37 nanp vor ernon rrno.