Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1899)
- Date
- 1899-08-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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1324 Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 7. Aug. Professor Emil Breslauer wurde dieser Tage begraben. In ihm ist ein hervorragender Musikpädagoge und ein, namentlich um die synagogale Musik verdienter Mann hingegangen. Vordem Lehrer, Prediger und Vorbeter, leitete er seit sechzehn Jahren den Chor in der Synagoge der hiesigen Reformgemeinde. Zur Reform hat er innerlich gewiß nicht gehört. Auch hat ihn nicht sowohl das Amt, als die Versuchung dahin geführt, die für ihn darin lag, einen Gottesdienst nach seinem Gefallen musikalisch ausgestalten und ausstatten zu können. Die Orgel liebte er nicht. Er schränkte ihren Gebrauch mehr nnd mehr ein und ließ sie nnc noch da ertönen, wo es nöthig war, durch ein lebhaftes instrumentales Geräusch die theilnahmslose Schweigsamkeit der Gemeinde zu verbergen. Er war von herzgewinnender Liebenswürdigkeit, von aufrichtiger Bescheidenheit, allezeit hilfsbereit, voll regen Interesses für alle jüdischen Dinge. Die Grabrede hielt Herr Dr. Klemperer, Prediger an der Reformgemeinde. In seinem Nachruf paßte er sich der Gesinnung deS Verstorbenen an: Er sprach ganz so, als wäre er noch der orthodoxe Rabbiner, der er früher gewesen. Dr. Klemperer hat erst spät sein liberales Herz entdeckt; das Licht einer neuen Erkenntniß ging ihm erst aus, nachdem er die Bestallung als Reformprediger erhalten hatte. Auch dann noch wollte er den Gesinnungswechsel vor seiner Bromberger Gemeinde — bis zum Umzug — geheim halten. Die Gemeinde aber erfuhr davon nub war großherzig und feinfühlend genng, ihrem Seelsorger inneren Zwiespalt ersparen zu wollen. Sie that das, indem sie ihm die Kanzel sofort verschloß und den Zutritt zu ihrer Synagoge ihm ferner nur als Privatmann gestattete. Am Grabe gedachte er nun vergangener Tage und sprach wie ein Orthodoxer zur Erbauung seiner reformgemeindlichen Hörer, von denen so mancher eigentlich Jude sein möchte, es ini Herzen auch ist. Berlin, 3. Aug. Die Auswanderung russischer Juden über Hamburg nach England und Nordamerika dauert fort; sie hat sogar im Jahre 1898 um 5000 Personen zugenommcn und belief sich im ganzen auf nahezu 14 oöu Personen. Nach dem neuesten Jahresberichte der Hamburger Behörde für das Auswanderungswesen wurden 1898 in den Auswandererhallen am Amerikaguai zu Hamburg rund 20 000 Personen russischer Nationalität beherbergt. Davon wandten sich 6530 nach England und 13 230 nach 'Nordamerika. Unter ihnen befanden sich 17 044, die die Grenz - Kontrollftationeit Eydtkuhnen, Jllowo, Prostken, Qttlotschin, Bajohren, Tilsit, Insterburg und 1805, welche die Station Ruhleben passiert hatten. In diesen Stationen wurden sie einer ärztlichen Untersuchung, sowie einer körperlichen Reinigung und ihre Sachen einer Desinfektion unterzogen. Außerdem besteht auch ein Rückwandererverkehr. Im Jahre 1898 kamen 378 mittellose, in New-Pork zurückgewiesene Rückwanderer in Hamburg an, ferner 1192 mittellose Rückwanderer aus England. Letztere wurden auf Kosten des jüdischen Komitees nach ihrer Heimath befördert, erftere aus Kosten der Hamburg- Amerika-Ltnie. Berlin. Man muß der Mission lasten, daß sie mit ganz modernen Mitteln zu arbeiten weiß. Geht da durch alle Zeitungen ein Nekrolog des Judenchristen Rabbinowicz in Kischinew. Dieser Mann hatte sich, wie man weiß, im Solde der Mission vor Jahren bemüht, eine Bewegung unter den Juden in Rußland zu schaffen, die mit der Bewachung Vieler jüdischer Eigentümlichkeiten die Annahme des Christenthums verbinden sollte. Dieser Versuch wirbelte Anfangs viel Staub, blieb aber dann im Anfänge schon stecken und scheiterte dann an der Gleichgültigkeit der Juden gegenitber den Missionsbestrebungen. An den Nekrolog für diesen Mann also schließt sich dann der folgende Passus: „Unabhängig von Rabbinowicz und dessen christlichen Synagoge hat sich neuerdings eine andere jüdische Gemeinschaft zu bilden begonnen, deren Mittelpunkt Odessa ist. Bet Gelegenheit einer von dortigen Juden abgehaltenen Versammlung, in welcher über das Geschick des unglücklichen Kapitain Dreyfus und dessen ungerechte Verurtheilung referirt worden, hat ein talentvoller junger Jude in längerer Rede auseinandergesetzt, daß die glücklich erstrittene Revision des Dreysns-Prozesses dem jüdischen Volke die Pflicht auferlege, eines vor 18 Jahrhunderten von dessen eigenen Häupter gefällten ungerechten Todesurtheils zu gedenken, und eine Revision des Prozes oorzunehmen, der seinerzeit dem Stifter der christlichen Religion gemacht worden. Trotz des heftigen und tumultuarischen Widerspruches, der seitens der strevg orthodoxen Zuhörer dieses Vortrages erhoben worden, fand derselbe unter der jüngeren Generation so lebhaften Anklang, daß eine Anzahl jüngerer jüoischer Männer zusammentrat, die den angeregten Gedanken weiter verfolgen wollen und sich die' „Rerisionisten" nennen." Wie unschuldig dies klingt, diese angeblich so spotane Bewegung der „Revisionisten"! Wer aber hinter die Koulisten sieht, findet als Faiseur der neuen Agitation denselben Pastor Faltin in Kischenew, der auch die christliche Synagoge von Rabbinowicz in Szene gesetzt hat. Damit weiß man genug, aber die Juden werden sich so wenig von den Revisionisten Faltins, wie