Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1899)
- Date
- 1899-08-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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1322 Respekt der Gemeinde vor seiner Autorität will ich gar nicht reden. — Auch mit der Geschichte des Ritus, sowie der Entwicklung des Gottesdienstes muß der Seminarist vertraut gemacht werden. Dann erst kann die eigentliche Ausbildung in musikalischer Beziehung beginnen. Dieselbe muß jederzeit von dem Grundsätze geleitet sein, daß der Vorbeier oder pn in erster Linie bv2 sein muß. Deshalb haben musikalische Uebungen und Productionen, welche nur das Brillieren der Stimme im Auge haben, sowie Reichthum unv Schönheit der Melodien vorerst zurückzutreten. Lauter, sinnrichtiger, wohlbetonter Vortrag, durchdrungen von dem Verständniß des Gebetes, sowie getragen von der Begeisterung sür die heilige Sache sollen einzig und allein die Hauptgesichtspunkte in seinem Berufe bilden. Deshalb mache man die Seminaristen mit der Art und Weise des richtigen Vortrags bekannt. Man beginne mit den Werktagsgebeten, schreite zu mp u. v'' fort, aber stets mit dem festen Grundsatz, daß die erste und vorzüglichste Thätigkeit der Behandlung des Rezitativs gewidmet werden muß. -Melodien wie nrm -pm am mp ,im 713m ,hh roh ,m?i u. s. w. können aus jedem synagogalen Gesangswerke erlernt werden, umsomehr, als die meisten jüd. Seminarien ihren Zöglingen auch eine ausreichende musikalische Bildung vermitteln. Aber im richtigen, formvollendeten, logisch betonten und gefälligen Vortrag z. B. des mpy hjcp an Werktagen, epv mp, des gebaltvollen wxrsn yeoi, der erhabenen Gebete vbiy .npyv rrrK, sowie der erhabenen Schlußgebete vor den einzelnen mypn in - Gebete am m, worin das Schöne, Zarte und Innige so reich und weihevoll dem gefühlvollen Vortrag übergeben ist, hier zeigt sich der wahre Prüfstein für die Fähigkeit eines tos n'bp. — An den Orten, wo neben dem Seminar auch ein tüchtiger Kantor wirkt, gebe man ferner dem angehenden Lehrer so häufig als möglich Gelegenheit, denselben an der Stätte seiner Wirksamkeit zu möglichst allen Zeiten des Jahres zu hören. Nichts vermag auch hier besser zu bilden als die segensreiche Macht des lebendigen Beispiels. Denn die Art und Weise, wie ein Kantor in Ausübung seines Berufes wirkt, die hehre Auffassung der vorgetragenen Gebete, die begeisterte Hingabe und das Aufgehen in den herrlichen Inhalt derselben, das Verständnis, welches jeder Tonfall, jede Nüance im Vortrage bekundet und das unwillkürlich zum Herzen und Geiste des Hörers dringt, alles dies kann eben nicht in tausend Stunden und selbst nicht von den besten Lehrern nachgeahmt werden. Nach allen diesen Bestrebungen schreite man erst zur Vermittlung eines Fond von Melodien für den zukünftigen Kanntorberuf. Bei der in den Seminarien kurz bemessenen Zeit lege der Lehrer das Hauptgewicht auf die Erlernung der überlieferten ehrwürdigen Melodien, des sog. min, welches in seinen Hauptmotiven an allen Orten gleich ist und überall gern gehört wird. Dasselbe zaubert uns ja eine ganze Geschichte unseres Volkes vor unser Gemüth, wir sehen die Vergangenheit vor unserem Auge erstehen, wir weinen, jubeln und erzittern in Ehrfurcht mit unseren Vorfahren, die Synagoge ist uns die liebgewonnene Heimath, wo häusliches Leid, persönliche Freude vergessen wird, wo Rang und Stand aufhört und wir uns verbrüdert fühlen durch das gemeinsame Band der Andacht und Ehrfurcht vor Gott, sowie der Geschichte, welches im Gebet, im Gesang und der Melodie enthalten ist. Dann sollen die Zöglinge zum Studium der wichtigsten Werke des synagogalen Gesanges angeleitet werden, was durch den genossenen musikalischen Unterricht wesentlich erleichtert wird und hauptsächlich in der Praxis ausführlich gepflegt werden kann. Bemerken möchte ich noch, daß in den Seminarien streng darauf zu sehen ist, daß alle Zöglinge ohne Rücksicht auf stimmliche Befähigung theilzunehmen haben. Denn einerseits macht die Stimme noch keinen Kantor, und andererseits sind oft Vorbeter ohne große stimmliche Veranlagung als tüchtige '^2 sehr befähigt, den Gottesdienst in würdiger Weise abzuhalten, und wie oft hat schon mancher Kollege seine im Seminar in dieser Beziehung bewiesene Gleichgültigkeit später bereut. Dem Vorlesen der Thora, dem sog. „Lajenen" werden wir später eine besondere Betrachtung widmen. Tritt nun der aus dem Seminar entlassene Lehrer und Vorbeter in die Praxis, dann darf er nicht rasten im Bewußtsein einer angeblichen Ausbildung im Kantorfache. Im Gegentheil, die Ausbildung beginnt erst jetzt. Und wenn auch der so vorgebilveie Kantor nicht mehr verlegen, arm an Wissen und bang angesichts der Erwartungen der Gemeinde seine Thätigkeit beginnt, so erscheint dennoch das Erreichte nur als Anfang seiner umfassenden Aufgabe, welchen das eingehendste Studium und die stiengste Selbstzucht in der Praxis zur Reife bringen soll. Mit Recht kann man auch hier sagen: „Die Arbeit" ist groß, der Tag ist kurz und der Hausherr drängt! Zu einer solchen stilgerechten kantoralen Ausbildung muß entschieden die Einrichtung von eigenen Kantorschulen gefordert werden, und zwar a) als Fortbildungskurse für die das Seminar verlassenden Zöglinge, sowie die Lehrer der verschiedenen Gemeinden in allen Ziveigen des Kantorfaches, und b) in künstlerisch höher entwickelter Beziehung für die stimmlich hervorragend befähigten Kandidaten zur Bekleidung de« Vorbeteramtes in den Großgenieinden. Die erstere Ausbildung, welche ja, weil für den Durchschnittsstand der Lehrer am meisten in Betracht