Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-08-07 · Heft 62 (7.8.1899) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 62 (7.8.1899)
Date
1899-08-07
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2449011--48814-2499223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1814 ihnen nur in zweiter Linie angeschloffen habe. Es verhielt sich indeffen gerade umgekehrt: Deutschland war um ernster wirthschaftlicher Interessen die treibende Kraft; die Westmächte, deren Staatskunst in dieser Frage nur durch humanitäre Ideale bestimmt wurde, gingen mit viel geringerer Verve vor. „Bismarck ist der Mann", schrieb Carol seinem Vater, „der jene Mächte, welche noch nicht in diplomatischen Beziehungen zu uns stehen, zurückhält, unsere Unabhängigkeit anzuerkennen. Der Vorschlag, Serbien anzuerkennen, erging von Berlin an die anderen Mächte, und zwar mit dem Bemerken, daß ein Unterschied gemacht werden müßte zwischen dem einen Lande, das seine Verpflichtungen erfüllte, und dem anderen, das sich ihnen zu entziehen suche." Der eiserne Kanzler ging so weit, für den Fall der Nichtemanzipation der rumänischen Juden Carol seine Wiederunterwerfung unter die Suzeränität des Sultans und gewaltsame Exekution anzudrohen. Kaiser Wilhelm war mit der Haltung seines Kanzlers der rumänischen Judenfrage gegenüber nicht vollkommen einverstanden: . . . England, so schrieb er an die Kaiserin August«, redet sich ein, jeder rumänischer Jude wäre ein so feiner Mann wie Rothschild ... ich aber weiß aus Erfahrung, was die Juden in jenen Gegenden sind; schon von Posen an, dann weiter in Polen, Littauen, und Volhynien, und die rumänischen Juden sollen noch schlimmer sein. ... Ich habe, wie du weißt, von Anfang an den Beschluß des Kongresses über die Judenfrage aufs Entschiedenste mißbilligt, obgleich erst, nachdem der Schlag gefallen war, da ich nicht an der Spitze der Regierung stand. (Wegen der Folgen des Nobilingschen Attentats.) Nach der Hand habe ich natürlich nichts anderes thun können, als für die strikte Ausführung der Kongreßbeschlüffe einzutreten, aber ich habe bei jeder Gelegenheit gefordert, daß in dieser Sache keine Pression ausgeübt werden dürfe." Die Kammern in Bukarest weigerten sich beharrlich, die Forderungen anzuerkennen. Beinahe ebenso gefährlich wie diese Aussicht, dünkte ihnen die ungeregelte völkerrechtliche Stellung des Landes, welchem Deutschland, England und Frankreich die Anerkennung seiner bei Plewna mit solchen Opfern erkauften Unabhängigkeit verweigerten. Diese angstvolle Situation der zwischen Scylla und Charybdis dahinsteuernden rumänischen Staatsmänner benutzte Bismarck u. a., um endlich seine Revanche für die Beleidigungen zu nehmen, welchen der deutsche Name in Bukarest zur Zeit des Frankfurter Frieden» ausgesetzt gewesen war. Da» deutsche Reich, sagte er zu M. Sturdza, lege Werth auf die Erhaltung freundschaftlicher Beziehungen zu Rumänien, obgleich Rumänien bis vor Kurzem Deutschland etwas cavalicrement behandelt habe. Wenn da» Verhältniß zwischen den beiden Staaten sich bessern solle, müsse die Eisenbahnfrage aus der Welt verschwinden. Damit war das entscheidende Wort ausgesprochen; Bismarck deutete an, daß er in der Judenfrage mit sich reden lassen würde, wenn Rumänien seine deutschen Gläubiger befriedige. Als die Kammern in Bukarest sich noch eine Zeit lang weigerten, auf der ihnen bezeichneten Grundlage mit Deutschland abzuschließen, wurde die Lage für Rumänien so kritisch, daß die deutsche Kaiserin Carol eine „streng vertrauliche" Warnung schickte, es wäre Gefahr im Verzüge. Nun bewilligten die Volksvertreter Rumäniens den Rückkauf der Eisenbahnen, und die Konsequenz dieses Entschlusses war, daß Deutschland und in seinem Gefolge auch England und Frankreich die Unabhängigkeit des Landes anerkannten, ohne daß es in der Judenfrage mehr hätte zuzugestehen brauchen als Scheinkonzessionen. Von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, sind die Israeliten Rumäniens heute so rechtlos wie je. Da bekanntlich jeder Druck Gegendruck erzeugt, so wäre vielleicht die Haltung König Carols den Juden gegenüber eine bessere, wenn man ihn nicht damals mit Gewalt dazu hätte nöthigen wollen. St. Lengsfeld, 2. Aug. Ueber ein in Erfurt abgehaltenes antisemitisches Volksfest berichtet die Eisenacher Tagespost vom 2. Aug. d. I. wie folgt: „Gegenüber den von antisemitischer Seite verbreiteten Nachrichten ist seftzustellen', daß die Betheiligung der Bevölkerung an dem gestrigen antisemitischen „Volksfest" sowohl als auch an der Vorfeier desselben am Samstag Abend trotz der gewaltigsten Reklame eine überaus schwache war. Anwesend waren der deutsch-sociale Resormverein, die „nationalen" Handlungsgehilfen und einige Neugierige. Auf die Kosten sind die Veranstalter keineswegs gekommen. Reichsrathsabgeordneter Wols schilderte in großen Zügen die deutsche Bewegung in Oesterreich, wobei für die dortige Regierung scharfe Seitenhiebe abfielen. „Direktor" Zimmermann—Dresden hielt eine seiner bekannten Reden und Abg. Werner sprach einen Toast auf die Frauen. Die gesungenen Lieder enthielten viele Worte über das Deutschthum und Schimpfworte für die Juden, selbst dem todten Heine wurden einige Esels-Fußtritte versetzt. Das Schönste aber ist, daß zu diesem antisemitischen Klimbim ein — Jude die Musik machte. Man sieht, selbst die antisemitischen „Volksfeste" sind jetzt schon total verjudet." Amerika.? Philadelphia. Vom 14.—30. Aug. findet in Atlanti City die diesjährige Sommerversammlung der Jewish Chantauqua statt, jener eigenartigen Institution, die offenbar den Versammlungsmonaten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.