Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 62 (7.8.1899)
- Date
- 1899-08-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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1806* die Mischnah lernt ohne Gesang, auf den ist der Vers anwendbar: „Ich gab ihnen Gesetze, welche nicht schön waren!" Unzweifelhaft festgestellt ist demnach, daß das Vorlesen der Thorah durch eben denselben Sprachgesang geübt wurde, wenn auch die ursprünglich exegetischen und grammatischen Zwecken dienten u. erst im Laufe der Zeit jene musikalische Bedeutung erhielten, welche sie heute noch besitzen.Dafür spricht schon die Existenz grundverschiedener Melodiensysteme für die rn’jj nach den verschiedenen Nationalitäten. So giebt es drei Gruppen, nämlich 1. die germanisch-polnische, 2. die sephardische (spanische und italienische System) und 3. die orientalische (ägyptische) Gruppe. Im Mittelalter jedoch, als die musikalische Kunst sich überhaupt vervollkommnete, nahm auch der Gesang im Gottesdienst einen Aufschwung, namentlich von der Zeit an, wo die P o 6 t a n i m ihre dichterische Thätigkeit begannen. Der synagogale Gesang war anfangs nur Sologesang, der Vorbeter trug die einzelnen Gebetstücke vor, während die Gemeinde zuhörte. Während jedoch die Rezitation der ältesten Gebete und der Thoraabschnitte in kantillirender (singend vorlesender) Weise erfolgte, ist die Weiterentwicklung im Mittelalter wohl abwechslungsreicher geworden, aber von einer derartigen Unsicherheit, sowie Unselbstständigkeit der Melodien, daß sich über die Geschichte desynagogalen Gesanges aus dieser Zeit nichts Erfreuliches sagen läßt. Allerdings war diese Zeit der Leiden und Verfolgungen, sowie des schimpflichsten Druckes für den Juden nicht geeignet, der Reinheit des synagogalen Gesanges genügende Sorgfalt zuzuwenden und so vereinigten sich die sonderbarsten Combinationen zur eigenartigen Gestaltung des Synagogengesanges in dieser Zeit. Unwürdige Vorbeter, welche sich um jeden Preis hören laffen wollten, sangen alles, was ihrer Eitelkeit paßte, Volkslieder aus demprofanen Leben wurden verwendet (wie ja schon Birnbaum—Königsberg eine Aehnlichkeit der Melodie auf w in to» und einem altdeutschen Volksliede nachzuweisen suchte), auch soll die katholische Liturgie manche Anregung zum synagogalen Gesang dieser Zeit gegeben haben, wiewohl andererseits das stereottpe Auftreten mancher musikalischer Sätze innerhalb des Synagogengesanges die Annahme erklärlich macht, daß sich aus den ältesten Zeiten Melodien bis in die Synagoge hinübergerettet haben, eine Ansicht, welcher besonders Naumburg, Ehrlich und Ackermann (im „Israelit" 1892, Nr. 93—98) Raum gaben. Kurz, über die Synagogenmelodien im Mittelalter ist nichts Sicheres erwiesen, als höchstens deren Unselbstständigkeit. Um so glanzvoller entwickelte sich jedoch der gottesdienstli che Gesang in der Neuzeit, besonders seit dem Auftreten eines Mannes, welcher auf die Gestaltung des Ritus bei den Deutschen einen großen Einfluß ausübte und sogar jede Veränderung hergebrachter Melodien strengstens verurtheilte, nämlich R. Jakob Levi Mölln, gewöhnlich „Maharil" genannt, (obgleich ihm nach Ansicht JaphetS und Ackermanns die Einführung und Composition eigener Melodien fälschlich zugeschrieben wird). Von dieser Zeit beginnt eine neue Epoche. Die an einzelnen Orten gebräuchlichen Melodien erhielten Festigkeit, und gegen Verschuldungen des Vorbeterstandes, welche den Verfall des synagogalen Gesanges im Mittelalter, sowie den Einfluß fremder Melodien herbeigeführt hatten, treten hervorragende Rabbiner auf. Auch die Einrichtung der Chorknaben, sogenannte btwb, trug nicht wenig zur Anordnung im Gottesdienst bei. Da erstand Anfangs des 17. Jahrhunderts, als das gefammte Musikwesen überhaupt eine Umgestaltung erfuhr, auch dem synagogalen Gesang ein Reformator in Salomo de Rossi aus Mantua und seinen! Werke: nobvb D'vrn. Von Italien aus verbreitete sich das künstlerische Streben auf diesem Gebiete nach Deutschland, und hier erblühte aus den Ruinen des verfallenden Synagogengesanges ein neues Leben. Beeinflußt durch das Dreigestirn: Haydn, Beethoven und Mozart, wurden die überlieferten Melodien, das alte Chasonus, mitjenem reichem Figurationswesen umkleidet, welches gerade die traditionellen Melodien der alten d\dtpi auszeichnet. So tragen auch viele synag. Melodien, z. B. frat das Gepräge jenes Zeitalters. Aus der Einrichtung der „Meschorarim" entwickelte sich allmählich der moderne Synagogenchor. Die Emanzipationsbewegung der letzten beiden Jahrhunderte gab der Weiterentwicklung des synag. Gesanges neuen Anstoß, als deren Konsequenz dieSchöpfung des stimmigen Chores und die Erhaltung des traditionellen Synagogengesanges angesehen werden müssen, während einige Neuerer dem rituellen Gesang durch Einführung der Orgel und deutschen Choralgesangs seinen echt jüdischen Charakter zu rauben versuchten. Aber wie schnell überlebte sich diese fremdartige Begeisterung und wie rasch verloren die angeblichen Heilmittel einer gesunkenen Andacht ihren Reiz! Und die Friedhofsstille der modernen Orgelsynagogen, unterbrochen von Kirchenkonzerten und Choralgesang ist der sprechendste Beweis für die Verirrungen der gepriesenen Reform und ihrer Führer. Dagegen wurde eine heilsame, thalkräftige Gestaltung des synag. Gesanges fortgesetzt durch auf-