Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 61 (3.8.1899)
- Date
- 1899-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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1283 Zartsinn auf dem Gebiete des religiösen EmpsindungSlebens geschwunden ist. Die gewissenhafte Selbstprüfung, mit der die sündenscheuen Alten ihr Tagewerk beschlossen patyn, fehlt dem einzelnen Juden und droht auch der Gesammtheit verloren zu gehen. Zu solcher Selbstbetrachtung wollen uns die heiligen Tage zurücksühren: h -ry rrartyji nnpmi Iran wen; „Unfern Wandel lastet uns durchforschen und ergründen und zurückkehren zum Ewigen," ist die ergreifende Losung dieser ernsten Bußezeit, wa patm wa b& uiatrn aityrui! In diesem Sinne gestatten wir uns, an unsere gesetzestreuen Glaubensbrüder einige Worte ernster Mahnung zu richten. Wir fragen: Haben wir orthodoxen Juden in Deutschland genugsam dafür gewirkt, eine erfolgreiche, weil gut organisirte Propaganda unter unfern der unverfälschten Thora entfremdeten Brüdern zu schaffen, haben wir Mittel und Wege geebnet, welche eine segensreiche Agitation zu Gunsten unserer altjüdischen Lebensideale in den Kreisen der Lauen und Gleichgültigen ermöglicht? Daß dies unsere Pflicht ist, daß wir neben hehren und schweren Aufgabe den überkommenen Besitzstand zu erhalten und die vorhandenen Anhänger in ihrer Treue zu befestigen, auch die abtrünnige Brüder zu ihrer angestammten Bestimmung zurückzusühren haben, darüber kann kein Zweifel herrschen. Denn avp bxrwr ma rrr: Alle Juden sind für einander verarikMtlich. „Wer die Gelegenheit hat," sagen die Alten, seiner Gesetzesübertretung zu wehren, und es nicht thut, wird von Gott zur Verantwortung und Strafe gezogen." m pya dbdj nma uw nrncb yra 'v f?a Wohl ist es richtig, daß auch im Talmud die Pflicht der nnan begrenzt wird auf die Fälle, die einige Aussicht auf Erfolg bieten. So sagt R. Jlai man bv miß “p ynttun in anxn bv mattste ae>a hmm ww aan naH &bw, wozu R. Abbe hinzufügt nain es ist sogar religiöse Pflicht, in den Fällen, wo unsere Belehrung durchaus vergeblich und fruchtlos zu fein scheint, auf diese zu verzichten im Sinne des weisen Spruches: “p-Kr aan nan ja yb raun ‘rx „Haltet ein mit Rüge gegen den Spötter, du mehrest nur seinen Haß, den Weisen mahne und du gewinnst dir seine Liebeaber kein Einsichtiger wird die Behauptung wagen daß die werbende Kraft unserer unverfälschten jüdischen Weltanschauung so gering sei, daß selbst der Versuch einer liebevollen Mahnung an die Andersgesinnten als von vornherein aussichtslos zu unterbleiben habe. Ganz im Gegentheil; mögen auch nur selten Männer und Frauen aus Familien, die längst alles Jüdische verleugnet haben, den Heimweg zum alten Judenthum finden, so haben wir doch selbst das Glück, solche starke Geister'in den verschiedensten Lebensstellungen und Berufen zu kennen, die durch fromme amrv für das gesetzestreue Judenthum gewonnen, nunmehr in hingebender Opferfreudigkeil alle ma unserer heiligen Thora mit erhebender Gewisienhastigkeit üben. Ich könnte hierbei eine Fülle wahrhaft heroischer Thaten, deren Zeuge ich gewesen bin, berichten, die auch den skeptisch Gesinnten für unsere Ansicht über die Nothwendigkeit und den Werth einer solchen Propaganda umstimmen würden. Und dann noch eines! Wäre selbst der Erfolg aller unserer agitatorischen Mühe gering und gewännen wir nur eine ganz winzige und verschwindende Anzahl, so haben unsre Weifen nicht umsonst gesagt a^iy ap i^xa btnw nnx pbj ‘j’jßsn bs „Wer auch nur eine jüdische Seele gewinnt, hat eine Welt erhalten!" Wir geben ohne weiteres zu, daß nur Persönlichkeiten mit tiefem Gemüthsleben, wie sie eben selten sind, Herzen von religiöser Veranlagung und tiefer Sehnsucht nach dem göttlichen Wort, die entsagungsreiche Umwandelung ihrer Lebensführung vornehmen werden, wie sie das gesetzestreue Judenthum von ihnen erheischt. Geschieht aber von unserer Seite nichts, sind wir schlaff und nachlässig und verstehen nicht, empfängliche'Gemüther für unsre Lehre zu begeistern, so tragen wir schweren Borwurf und unsre Sache erleidet ernsten Verlust. Man wende nicht ein, daß ein jüdische» Leben mit seiner erhebenden Weihe und Heiligkeit, mit seinen von goldiger Poesie umglänzten Sabbaten und Festen, mit seinem in Gott rra gegründeten häuslichen Frieden mächtig genug sei, für gleiche Bethätigung empfängliche Herzen zu erwecken. Wie das lebensvolle Gemälde oft erst durch den begleitenden Text seine feineren und verborgenen Schönheiten uns erschließt, so muß das jüdische Leben, soll es in feinen Höhen und Tiefen ganz begriffen und richtig gewürdigt werden, — auf daß es zur Nacheiferung auffordere — von dem deutenden und erläuterndem Wort begleitet fein. Daher neben der Propaganda der lebendigen That des Beispiel gebenden Wandels, die der erklärenden und begeisternden Rede, das eindrucksvolle und tief empfundene Wort eines sprachgewaltigen und kenntnißreichen Agitators! In allen größeren Gemeinde müßten sich Vereine gesetzestreuer Juden bilden, die an den Vereinsabenden Vorträge oder Vortragscyklen in genannter Tendenz veranstalten. Der Stoff, der sich dem Agitationsredner darbietet, ist außerordentlich mannigfaltig. Zunächst wird es nöthig sein, die religiöse Weltanschauung des Judenthums darzulegen, die jüdische Auffaffung von Gott rra und Menschen, die Stellung Israels zur gottgeoffenbarten Thora, seine Aufgabe unter den Völkern