Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 61 (3.8.1899)
- Date
- 1899-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449010--48772-2499180- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ein XI«. Jahrgang. Der )sraeltt Aentrat-Hrgan für das orthodore Sudenthum. Begründet von Dp. in ttttini Do««erftag, de« 3. Leitender Artikel. Gllulwünsche. Von Rabb. Dr. Beerrnarm—Insterburg. In Sonnenglanz getaucht liegt Wald und Flur, zum blauen Aether heben die Blumen wonnetrunken ihr '^xstig Happt, in saftigem Grün - prangen di? blätterreichen Bäume, Vöglein lassen ihr jauchzend Lied erklingen, und munter rieselt der jugendfrohe Bach; ein Wandrer zieht des Weges, Schwermuth und Leid haben sein Antlitz durchfurcht; traumverloren ist sein Auge nach innen gerichtet, als wäre es verschlossen gegen die Zauberpracht der lachenden Welt. Ihm duftet keine Blüthe, ihm stnget keine Lerche, er fühlt nicht das selige Behagen, welches die ganze Natur ausströmt; er wallt seine Straße und merkt nichts von Lenzesglanz und Sommerfreuden; er trägt eine Welt in der Brust, die nimmt ihn ganz gefangen, denn das mächtige Reich der Phantasie in seinem Herzen läßt keinen Raum für weltfreudiges Versenken in die zum Genuß ladende Umgebung, ernste Gedanken — bange Träume bewegen ihn. Aus der Heimath hat ihn schwere Schuld aufgescheucht, ihm den Wanderstab in die Hand gedrückt, daß er als Baaltefchuba fern von Weib und Kind sühne, was des Herzens Leidenschaft verbrochen. So eilt er als ein ruheloser Pilger durch die Lande, mit dem herben Stachel der Reue im Herzen, blind gegen den Wechsel und Wandel der Dinge um ihn, aber im Innern bauend an einer neuen Welt des Heils. — Israel unter den Völkern, das reuige Golus Israel, ist auch ein wawn ta. Au» seinen Gebeten verstummt die ergreifende Klage nicht irfu umn todi Augrrft 5659 (1899). uarm „Wegen unserer Sünden sind wir aus unserer Heimath aufgescheucht." mbvni' nmn no 'wo Weswegen ward Jerusalem zerstört, ertönt es durch die Jahrhunderte in banger, seufzerreicher Frage, auf die Israel in stttlichem Vollendungsdrange nur eine Antwort weiß, die seines Propheten: o'bsni' nrnsn xvn Gesündigt in schwerer Schuld hat Jerusalem! Die ernste Zeit der Buße, die mit dem Ellul- Monat hei uns einkehrt, läßt uns lebendiger denn sonst^^ heilige, Sehneuder jüdischen Herzens nach Ve ^wung und Frieden, die tiefe Reue und der Drang nach göttlicher Verzeihung empfinden. Die heidnische Welt kennt den Schmerz über das Unglück, kennt den Jammer über den Mangel unseres Wohlbefindens, das Weh, die eigne Persönlichkeit nicht frei und ungehemmt ausleben zu können. Der herbe Gram aber, gegen Gott gefehlt, seine gottgesetzte Aufgabe verkannt, seinen Seelenfrieden eingebüßt zu haben, ist eine aus der Gottesthora in die jüdische Volksseele übergegangene Empfindung und ihr so eigenthümlich geworden, wie das Bekenntniß des Einen Gottes. Sünde und Sühne, Vergehen und Vergebung sind die Achsen, um die sich das gesammte jüdisch-religiöse Gemüthsleben bewegt. Wie das ganze Leben dem göttlichen Willensdiktat von um IW'M von Erlaubten und Unerlaubten, wie X0M mrm „geweiht und gemein" unterlag, so bildete sich im Gemüth des Juden die Seligkeit erfüllter Gefetzestteue und der herbe Schmerz über leichtfertige Gesetzesübertretung, galt ihm Sündenscheu als höchstes Tugendideal -raan nnea d-jk iw und schien der schönste Erfolg menschlichen Ringens die Sühne und Buße, die wiedergewonnene Gnade Gottes nach ernster Reue. -novb anta rapnat px pro rrawi mpt» Es ist unleugbar wahr, daß mit der Entfremdung von der jüdischen Praxis auch dieser erhöhte