Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 60 (31.7.1899)
- Date
- 1899-07-31
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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1267 bei Vielen in Vergessenheit gerieth, die reine moralische Lehre nur von den Machthabern als Machenschaft dargcstcllt wurdet) und der Hohepriestersitz von den Römern zn Markt getragen ward, mußte sich eine Reaktion zu Gunsten der von Kindheit aus anerzogenen Moral im Volke Bahn brechen; Hillel und seine Schule verkörperten die Geduld, die barmherzigen Frauen, die Nächstenliebe. Solche humane Bestrebungen wurden von den jüdischen Führern, so lange ihnen die Römer noch einen Schein von politischer Existenz und exekutiver Gewalt übrig gelassen hatten, aus das Sorgfältigste entwickelt; Simeon der Gerechte, einer der Letzten der großen Synagoge, setzte im Rathe der Etnundsiebzig eine spezielle Commission zur Verwaltung und Leitung von Wohlthätigkeitsangelegenheiten ein, denn der Jude kann nur in der Ausübung von Wohlthaten noch Trost schöpfen" *4). Die hauptsächlichsten Gemeindcpfleger im alten jüdischen Staate waren Anfangs die Priester und Propheten gewesen, denen es oblag, das Volk zu belehren, es vor körperlichem und geistigem Nebel zu bewahren und über dw Gemeindeangelcgenheiten zu toachen. In vielen Fällen waren die Kranken in Baracken außerhalb der Niederlassungen, oder später, nachdem das Reich zwischen Juda, uitb dem übrigen Israel getheilt, der Fortschrittt größer ward und die Anforderungen an die Verwaltung der Krankenkassen anwnchsen, in Spitäler, Heilanstalten, welche in Europa zur Zeit der Kreuzzüge von einigen geistlichen Orden nachgeahmt wurden, uniergebrachtJr’). Während der Zeit des zweiten Tempels trat eine neue Gemeinschaft, die der Essäer aus (die ersten bekannten Therapeuten aus der culturgeschichtlichen Oberfläsche der medizinischen Wissenschaft), welche sich bei Beschäftigung mit Bienenzucht und Landarbeit ausschließlich mit der Therapie, mit Linderung und Heilung mannigfacher Krankheiten und Gebresten befaßte, bildete sich nun unter den Juden heran. Rom war in der Heilkunde ganz zurück, der römische Staat vermochte nicht seine eigenen Landeskinder zu bewegen, daß sic sich zu Aerzten ausbilden ließen, die Verweichlichung außerhalb des Feldlagers, der Leidenschaftsrausch und die Sucht nach trügerischem Gewinn ließen keine ernsten Männer heranreisen. Der römische Nobile war gezwungen gewesen, sich in Krankheitsfällen dem Arzte, den er als Sklaven in Griechenland gefangen genommen, anzuvertrauen, und Julius Cäsar sah sich bemüht, diese Fremdlinge zu Staatsbürgern zu machen und den Archiatri - Bund zu heben, allein die Heilkunde konnte dennoch im Reiche nicht emporblühen und blieb nach wie vor 13) Großmann, de philosopliia sadducaeorum (Leipzig 1836). 11) Löwy, kritisch-Salm. Lexicon P. I. (Brünn 1863). 15) 2 Kön. 15, 5. im Argen, den« es hatten sich mit der Freigebung des ärztlichen Berufes so viele Charlatane und Kurpfuscher in denselben eingeschlichen, daß schon Antonius Pius (138—161) dem Bestreben dieser Heilkünstler einen gewaltigen Hemmschuh von staatSwegen anlegen mußte. Der Untergang des römischen Reiches gab der medizinischen Wissenschaft in Rom den letzten Gnadenstoß, die Kenntnisse der Heilkunde schwanden, theologische Streitigkeiten und sophistische Haarspaltereien beschäftigten die Geister im neuen byzantinischen Rüche, biblische Exegese uni anachoretische Stiftungen waren Mode geworden und die positive Wissenschaft stand auf dem Punkte vergessen zu werden, wenn nicht Anfangs die Araber, und nachher das ganze Mütelalter hindurch, die Juden das Panier der Mediein sammt der ihr verwandten Disciplmen hoch über Fanatismus, Verketzerung und Inquisition zu halten verstanden hätten; der trödelnde Jude hat Handel und Wandel und der wandernde jüdische Gelehrte die Wissenschaften in die Welt ausgestrcut. Mit dem Sack auf dem Rücken und dem hellen Geist im Kopfe, schritt der Patriarch, unbekümmert aller Unbilden der Zeit, lernend und lehrend fürbaß einher. Die jüdische Philosophie hat einen hellsprudelnden O rell den Völkern erschlossen und die jüdische Medizin stand an den Stufen des Thrones; Kaiser und Könige bewarben sich um jüdische Aerzte und mit Recht durfte der Jade im Mittelalter die Worte seines Stammältcsten Joseph: „Denn zur Erhaltung des Lebens sandte mich Goit vor Euch einher", auf sich anwendenlfi). Auch in unserem modernen Leben haben die Juden es nicht verfehlt, stets den Anforderungen der Zeit in Betreff der Mediein Genüge zu leisten und Niemand hat an diesem Streben zu rütteln vermocht. Armen-, Krankenpflege, Almosenkasten und barmherzige Frauen halten mit dem Gang der Heilkunde gleichen Schritt. Die Besserung und Hebung des materiellen Zustandes des Nothleidenden und des Kranken ist die Aufgabe, der sich diese Faktoren der Wohlthätigkeit widmen. Man braucht nur ein jüd. Krankenhaus zu betreten, um zu sehen, wie die jüd. Jungfrau ihre Pflicht als ausgebildete Krankenpflegerin ausübt, man braucht nur einmal in ein jüdisches Spital Rußlands zu gehen, um wahrnehmen zu können, daß, trotz, oder besser gesagt, wegen der großen herrschenden Armuth der dortigen jüd. Bevölkerung jüdische Frauen von weither kommen, um den armen Darniederliegenden Erquickung und Labung zu bringen. Das Institut der barmherzigen Frauen ist heute noch bei den Juden in voller Blüthe und das Judenthum hat betreffs der Krankenpflege auch in unserer Zeit kein Defizit aufzuweisen. 16) 1. B. M. 45, 5.