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Der Israelit · 1899-07-31 · Heft 60 (31.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 60 (31.7.1899)
Date
1899-07-31
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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1266 WWMMWWWWWWW ärztliche Beruf so in Ehren, daß sogar berühmte Talmudlehrer denselben ausübten: Samuel Jarchinoi, welcher in der Blüthezeit des jüdischen Schulwesens gelebt hatte, war einer der bekanntesten und allgemein geachtetsten Aerzte gewesen. Um die Wohlthaten der Armen- und Krankenpflege mehr und mehr dem Volke zugänglich zu machen, bildeten sich nach und nach verschiedene Institute in Israel aus, deren Mitglieder zwecks Linderung von Noth und Leiden, Behandlung von Kranken und Unterstützung der Armen sich aus barmherzigen Frauen als Krankenpflegerinnen und aus Männern als Krankenvisttatoren und Verwalter des Gemeinde-Almosenkastens rekrutirt hatten. Wohl trugen hauptsächlich die ersteren keinen ausgeprägten Charakter und wohl sind auch auf uns keine Statuten und Verordnungen ihrer Gemeinschaften herübergekommen, allein das im Talmud bekannte charakteristische Wort: „Die Generationen werden nur durch das Verdienst der barmherzigen Frauen von allem Uebel erlöst", „denn nur ihretwegen sind die Israeliten aus dem Lande Egypten befreit worden" 8), legt ein eklatantes Zeugniß für ihre Wallung zum Wohle der Menschheit ab. Ueberhaupt wird im Talmud die werkthätige und arbeitsame Frau hochgeachtet und werthgeschätzt, wogegen die klatschsüchtige, der Mode huldigende, nichtsthuende u. den ganzen Tag heuchlerisch mit Beten zubringende Jungfrau unter die Welt- und Ordnungsverderber gerechnet, als eine Betschwester stigmatisirt und zu einer Unwürdigen gestempelt tmri9). Diese allgemein bei den Juden verbreitete Ansicht war es auch, welche bewerkstelligt hatte, daß der Wittwen- und Jungfrauenstand die meisten barmherzigen Frauen dem Wohlthum zuführte; den begeisterten heldenmüthigen Frauen der jüdischen Vorzeit stellten die Israeliten in der Epoche der Römer- Herrschaft ihre zartfühlenden, edlen Töchter zur Seite und den römischen Vestalinen — ihre mit den Armen und Kranken Mitleid fühlenden Frauen entgegen. Die erste jüdische Krankenpflegerin, von der wir hören, war die Abisag, eine Sunamiterin, welche zur Pflege des Königs Davio an sein Krankenlager berufen ward^). Das im Judenthum waltende Institut der barmherzigen Frauen bildete sich im Christenthum zu Schwestern-Körperschaften, zu Diakonissen-Jnstituten, welche im ersten Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung Gemeinde-Gehilfinnen (uueillae) anstellten, aus"). Wenn aber auch derartige Anstalten, als sie zu Versorgungs- und LebenSversicherungS-Convenlikeln herabzusinken drohten, durch Vincenz de Paula 1634 ~ 8)^öl uf Schimsoni Ruth Midrasch Nabba 2. B. M. Absch. 8. 9) Sota f. 22a. 10) I. Kön. 1, 3. 11) Römer 16. 1, 12. in der katholischen und durch Pastor Fliedner 1830 in der protestantischen Kirche neu reorganisirt worden waren und j?tzt einem jeden nothleidenden, armen und kranken Menschen ohne Unterschied seines Glaubensbekenntnisses Hilfe leisten und Wohlthaten gewähren, so entsprang doch ihr Anfang dem Schooße des Judenthums und die jüdische barmherzige Frau ist die Vorgängerin der später in der christlichen Gemeinschaft ausgebildeten 806ur oder ülle de In elmritö geblieben. In der traurigen, jeder Sittlichkeit, Zucht und Moral spottenden Zeit der Römerherrschaft, als der römische Venus- und Bachusdienst mit der griechischen Philosophie wetteiferte, als die Wollust und die Schwelgerei der Seleuciden den Lebenssaft des Volkes entnervte, die sittliche Frau eine zu suchende und nicht zu findende Rarität geworden war, der König Antiochus IV. Raub und Plünderung in Palästina mit dem Gesetzeswort sanktionirt und die Einwohner des Landes zu vogelfreien Subjekten gemacht hatte, war das jüdische Gesetz bestrebt, rein moralisch-soziale Einrichtungen ins Leben zu rufen. Die Neichen in Israel, die Herodianer, wurden dem Volke verhaßt und der römische Luxus ließ das Volk befürchten, daß das Streben nach weltlichen Gütern eine Abnahme der Gesetzestreue bedingen und zur Folge haben müsse. Niederträchtig und stolz wie der Römer war, ließ er den Juden seine Unterwürfigkeit fühlen und es blieb letzterem nichts anderes übrig, als seinem Peiniger mit gleicher Münze, mit Verachtung alles dessen, was einen römischen Beigeschmack hatte, heimzuzahlen. Das Gesetz begründete bei den Juden das Glück und stellte die Solidarität der Nächstenliebe für alle Menschen fest, denn nicht Israel allein hat Antheil am zukünftigen Leben, sondern „die Frommen aller Völker werden des aus dem Born der Wohlthätigkeit resultirenden Glückes theithaftig." Diese Quintessenz des Gesetzes mußte dazu führen, einerseits die römischen Schmeicheleien vom Volke fern zu halten und andererseits die Vorschriften der gesetzlichen Institutionen, die Gebote der Sittlichkeit, Brüderlichkeit und der Nächstenliebe überall zu verkünden und ihnen auch bei den verweichlichten Römern Lebenskraft zu verleihen^). Almosen spenden, Kranken warten und Armen, Nothleidenden helfen, ist dem jüdischen Volke seit seinem Bestehen zu einer eingewurzelten Grundidee seines Characters geworden, und sowohl die Schriften der Bibel als die der Apokryphen und des Talmud prägen dem Juden diese Tugenden ein. Zur Zeit der Römer aber, als die jüdische Priesterschaft, die vornehmste Bewahrerin und Lehrerin aller auszuübenden Moralität, sich oftmals den Sadduzäern zuneigte, die Tradition 12) Renre, die Apostel S. 197.

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