Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 58 (24.7.1899)
- Date
- 1899-07-24
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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VI i II I'<I l Illil 1228 gefangenen Preußen in der Festung zurück. Da zur Beherbergung einer solchen Ueberzahl an hilfsbedürftigen Menschen der nöthige abgesonderte Raum fehlte, so mußten Kranke und Gesunde enggedrängt gemeinsam untergebracht werden, dadurch die Gesundheit der Besatzung in großer Gefahr schweben mußte. Am 5. Juli wurde die Festung bombardirt und bald darauf allseits eingeschlofsen. Ohne jegliche Verbindung mit der Feldarmee, ohne Nachricht über deren weiteres Schicksal, sah die Besatzung einer längeren Belagerung entgegen, die durch den Umstand, daß die Verpflegsvorräthe nicht auf eine Verdoppelung der eingeschlossenen Soldaten und noch dazu durch Kranke, berechnet waren, keine günstige Aussicht bot. Da entschloß sich Lieutenant Ignaz GMstein des zur Besatzung gehörenden 4. Bataillons von Asroivi-Jnfanterie (jetzt Nr. 23), freiwillig, durch die feindlichen EinschließungStruppen und die sich gegen Olmütz bewegenden preußischen Truppenmassen hindurch zum Armee-Oberkommandanten Feldzeugmeister Benedek zu gehen und demselben die mißliche Lage der Festung zu melden. Es klingt wie ein Wunder, doch das Wagniß gelang; innerhalb zweier Tage traf Lieutenant Golostein am 10. Juli in Olmütz ein. Noch am selben Tage um halb 8 Uhr Abends wurden gleichlautende Befehle an die beiden Festungskommandanteu abgesendet: miteinander in Verbindung zu treten und durch eine gemeinsame Action der beiden Garnisonen zu trachten, Königgrätz zu entlasten, jedenfalls aber die Festungen „bis zur äußersten Grenze der Möglichkeit zu vertheidigen". Unterlieutenant Goldstein selbst wurde mit einem Schreiben des FZM. Bededek an den ersten Generaladjutanten des Kaisers entsendet. In dem Schreiben heißt es: „Feldzeugmeister Benedek erlaubt sich, den genannten Lieutenant der Allerhöchsten Gnade Sr. Majestät zu empfehlen, damit ihm für den Vollzug seiner gefahrvollen Mission die Allergnädigste Anerkennung, dann die nöchigen Mittel zutheil werden mögen, sich neu zu equipiren." Das Mllitär-Verdienstkreuz mit der Kriegsdecoration ward der Lohn dieses braven Offiziers. Kolitt, im Juli. Am Sonntag, 2. d. M., fand in der hiesigen Synagoge eine Trauerfeier zu Ehren des verewigten Rabbi Israel Hildesheimer statt. Nach dem Minchagebete bestieg unser verehrter Rabbiner Herr Dr. Rafael Gugenheimer die Kanzel, um mit hinreißender Beredsamkeit den großen Verklärten zu feiern. In großen Zügen entwarf er ein Lebensbild des hehren Todten. Er sprach: Der Midrasch berichtet, als Moses starb, da weinten Himmel und Erde, denn er hat nicht nur das Himmlische — die höchsten geistigen Güter — seiner Brüder gefördert, sondern auch das Irdische — ihr physisches Wohl. Odom horischon der erste Mensch, lehren unsere Weisen, hat von einem Ende der Welt bis zum anderen geschaut — und so hat auch Rabbi Israel Hildesheimer, der in der Eigenart seines großartigen Wirkens als Odom horischon, als Erster, bezeichnet werden kann, von dem einen Ende der Erde bis zu dem anderen geschaut — sein treues liebendes Auge hat die Noth und das Elend erspäht, wo immer sie auftraten — von einem Ende zum anderen. „An den Strömen Babylons saßen wir und weinten", rief der Redner aus. Rabbi Israel Hildesheimer hat durch sein ganzes Leben gezeigt, daß wer wie er an den Strömen Babylons gesessen, an den Strömen, die die Gefilde der Menschheit befruchten, die sie emportragen zu den höchsten Höhen der Sittlichkeit, wer wie er gesessen ist Tag und Nacht an den Strömen Babylons, an den Strömen des babylonischen Talmuds — gam bochinu, der wird auch weinen, wenn er das Elend weinen sieht, in besten Augen werden auch erglänzen die Thränen des Mitleids, des Erbarmens. Er hat gezeigt, zu welcher Liebe, zu welcher Milde, zu welcher Sanftmuth und zu welcher Heiterkeit des Herzens ein Leben führt, das in den Bahnen der Ströme Babylons, in den Bahnen der Segensftröme des babylonischen Talmuds geführt wird. Darum, so schloß der Redner, anknüpfend an den Tags zuvor verlesenen Thoraabschnitt, darum wird ihm derselbe Lohn zu Theil werden, der nach dem Midrasch dem Pinchas, dem Gotteseiferer zu Theil geworden ist. Seroa, Kewa und Lechajim, Schulter, Magen und Kinnbacken, Seroa Arm, die großartigsten Erfolge seines Armes, seiner unermüdlichen Thatkrast, hat er doch nahezu anderthalbtausend Rabbiner ausgebildet, die in seinem Geiste wirken. Kewa mit u geschrieben: Kuwa bedeutet Zelt; in den Ruhmeshallen der Geschichte wird sein Name mit unauslöschlichen Lettern erglänzen, und Lechajim heißt nicht nur Kinnbacken sondern auch: zum Leben! Darum lechajim! so rufen die Schüler und die Freunde dem dahingeschiedenen Meister nach. Lechajim towim aruchim zu langem glücklichem Leben! Denn er wird leben in den Herzen der Schüler, die zu seinen Füßen gesesten, er wird leben in den Herzen seiner Freunde und seiner zahllosen Verehrer; er wird leben in all den Gemeinden, in denen seine Schüler wirken; er wird leben in den Herzen der zahllosen Unglücklichen, deren Unglück er gelindert; er wird leben in dem Herzen seines dankbaren Volkes, das in ihm einen seiner größten, seiner treuesten Söhne verloren hat. Frankreich. Paris. Vor einiger Zeit berichteten wir über einen seltsamen Prozeß in Montbeliard, dem folgender Vorgang zu Grunde lag. Eine Gesellschaft I. Edouard Pernot hatte als Agenten für Algier, einen Juden Namens Tabet engagirt, denselben aber bei Ausbruch