Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1899)
- Date
- 1899-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1206 heimathlichen Erde tief und schmerzlich. Hier in Deutschland war er geboren, hier ruhten die Gebeine seiner theuren Eltern, hier hatte er so viele freudige und traurige Stunden verlebt, hier weilten ja noch seine Lieben, seine wackere Frau, seine Kinder, die den Ruin seines Hauses so bitter büßen mußten. Wahrlich! Ein Stück seines innersten Lebens glaubte er hinzugeben, da er das geliebte Vaterland verlassen mußte! Auch dieser Schmerz, der jetzt die Brust Seligmann Feist's zerriß, fiel seinem Feinde, fiel Robert Wegner zur Last, dieser Schmerz, der den feindlichen Vorwurf, daß die Juden Fremde seien, so deutlich widerlegte! Was war es anders als ein tief wurzelndes Heimathsgefühl, das diesen Juden so schwer von der deutschen Erde scheiden ließ? Deutsche Art und deutsches Wesen, deutschen Wein und deutsche Wälder zu missen und dem Lande entgegenzugehen, das die Zuflucht so veler zerstörter Existenzen ist, dem fremden, kalten, herzlosen und gemüthlosen Lande! Welch schweres, beklagenswerthes Geschick für Seligmann Feist! Das alles erfüllte ihn, rang und wogte in ihm, während er sich auf dem Schiffe einzurichten suchte. Da ertönt das letzte Signal, die Brücke wird aufgezogen, Kommandoworte ertönen, eine schwarze Rauchsäule schießt aus des Schiffes Schlot, langsam heben sich die glänzenden Kolben der Maschine, die Wasser rauschen und schäumen — zischend, stöhnend bewegt sich der Koloß! Unter denen, die an des Schiffes Rampe standen und mit bitterem Weh im Herzen den Wasserstreifcn zwischen Schiff und Land immer größer werden sahen, befand sich auch der Gollheimer „Judenpabst." (Fortsetzung folgt.) Der „J-raelit" erscheint wVeLentliojk zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in miskeftcni -wei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. 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England: London. Schweden: Stockholm. Feuilleton: „Liebet eure Feinde." (Fortsetzung.) Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Verein der isr. Lehrer Mitteldeutschlands.—Zeitungsnachrichten und Corresvondenzen: Oesterr.-Ungar. Monarchie: Budapest. England: London. Rußland: Petersburg. Türkei: Salonichi. Afrika: Algier. Arabien: Sana. Beketr- Beilage r Ein Wort an den Minister. — Eine Sitzung des deutschen Reichstags im Jahre 1999. Ggtra-Beilage t Spendenverzeichnisse. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hosbuchdruckerei-Actien-Gesellschost tu Mainz Hlerrtt drei Vettsges. nicht länger. Er verabscheue diesen Ort, der ihn so schwer heimgesucht habe. Die Antwort des Bruders, die nach einigen Wochen eintraf, war zwar nicht sehr ermuthigend, wies jedoch den Plan Seligmanns Feist's auch nicht rundweg ab. Der Bruder machte in ernsten Worten darauf aufmerksam, wie schwer auch in Amerika die Neugründung einer Existenz, namentlich für eine ganze Familie sei. Wenn es überhaupt gelinge, so gingen Jahre bitterster Enttäuschung und schwerster Entbehrung voraus. Immerhin, wenn sich Feist kein gnderer Ausweg biete, um dem Aeußersten zu entgehen, sei er, der Bruder, natürlich gerne bereit, ihm an die Hand zu gehen. Jedenfalls rathe er, daß Feist zunächst allein komme, und später erst, wenn sich eine Unterkunft für ihn gefunden habe, Frau und Kinder nachfolgten. Zugleich mit dem Briefe sandte der Bruder eine ansehnliche Geldsumme, die Feist die Ueberfahrt ermöglichen sollte. Wieder einige Wochen später — das Pesachfest hatte er im Kreise seiner Lieben noch in Göllheim gefeiert — schritt Seligmann Feist im Hafen zu Hamburg über die Brücke, welche zur „Hammonia" führte. Ein schwerer Seufzer hob seine Brust, als er den Fuß auf den Boden des Schiffes setzte. Welches war das Schicksal, dem ihn dies Schiff entgegenführte.? Ob es ihn der Heimath dem Lande seiner Geburt auf Nimmerwiedersehen entriß? Ob eS ihn glücklich und unversehrt in die neue Welt hinübertrug? Ihm war so wirr zu Sinn. Die widerstreitendsten Empfindungen erfüllten ihn. Froh, endlich dem Boden zu entrinnen, auf dem eine menschenunwürdige B.wegung ihm so viel Unheil zugefügt, fühlte er doch die Trennung von der