Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1899)
- Date
- 1899-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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1207 Wie Benedikt seine Mutter so sah — das Antlitz von Thränen überströmt, die Hände in verzweifelter Ratlosigkeit in einander schlagend — da erfaßte Benedikt ein heißes Gefühl des Mitleids. Es zerriß ihm das Herz, daß die Frau, die vor Jammer aufgelöst hier vor ihm saß, seine Mutter sei. Er trat zu ihr hin und streichelte ihr die benäßte Wange. Da ergriff sie seine Hand und zog ihn zu sich nieder auf ihren Schoß und begann ihm zu erzählen von seiner Jugend, wie sie ihn bewacht und behütet seit der Stunde seiner Geburt, wie sein Glück ihre Sehnsucht gewesen, so lange er auf der Welt und wie auch jetzt Niemand, Niemand auf der großen, weiten Erde sein Glück inniger wünsche als sie. Der Mutter Wille aber bringe immer Glück, immer- Da umschlang er ihren Hals und seine Thränen mit den ihren mischend, schluchzte er: „Ich kann nicht — ich kann nicht!" Sie aber erwiederte: „Sei ein Mann, Benedikt, ein Mann kann, was er will!" Wie mit Zauberkraft trat in diesem Moment das Bild aus der Sukkah vor Benedikt's Seele. Ja! Hatte er dort nicht das selbe Wort zu Rifka gesprochen? Hatte er nicht ihre trüben Ahnungen, die sich, ach, so reichlich bewahrheiteten, mit dem gleichen Wort zerstört und das Vertrauen wahrer Liebe durch dieses Wort in ihr wachgerufen? „Ich kann, was ich will —" das Wort klang ihm jetzt in den Ohren und stellte ihm den heiligen Anspruch seiner Liebe fest und klar vor die Seele, in demselben Augenblick, in dem er vor dem Schmerze der Mutter sein Wort zu brechen und jenem erhabenen Gelübde untreu zu werden drohte. So wogte der Kampf der Entschlüsse in Benedikt's Seele hin und her, so daß er bald vor den Thränen der Mutter allen Halt verlor, bald im Gedächtniß an Rifka wieder ausharrte bei seiner Liebe zu ihr. Schließlich war es ein Kompromiß, den er mit der Mutter abschloß. Er wußte sie, als sie wieder ruhiger geworden war, durch sanfte Reden davon zu überzeugen, daß sie nicht von ihm verlangen könne, er solle nun mit einem Male auf das Glück völlig verzichten, das seit Jahren als seiner Sehnsucht höchstes Ziel vor seiner Seele stehe. Sie möge ihm eine Frist gewähren. Wenn es wahr sei, daß Feist's auswandern wollen, so trete doch nun ohnehin zwischen ihn und Rifka die Unendlichkeit des Ozeans. Vielleicht werde er dann auf dem allernatürlichsten Wege vergessen lernen. Er wolle eine Probezeit von einigen Jahren ernster Berufsarbeit widmen; möglich, daß die Zeit, die große Heilkünstlerin, auch seine Herzenswunde vernarben mache. Frau Kaufmann gab sich schließlich mit diesen Bedingungen zufrieden. Sie wollte sich zwar noch die Berechtigung ausbitten, von Zeit zu Zeit Benedikt eine „Parthie" vorzuschlagen. Allein das verbat er sich. Und sie drang nicht weiter in ihn. Wußte sie doch, daß die Auswanderung nur eine Frage der Zeit sei. Dann werde es für Benedikt heißen: Aus den Augen, aus dem Sinn-! In der Thal traf Seligmann Feist mit allem Eifer die Vorbereitungen für die große Umwälzung, welche ihm und seiner Familie bevorstand. Längst hatte er die Auswanderung als die einzige Möglichkeit erkannt, um dem Aeußersten zu entgehen. Er wollte es nicht darauf ankommen lassen, hier in Göllheim all seine Habe verkaufen zu müssen, um schließlich doch als Bettler da zu stehen. Darum sorgte er bei Zeiten für eine anderweitige Unterkunft. Diese bot sich ihm nun, durch den glücklichen Umstand, daß er in New-Aork einen Bruder hatte, der eine ziemlich prosperierende Trikotagen- und Strumpfwaarenfabrik besaß. Ihm klagte Feist eines Tages in einem langen Briese sein Leid, er schilderte ihm ausführlich, wie das antisemitische Gift durch gewissenlose Verführer in Göllheim Eingang gefunden und das einst so ruhige und friedliche Städtchen völlig durchseucht und zu einem Orte des Zankes und des Haders gemacht habe. Er beschrieb ihm die Geschichte der Reichstagswahl und verschwieg auch nicht, wie eigentümlich gerade sein eigenes Schicksal mit der judenfeindlichen Bewegung sich verknüpft habe. Sie sei schuld daran, daß sein bester Freund, sein Studiengenosse und Landsmann, der nie auch nur einen Schimmer von Judenhaß besessen habe, sich in seinen wüthendsten Feind verwandelte, der nun aus Zorn über die schließlich doch mißlungenen Pläne, die ganze Bürgerschaft gerade gegen ihn zu Hetzen verstand. Es sei ihm nur allzugut gelungen, dieses schreckliche Werk der Rache an dem unschuldigen Freund durchzusetzen. Der E folg dieser Rache sei der völlige Rückgang seines Geschäftes und die Aussicht auf eine trübe Zeit, in der die Roth auf ihn und seine Familie warte. Schon habe er David, der zu so schönen Hoffnungen berechtigte, vom Gymnasium fortnehmen müssen, und nun sei in diesen Tagen auch die Verlobung Rifka's mit dem jungen Arzt aufgehoben worden: Beides zwei weitere Folgen jener Feindschaft, am letzten Ende nur Resultate der Judenhetze. Schließlich fragte Feist, zum eigentlichen Zweck seines Briefes kommend, den Bruder um seinen Rath und bat ihn speziell um seine Meinung darüber, ob er nicht mit seiner Familie nach Amerika auswandern solle, um sich eine neue Existenz zu suchen und zu gründen. Hier in Göllheim sei — nicht nur aus materiellen Gründen — seines Bleibens