Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 56 (17.7.1899)
- Date
- 1899-07-17
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449005--48680-2499083- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1194 nationalen Geburt am Pesachfeste begehen, wenn wir den Ausgang des Sabbats feiern, immer umschwebt uns hiebei die unsichtbare Lichtgestalt dieses göttlichen Mannes. Er ist es, der nach den Worten des letzten Propheten dereinst kommen wird, um alle Streitigkeiten zu beenden, um das Herz der Väter den Kindern und die Herzen der Kinder den Vätern zuzuwenden, um die Getrennten zu vereinen, die Entzweiten zu versöhnen und den Frieden wieder herzustellen. Also wir sehen im Propheten Elijahu neben seiner Kampfesnatur, neben seinen Eigenschaften als Eiferer des Gottes der Heerschaarett das Bild eines Mannes des Friedens, des Erbarmens, eines Herzens voll Milde und Menschenfreundlichkeit. Und das ist dw v, welches Elischa in dem Augenblicke, da er wußte, zum Führer Israels berufen zu werden, sich erbat. Und als Elijahu ihm entrissen ward, rief er schmerzerfüllt aus: „Mein Vater, mein Vater, Streitwagen Israels und seine Reiterei", Vater warst Du Deinen Schülern und Jüngern, Du fühltest mit ihnen, wie eben nur ein Vater für seine Kinder fühlt, anderseits warst Du Israels Kriegswagen und Reiterei zugleich, wenn es galt, in die Schranken zu treten gegen seine inneren und äußeren Feinde, gegen die Verführer und Verderber des Volkes. Das Bild eines Mannes aus der Vorzeit Israels haben wir jetzt geschaut, das Bild eines Einzigen, der in der Geschichte Israels seines Gleichen nicht hat, der in seiner vollen Größe wohl niemals erreicht wird. Aber solch ein Bild ist auch ein Vorbild, und die Besten und Edelsten eines Volkes bemühen sich stets, solchen Vorbilden, soweit menschliche Kraft im Stande ist, nachzustreben. Wer nun Rabbi Israel Hildesheimer auch nur dem Namen nach kannte, der wird in seinem Wesen einzelne Züge des aus der Vorzeit gezeichneten Bildes, namentlich das aw 'b wiederfinden: Milde, Güte und Sanftmuth waren ausgesprochene Merkmale feines Wesens, man könnte ein Buch füllen, wollte man alle Erzählungen seiner Schüler wiedergeben, die von seiner beispiellosen Güte und von seiner aufopfernden Sorgfalt Zeugniß ablegen. Und doch, dieser Mann mit dem weichen Gemüthe und dem kindlichen Herzen konnte auch ein Mann des Kampfes sein, wenn es galt, mit rücksichtsloser Offenheit den Verderbern und Verführern des Volkes entgegenzutreten. Ein halbes Jahrhundert lang war der Name Dr. Israel Hildesheimer ein Programm, er war der Bannerträger einer bestimmten Richtung, der Vorkämpfer für eine heilige Sache und hat in diesem Zeichen Siege errungen. Auf zwei Schlachtfeldern, in Ungarn und in Deutschland hat er gestritten und immer blieb sein Schild blank, unehrlicher, vergifteter Waffen hat er sich niemals bedient und wenn er auch vielfach angefeindet und verlästert, Stürmer und Neuerer auf der einen, Phantast und Schwärmer auf der anderen Seite genannt wurde, vor der Hoheit seines Charakters, vor der makellosen Reinheit seiner Gesinnung beugten sich Alle, und heute stimmen Freund und Feind überein darin, daß der Auserwählten Einer, ein Führer und Großer in Israel dahingegangen ist. Trotz seiner fast beispiellosen Einfachheit und Anspruchslosigkeit, trotzdem er für sich den Werth des Geldes nicht kannte oder sicher nicht achtete, verstand er es doch, Kapitalien und Vermögen mobil zu machen, wenn es galt, einem edlen Zwecke, einer heiligen Sache zu dienen. Wurden unsere Glaubensgenossen in Palästina oder Marokko, in Rußland oder in Persien bedrängt, immer wandte man sich an Hildesheimer und stets war er bereit und mit Erfolg bereit, Hilfe herbeizuschaffen. Und erst seine Bemühungen, um die Anstalt, welche seine eigenste Schöpfung war, um das Seminar zur Ausbildung gesetzestreuer, seiner Richtung angehörigen Rabbiner! Wer außer Hildesheimer hätte den Muth besessen, in der damaligen Zeit eine solche Anstalt ins Leben zu rufen, wer außer ihm hätte es unternommen, die hiefür erforderlichen gewaltigen Mittel herbeizuschaffen. Allen ist es ja bekannt, wie er noch als Greis in rastlos thätiger Weise, mit jugendlicher Behendigkeit, keine Erholungszeit kennend, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land reiste, um die Mittel für seine Anstalt herbeizuschaffen. In seinem Wesen voll liebenswürdiger Schlichtheit und Einfachheit, voll herzgewinnender Freundlichkeit besaß er den Zauberschlüssel, der ihm die Herzen der Menschen öffnete, und der mußte seine Brust schon siebenfach mit Erz gepanzert haben, bei dem der Sammeleifer Dr. Hildesheimers erfolglos blieb. So war er gleichzeitig geistiger und materieller Schatzmeister der von ihm gegründeten Anstalt. Der geistige Schatzmeister, er wird wohl vorerst nicht vollgiltig ersetzt werden, soll aber auch der materielle Schatzmeister ohne Ersatz bleiben? Rein, das gesetzestreue Judenthum Deutschlands wird wohl nie vergeffen, was ihm Dr. Hildesheimer gewesen, es wird dessen Lieblingsschöpfung, die er mit seinem Herzblut geschaffen, mit allen ihm zu Gebote stehenden Kräften gehegt und gepflegt, nicht verfallen lassen. Fehlt auch der unvergleichliche Schatzmeister, so möge Jeder sich selbst nach seinen Kräften einschätzen und es als Ehrenpflicht gegenüber dem großen Todten betrachten, desien Lebenswerk zu erhalten und zu fördern. Statt unseren D’p’-tt Denkmäler zu setzen, lassen wir sie in ihren Schöpfungen fortleben, indem wir uns die Förderung und Erhaltung ihrer Werke angelegen sein lasten, setzen wir ihnen das schönste Denkmal. Gleich wie Rabbi Gamliel und Rabbi Eleasar ben Asarja an der Bahre Samuel der Jüngeren klagten.