Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 56 (17.7.1899)
- Date
- 1899-07-17
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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1180; vermischtes. Budapest, 12. Juli. (David Kaufmann.'» Folgende Ausführungen entnehmen wir einem stimmungsvollen Nachruf, den Heinrich Bloch seinem entschlafenen College» unter den Dozenten des Pester Rabbinerseminars im Pester Loyd widmet: In der Blüthe seiner Jahre, mitten in seiner vollen Schaffensfreude ward uns der wackere entrissen! An seiner Bahre trauert eine Wissenschaft, deren eifrigsten Pfleger und Förderer Einer er gewesen, eine Wissenschaft, die nicht viele gleich hingebungsvolle und begeisterte Hüter, wie er war, zählt; die Wissenschaft des Judenthums beklagt einen schweren, nichtleicht zu ersetzenden Verlust. Mit dem Feuer des Jünglings vertiefte er sich in das Studium der jüdischen Religionsphilosophie und in einem Alter, da die meisteu Jünger der Wissenschaft mit dem Aufgebote all ihrer Geisteskräfte in den Geist „ihrer Wissenschaft" einzudringen sich bemühen, trat der Verewigte — damals noch nicht 25 Jahre alt — in die Oeffentlichkeit mit einem grundlegenden Werke über die „Atributenlehre bei den jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters", nachdem er schon früher die Aufmerksamkeit der Fachkreise auf sich gelenkt hatte durch mehrere werthvolle Monographien, darunter eine über Jehuda Halewi, die auch von unserer unvergeßlichen Königin Elisabeth eingehender Lektüre gewürdigt wurde. Seither galt er als unbestrittene Autorität aus diesem Gebiete, das er unablässig durch seine Geisteserzeugnisse bereicherte; mitten in der Drucklegung eines Werkes religionsphilosophischen Inhalts hat ihn der uuerbittliche Tod ereilt. Seine schwärmerische Liebe für die Religionsgenoffenschaft, der er angehörte, war niche blos ein ihm von den Vorfahren überkommenes Erbe, sie war weit mehr der Ausfluß der umfassendsten Kenntniß der jüdischen Geschichte, deren Kenntniß er durch eine fast unübersehbare Reihe selbstständiger und auf dem eingehendsten Quellenstudium beruhender Arbeiten ohne Rast erweiterte. Und was diesen vielfachen Ergebnissen seiner Forschungen bleibenden Werth verleiht, besteht in der weisen Verbindung der jüd. mit der allgemeinen Geschichte, worauf er immer sein Augenmerk richtete; er zog dadurch die Geschichte des jüdischen Stammes aus ihrer Jsolirtheit heraus und führte sie dem weiten Strome der Universalhistorie zu. Und wie er das Hauptgebiet der jüdischen Geschichte mit Meisterschaft beherrschte, als ebenso kundiger und gewissenhafter Forscher bewährte er sich in den vielfachen Hilfswissenschaften der Geschichte, deren einzelne er für die jüdische Geschichte geradezu eroberte. Die jüdische Epigraphik war ein Schoßkind und ein Pflegling seiner wissenschaftlichen.! Thätigkeit: verwitterten Grabsteinen, kaum zu entziffernden Inschriften wußte er reichen Aufschluß über historische Räthsel zu entlocken, mit scharfer Kombination fragmentarische Inskriptionen in wunderbarer Weise zu ergänzen. Die hebräische Paläographie verdankt dem so tief Betrauerten so manche Norm; aus mehr als einer vergilbten Urkunde, aus vielen alten Handschriften leitete er mit Sicherheit die Gesetze der hebräischen Abbreoiatnren und Siglen ab. Die emsige Beschäftigung mit hebräischen Manuskripten führte ihn auf die Durchforschung eines von ihm zuerst in wissenschaftlicher Weise behandelten Wissenszweiges, auf die Pflege der jüdischen Kunstgeschichte. Als ich ihn das Letzte Mal besuchte, zeigte er mir eine Reihe von ihm um schweres Geld gekaufter hebräischer, mit reichen, von Meisterhand ausgeführten Illustrationen gesch nückter Handschriften und entwickelte mir daran seinen Plan, eine Geschichte der jüdischen Kunst zu schreiben. Brauch' ich es erst noch besonders zu erwähnen, daß ihm die Pflege der jüdischen Archäologie ein wahres Herzensbedürfnis war;' Die vornehmsten Fachzeitschriften des In- und Auslandes bezeugen die Tiefe seiner archäologischen Forschung. Konnte ein Mann, der sein ganzes Leben der Wissenschaft seines Stammes mit solcher Liebe und solchem Ernste widmete, gleichgiltig bleiben, wenn die Lästerzunge und Böswilligkeit das ihm Heiligste: seinen Glauben, das ihm Schätzbarste: seine Konfession begeiferte und schmähte t Als der, seither zum stillen Manne gewordene, preußische Hosprediger Stöcker die giftigen Pfeile aus seinem Köcher holte und sie gegen das Judenthum abschnell! e, da stellte sich David Kaufmann in die vorderste Reihe der Abwehr. Er wagte es auch, den Kampf mit dem Meister der deutschen Prosa, mit Heinrich von Tceitschke, aufzunehmen, als auch dieser von der häßlichsten aller modernen Krankheiten, vom Glaubens- und Racenhasse befallen ward, und er führte mit nicht minder gewandter Hand als dieser Gegner die scharf gespitzte Feder. Und wie er muthig in der Vertheidigung seines Stammes und seines Glaubens war, ebenso liebevoll und glänzend war seine Verherrlichung des Judenthums. Mit nicht erlahmender Spannung, vielmehr mit stets wachsendem Interesse wird Jedermann seine herrliche Studie über George Ellwt's „Daniel Deronda" lesen; mit steigender Andacht lauschten seine Zuhörer, wenn er von der Kanzel die erhabenen Lehren der jüdischen Religion verkündete und erläuterte, mit Bewunderung wird man allezeit sinne von von ihm selbst herausgebenen Predigten lesen. Wie er die Sprache auf der Kanzel beherrschte, als ebensolcher Meister des Wortes bewährte er