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Der Israelit · 1899-07-13 · Heft 55 (13.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 55 (13.7.1899)
Date
1899-07-13
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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1170 gionslthrer fehlte noch. Die Abiturienten erklärten: entweder wird er geholt oder der christliche Katechet entfernt sich; sonst laffen wir uns überhaupt nicht photographiren. Der Katechet gab nicht nach, die Schüler auch nicht, und inan ging auseinander. Wie sonst sehr selten, hatten die Lehrer diesmal einen eclatanten Beweis, daß ihre Abiturienten wirklich sehr reif seien. Rußland. Moskau. Es ist kaum zu glauben, daß am Ende des 19. Jahrhunderts Menschen, die nichts verbrochen, nichts gethan haben, in der brutalsten Weise behandelt werden, nur deshalb, weil sie das „Unglück" hatten, als Juden auf die Welt zu kommen, oder ... auf einer nichtrussischen Universität Medizin studieren zu müssen. Und doch ist eS war! Denn die nachstehenden Mitteilungen sind dem „Wratfch" entnommen, von dessen Redakteur wir wissen, daß ihm das gedruckte Wort heilig ist, und daß grundlose Insinuationen eine Aufnahme in seinem Blatt nicht finden können. Eine Dame, die das doppelte „Unglück" hatte, nach Erlangung des medizinischen Doktortitels an einer ausländischen Universität behufs Erlangung des Rechts der Praxisausübung in Rußland an der Moskauer Universität ihre Examina nochmals ablegen zu müssen und dabei Jüdin zu sein, sieht sich durch ihre Erlebnisse veranlaßt, durch die Vermittelung des „Wratsch" diejenigen ausländischen Doktoren, die zur Prüfung nach Moskau kommen wollen, darauf vorzubereiten, was sie in der heiligen Russenstadt zu erwarten haben. Der „liebenswürdigste" Empfang wird selbstverständlich den jüdischen Doktoren zu Theil. Trotzdem der Konsens, in Moskau ihre Examina ablegen zu dürfen, den ausländischen Doktoren vom Kultusminister ertheilt wird, werden dieselben, wenn sie Juden sind, bei der Ankunft in Moskau von der Polizei ausgewiesen. Nur zwei bis drei Tage vor Beginn der Prüfung wird dem Examinanden gestattet, sich in Moskau niederzulassen. Inzwischen sind aber die praktischen Uebungen, welche alljährlich vor den Prüfungen in Form von Repetitionen stattfinden und für die Examinanden von großem Nutzen sind, bereits abgeschlossen und sämmtliche Hilfspräparate entfernt. Während der Examina werden die Examinanden durch häufige polizeiliche Vorladungen, durch langes Warten auf den Polizeibüreaus gestört, ohne daß man ihnen sagt, wozu und warum man sie gestört hat. Kaum sind die Prüfungen zu Ende, so müssen selbst Diejenigen, die die Prüfung bestanden und die ärztliche Approbation erlangt haben, unverzüglich Moskau verlassen. Soweit die Moskauer Pottzei. sticht viel besser, vielleicht eher schlimmer, sind manche der Herren Moskauer Professoren. Mit beleidigender Geringschätzung behandeln sie die ausländischen Doktoren, die von ihnen geprüft werden, deren Lehrer, d. h. die Professoren der ausländischen Universitäten, verspotten sie; selbst Billroth blieb von verächtlichen Bemerkungen nicht verschont. Eine köstliche Episode spielte sich bei der Prüfung einiger weiblichen ausländischen Doktoren ab: Dieselben erhielten verschiedene Themata zugetheilt, über welche sie vorzutragen hatten, und eine kurze Spanne Zeit, um die Gedanken zu sammeln und sich zum Vortrag vorzubereiten. Die Damen zogen sich in den Hintergrund des Saales zurück und ließen sich auf die dort stehenden Stühle nieder. Der Vorsitzende der Prüfungskommission herrschte nun die über ihre Themata nachgrübelnden Damen in brüsker Weise an, befahl ihnen, aufzustehen und für die ganze Dauer der Prüfung stehen zu bleiben. Die Dame, die zuletzt geprüft werden sollte, hatte somit eine hübsche Anzahl von Prüfungen „durchzustehen". Einmal hat dieser einzig liebenswürdige Herr Professor höchsteigenhändig einer Dame den Stuhl entrissen, damit sie nicht nochmals in die Versuchung komme, sich hinzusetzen. Eine Dame brach, durch die Aufregung, vielleicht nicht minder durch das lange Stehen erschöpft, ohnmächtig zusammen und wurde von ihren Kolleginnen auf einen in der Nähe stehenden Polstersessel niedergelegt. Statt der Ohnmächtigen zu helfen, holte derselbe Herr einen Stuhl herbei und forderte die bedauernswerthe Examinandin auf, den Polstersessel vor allem zu räumen. Der Herr Professor konnte es augenscheinlich nicht dulden, daß ein heiliger Prvfessorensessel von einer simplen Examinandin benutzt und entweiht werde. Manche Professoren nannten die jüdischen weiblichen Doktoren einfach beim Namen, ohne das Prädikat „Frau" hinzuzusetzen; dagegen unterließen sie nicht, die besonders jüdisch klingenden Vornamen mancher Examinandinnen mit höhnischem 'Nachdruck hinzuzufügen. Afrika. Johannesburg, 20. Juni. Eine Massenversammlung Mischer Einwohner von Johannesburg hat dem „Standard" zufolge nachstehender Resolution gefaßt: Angesichts der vorgeschlagenen Ausschließung vom Stimmrecht aller derjenigen Personen, die keinen Beweis dafür liefern können, daß sie in dem Lande, von dem sie gekommen sind, volles Stimmrecht und Bürgerrechte de srssen haben - welche Einschränkung die Interessen der russischen, rutnänischen und anderer Juden beeinträchtigen dürfte -- wünscht diese Versammlung die Aufmerksamkeit des Präsidenten, der Exekutive und des Raad darauf zu lenken, wie wenig wünschenswerth und unbillig die Aufnahme einer solchen Bestimmung tväre.

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