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Der Israelit · 1899-07-13 · Heft 55 (13.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 55 (13.7.1899)
Date
1899-07-13
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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1167 höchlich überrascht, die Sachlage völlig verändert. Gleichwohl ziehe ich aus demselben andere Konsequenzen wie Du. Ich sehe z. B. die Nothwendigkeit durchaus nicht ein, daß Du mit Deinen Eltern wegziehest. Im Gegentheil, es wird das einzig Vernünftige sein, daß wir vor der Abreise Deiner Eltern heirathen. Ich habe eine gute Praxis, es wird uns nichts fehlen — Deine Aussteuer hast Du liegen — was steht uns im Wege, dem Brautstand ein Ende zu machen und in den Ehestand einzutreten." tlnwillkürlich legte er auf die letzten Worte einen leicht scherzhaften Ton. Er wollte sie ein wenig aufheitern. Allein sie schüttelte, traurig wie zuvor, ihr Lockenhaupt und erwiederte: „Nie, Benedikt, nie würde ich hierbleiben und meine Eltern in einen andern Erdtheil ziehen lassen. Und noch dazu jetzt, in solcher Lage, in solchen Verhältnissen! Wie müßt' ich mich selbst verachten, wenn ich auch nur daran denken würde, mir selbst eine behagliche Unterkunft zu schaffen, indeß die Meinen vor Sorge um ihren Unterhalt all ihre Nächte schlaflos verbringen! Wie wäre ich undankbar und gefühllos, mir selbst ein Glück zu gönnen, das allerdings das höchste für mich ist jetzt und immer, und die Meinen hinausziehen zu lassen, einer ungewissen Zukunft entgegen, hinaus aus das Weltmeer mit seinen Schrecken und Gefahren, hinaus in ein fernes, fremdes Land, wo vielleicht nur Enttäuschung und neuer Kummer auf sie wartet! Nein! An ihrer Seite allein ist jetzt mein Platz! Zu ihnen muß und will ich stehen, mit ihnen leiden und dulden, wenn Gott es so bestimmt, mit ihnen kämpfen und ringen um ein neues, besseres Leben. Das alte hat uns der Haß und die Nachsucht vernichtet. Und ehe nicht dieses neue Leben sicher und klar und hoffnunggebend vor uns daliegt, eher will ich für mich kein Glück und kein Wohlsein genießen, an dem nicht auch meine Eltern unmittelbar Theil haben!" Das war eine Sprache, aus der ein unumstößlicher Entschluß hervorklang. So sehr Benedikt in seinem Innern durch diesen Entschluß verwundet wurde — vernichtete er ihm doch die schönsten Hoffnungen, in denen seine Liebe zu Rifka geschwelgt hatte — so fühlte er doch neben der Trauer und dem Schmerz auch eine erhabenen Stolz über die Seelengröße dieses Mädchens in sich aufsteigen. So kam es, daß ihre Eröffnungen ihn zwar schwer darniederbeugten, andererseits jedoch den Entschluß, nun erst recht um sie zu ringen und zu kämpfen, um so tiefer in ihm festigten. Rifka rückte die Erfüllung seiner heißesten Wünsche in eine unendlich ferne Frist hinaus; sicherlich bedeutete das eine Gefährdung dieser Erfüllung, ja, stellte sie vielleicht ganz in Frage. Und dennoch fühlte sich Benedikt in diesem Augenblick zu dem Mädchen inniger hingezogen denn je; so stählte sein Entschluß sich an dem ihren und die ganze Kraft dieses Entschlusses klang aus den Worten heraus, mit denen er ihr erwiederte: „Nun gut, Rifka, ich kann dagegen nichts einwenden. Ich kann und will Dir nicht wehren, der Empfindung Deines Herzens zu folgen, um so weniger, als ich weiß, wie unwandelbar bei all dem die Liebe zu mir in Dir lebt. Allein ebensowenig kannst und darfst Du m i r wehren, nun meinerseits bis zu jenem Ziele, von dem Du gesprochen, auszuharren. Ich weiß, daß wir es erreichen werden; denn ein Bündniß wie das unsere ist von Gott gewollt, und was Gott will, das führt zu herrlicher Erfüllung. Darum magst Du mit den Deinen ziehen, liebe Rifka; aber überall, wo Du auch weilst, wirst Du daran denken, daß in der Heimath, an der Stätte, wo Du ausgewachsen und erzogen bist, Dein Jugendgespiele, Dein Liebster, Dein Bräutigam auf Dich wartet, bis Du entweder zu ihm kommst oder ihn zu Dir rufest!" Auch diese, mit tiefster Empfindung gesprochenen Worte erwiederte Rifka nur ganz kurz: „Sprich mal erst mit Deiner Mutter über die Sache!" „Mutter hat mich allerdings heute auch hicrhergebeten". entgegnete Benedikt. „Also, siehst Du?" „Was?" Es war offenbar, daß Rifka noch manches wußte, wovon sie bis jetzt nicht gesprochen. Sie schien aber damit zurückhalten zu wollen, denn auf des jungen Arztes gespannte Frage wiederholte sie nur ausweichend : „Sprich mit Deiner Mutter!" Die beiden Brautleute hatten so den langen Weg, der fast um ganz Göllheim, immer zwischen Gärten und Feldern sich hinzog, zurückgelegt. Sie bogen jetzt wieder in die große Chaussee ein und hatten die ersten Häuser des Städtchens erreicht. Wieder gewann es Benedikt nicht über sich, in Rifka zu dringen; er war eine zartfühlende Natur und fürchtete, in seiner Braut einen Zwiespalt der Gefühle hervorzurufen, sie zu beschämen, oder sie auch nur zu einem Worte zu veranlassen, das sie unfreiwillig und ungern sprach. Er sah, daß sie nicht reden wollte, und so schwieg auch er, zumal die vom Schluß des Sonntagsgottesdienstes belebte Straße eine eingehende Aussprache überhaupt verbot. Nur das Eine hatte Benedikt sich vorgenommen, daß er unter allen Umständen heute noch Klarheit haben wollte, wenn nicht durch Rifka selbst, so doch durch Diejenige, an die sie ihn verwiesen hatte, durch seine Mutter.

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