Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-07-10 · Heft 54 (10.7.1899) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 54 (10.7.1899)
Date
1899-07-10
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2449003--48633-2499034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1049 Trümmerhaufen und sie dachten über die erlebten Ereignisse nach und fanden die Ursache in dem zersetzenden saducäischen Geist und in dieser Ueberzeugung schloffen sie sich den Pharisäern an, um das Judenthum zu erhallen. Als Mittel hierzu wählten aber die Pharisäer nicht äußere Reizmittel, die mit dem Reize der Neuheit auch jede Wirkung auf die Gemüther v erlieren, sie strebten nicht darnach die Begeisterung für das Judenthurn von außen in die Herzen hinein zu tragen, sondern wollten, daß diese Begeisterung dein Keime gleich von innen heraus sich entwickele urrf> wählten zu diesem Zwecke ein nieversagendes Mittel. Das Studium des Gesetzes, dem wir die Erhaltung des Judenthums durch alle Jrrgänge und Stürme der vergangenen Zeiten verdanken. Streiten wir daher nicht darüber, welche der Parteien im Rechte ist, ob die pharisäische oder saducäische. Die Geschichte ist ein Gottesgericht und das Geschick, welcher die saducäische Partei ereilt hat, verkündet laut ihre Schuld. Fragen wir uns nur, ob wir die Erhaltung des Judenthums wünschen, und wenn wir es bejahen, dann werden wir dies auf Grund der Geschichte allein im Anschluß an die Pharisäer suchen und auch finden. Die Replik wurde mit großem Beifall ausgenommen. I. H. Glück. Rumänien. Bukarest. Wie sich allmählig heransstellt, sind dieErcesse gegen die Juden in Jassy von langer Hand vorbereitet worden. Es steht nur nicht fest, ob die Liberalen oder die Konservativen die eigentlichen Anstifter gewesen sind. Bon den Liberalen weiß man, daß das eben gefallene Ministerium Sturdza, welches zu ihrer Partei gehörte, den Patriotismus in jeder Weise protegirte. Von den Konservativen weiß man, daß der gegenwärtige Minister der öffentlichen Arbeiten Dr. Sstrati, Präsident der geheimen antisemitischen Liga ist. Wie man sieht, kommt für die Juden nichts dabei heraus, ob Liberale oder Konservative am Ruder sind, beide Parteien sind gleich antisemitisch. Gegenwärtig haben allerdings die Konservativen ein Interesse daran, die Schuld den Liberalen in die Schuhe zu schieben, und man erfährt daher aus den Ergebnissen der Untersuchung allerlei erbauliche Dinge über die betheiligten liberalen Beamten. Das Erbaulichste dürfte sein, daß der Präfekt von Jassy und der Polizeipräfekt jeder Geldbeiträge zu dem Fonds geleistet haben, der gesammelt wurde, um die Excesse zu veranstalten. Man brachte nämlich eine Summe von 15,000 Frs. zusammen und warb damit eine Knüppelgarde, der man mit allerlei Versprechungen und mit Hilfe des genügenden Quantum Schnaps den Muth einsiößte über die Juden herzufallen und sich sogar der einschreitenden Polizei zu widersetzen. Nach einer sehr niedrig gegriffenen Zählung haben die Excedenten folgenden Schaden angerichtet: 217 jüdische Wohnhäuser und 84 Läden sind total ausgeplündert und verwüstet. Drei Synagogen sind zerstört, die Gesetzesrollen zerrissen und aller Schmuck und alles Silber gestohlen. Eine große Anzahl von Juden find körperlich angegriffen worden, einige darunter so schwer verletzt, daß man an ihrem Aufkommen zweifelt. Man behauptet, daß unter den Tumultanten, abgegesehen von den Professoren und Studenten der Universität, sich verkleidete Lehrer und Geistliche befunden haben, ja die Untersuchung soll sogar ergeben haben, daß mindestens 60 Soldaten in der Verkleidung als Bürger und Bauern an den Exceffen theilgenonunen. Auch in der Provinz haben Judenexzesse, wenn auch von geringerer Bedeutung, stattgefunden. So in Galatz. Verlad, Piatra, Bozen, Braila und Ptoiesti. Man kann begreifen, daß unter solchen Umständen unsere Glaubensgenossen wieder eine Massenauswanderung planen. Es heißt, daß 1000, andere sagen sogar 2000 Familien aus der Moldau nach Amerika auswandern wollen, und daß bereits die ersten Schritte für eine derartige Emigration unternommen sind- — Eine Blutbeschuldigung hat auch in der letzten Zeit in Rumänien eine böse Rolle gespielt. Der Prozeß kam am 19. Mai vor dem Gericht zu Hushi zur Verhandlung und endigte mit der Freisprechung des angeklagten Juden. Marcu Butnariu, ein Weinschänker, war angeklagt, vor Ostern dem Kinde des Junitza Fabacaru Blut abgezapft zu haben. Durch christliche Zeugen wurde constatirt, daß der besagte Fabacaru mit seinem Kinde an dem fraglichen Tage bei Butnariu solange getrunken habe, bis sie beide vollkommen bewußtlos unter dem Tisch gelegen haben. Alle Zeugen haben bestätigt, daß das Kind keine Spur einer Wunde aufzuweisen gehabt hat, und die eigene Mutter hat ausgesagt, daß das Kind sinnlos betrunken gewesen sei und am anderen Tage nur über Leibschmerzen geklagt habe. Trotz dieser Aussagen hat der Staatsanwalt Tonescu-Delj die Dreistigkeit besessen, die Klage aufrecht zu erhalten mit der Behauptung, es existire unter den Juden eine Secte, die Chriftenblut brauche. Zum Beweise berief er sich auf die Bücher von Drumont und auf die Schrift des getauften Juden Mosit aus dem Jahre 1803. Der Vertheidiger Herr N. M. Eismann hat energisch diese Behauptungen bekämpft und mit seiner Darlegung des wahren Sachverhalts ist es ihm auch gelungen, die Freisprechung zu erzielen. Das charakteristische und zugleich skandalöse an diesem Prozeß ist aber, daß ein Staatsanwalt, der berufene Vertreter der Gerechtigkeit, das hundert Mal widerlegte Märchen vom Ritualmord ausbeuten kann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.