Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 54 (10.7.1899)
- Date
- 1899-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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1043 geprüften Religionslehrer erhallen, einen solchen einzurichten? O esterr.-Un gar. Monarchie. Wien, 4. Juni. Nach den Plünderungen in Nachod hat der Prager Aavokat Dr. Bendiener die Vertretung der durch diese Plünderungen Beschädigten übernommen und infolge dessen eine Eingabe an das Bezirksgericht gerichtet, es möge durch Einvernahme von Zeugen, die in der Eingabe namhaft gemacht wurden, die Höhe des entstandenen Schadens ermittelt und zugleich festgestellt werden, inwieweit dieser Schade der Gemeinde Nachod bei Ausübung der OrtSpolizei zur Last falle. Diesem Ersuchen wurde vom Nachoder Bezirksgerichte nur in dem Punkte 1 stallgegeben, dagegen bezüglich des Verschuldens der Gemeinde erklärt sich das Bezirksgericht nicht für kompetent, mit der Begründung, daß darüber nur die politische Behörde zu entscheiden habe. Gegen diesen Beschluß überreichte D. Bendiener den Rekurs an das Kreisgericht in Königgrätz, welches auch dem zweiten Punkte ftattgab. Urrg Brsd Am 21. dss. sprach unser Oberlehrer, Herr L. R lesen feld in einem Verein in geistreicher und humoristischer Weise über die Verhältnisse in Oesterreich. Redner glaubte den Grund für die auffallende Thatsache, daß grade Wien die Brutstätte der häßlichsten Auslassungen des Antisemitismus in dem wirtschaftlichen Niedergang der Residenstadt zu finden, die nicht der Centralpunkt des ganzen Reiches ist, wie etwa Berlin für Deutschland. Er kam dann auf das Evangelium zu reden, in welchem er einige Räthfel bezüglich der Entstehung des Christenthums entdeckt zu haben glaubte und ging schließlich auf die alten Parteien der Pharisäer und Saducäer über, in welchen er die Urahnen der heutigen Anhänger dek Conservatismus und des Fortschrittes sieht. Nachdem die Beifallsrufe verhallt waren, ergriff unser ehrwürdiger Rabbiner Dr. M. Jung, der sonst die Danksagungen ganz anderen überläßt, und dankte zunächst im Namen Aller dem Redner für seinen schönen und populären Vortrag. ES freue ihn, konstatiren zu können, daß der Oberlehrer R. ein recht lebhaftes Interesse der Geschichte und Literatur des Judenthums entgegenbringe. Dies halte aber Redner nicht davon ab, Einiges zu dem eben gehaltenen Vortrage zu bemerken. Oberlehrer R. sprach vom Evangelium. Redner glaube, die» sollten wir unseren christlichen Milbrüdern überlassen. Er sei wohl praktisch, den Kriegsschauplatz in das Gebiet des Feindes, der uns den Kampf aufnöthigt, zu verlegen, um ihn in seinen eigenen Festungen zu belagern und auf eigenen! Boden zu schlagen, allein es stehe dies nicht im Einklänge mit dem Geiste de» Judenthums, das niemals die Heiligthümer Anderer herabwürdigen wollte, und sich stets bamit zufrieden gab, daß es ihm vergönnt war, nach Herzenslust aus dem Born zu schöpfen, welcher nach seiner Ueberzeugung göttlichen Ursprungs ist. Unser Feloherr, der Herr der Heerschaaren, verweist uns nicht auf die Offensive, sondern räth uns, auf die Defensive uns zu beschränken, die nicht blos in der Abwehr der Angriffe der Feinde besteht, sondern in der inneren Stärkung des Judenthums. An der unerschütterlichen Begeisterung für das Judenthum werden die Wellen des Antisemitismus machtlos zerschellen. Die Anwälte des Judenthums gegen die äußeren Feinde mögen daher ihre Thatkraft und ihren Geist der inneren Mission weihen. Herr Oberlehrer Riesenfeld glaubt, sagte der ehrw. Redner, in den Saducäern und Pharisäern die Urahnen der heutigen Parteien innerhalb des Judenthums zu erblicken. Redner sei nicht dieser Ansicht. Die Saducäer waren in der Auslegung des schriftlichen Gesetzes viel strenger als die Pharisäer; können wir dies von den Freunden des heutigen Fortschrittes behaupten? Die Saducäer waren glühende Patrioten, traten mit Feuereifer und Todesverachtung dem Feinde entgegen. Läßt sich ulldies auch von den Fortschrittsfreundcn unserer Zeit behaupten? Von ihrem religiösen Jadiff-rentismus zu schweigen, legen sie eine Lanze für das verfolgte jüdische Volk ein? Ziehen sich nicht die jüdischen Barone und Ritter, die großen Männer, welche auf wissenschaftlichem, finanziellem, materiellem und wirtschaftlichem Gebiete als Coryphäen betrachten werden, scheu zurück und überlassen das Volk seinem traurigen Geschicke? Die Ahnen der Großen unserer Zeit sind nicht die bibeltreuen und opferfreudigen Sadrcäer, sondern Hellenisten, welche in der völligen Abstreifung aller jüdischen Eigenthümlichkeiten und in der völligen Assimilation mit den Griechen ihr Ideal erblickten, dessen Verwirk' lichung sie alles, Religion und Vaterland opfern wollten. Wir wollen uns aber auf den Standpunkt des Herrn Oberlehrer N. stellen, wollen zugeben, daß die Saducäer die Ahnen der jetzigen Fortschrittsfreunde sind. Was folgt daraus? Etwa die Er'ftenzberechtigung dieser Partei? Ist eine Partei schon deßhalb im Besitze der Wahrheit, weil sie alt ist? Wäre dies der Fall, dann müßte ja alle Welt sich demuthSvoll vor den Antisemiten beugen, da sie ja die älteste Partei ist und bekanntlich Pharao und Haman zu ihren glorreichen Ahnen zählt? Sollten wir noch immer nicht aus unserer Geschichte lernen wollen? Fragen wir uns nun, wie kommt es, daß seit dem Untergange des jüdischen Staates von Saducäern gar nicht nrehr gesprochen wird? Wie kommt es, daß die einst so mächtige Partei spurlos verschwunden ist? Der Untergang d.s jüdischen Staates wirlte gewaltig auf sie. Das Herrlichste war ein