Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 54 (10.7.1899)
- Date
- 1899-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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1046 Hetzern in weltlichem und geistigem Gewände immer aufs neue aufgestachelt werden. Doch es hätte keinen Zweck, diese traurigen Zustände aufzudecken und zu beklagen, wenn sich nicht ernste Mahnungen für die Zukunft daraus ergäben Das eine, wasnoth thut, ist vor Allem Einigkeit. Wie sehr der schädliche und kleinliche Particularismus in unserer Gemeinde emporgewuchert ist, beweist z. B. folgende Thatsache. Die Cultus-Gemeinde- Vertretung repräsentiert die Gemeinde nur nach Außen; innerlich zerfällt diese eigentliche in viele einzelne Synagogengemeindcn, die — ganz abgesehen von ihrer Stellung zur Orthodoxie oder Reform — trotz Repräsentanz und Oberrabbinat keinerlei Autorität anerkennen und sich gegenseitig, und leider nicht inlmer in vornehmer Form, Concurrenz machen. Nun hat, wie auch die jüngste Nummer dieses Blattes berichtete, die Gemeinde-Vertretung den sehr anerkennenswerthen Vorschlag gemacht, fünf dieser Synagogen, die der Assanierung zum Opfer fallen müssen, zu übernehmen und an ihrer Stelle zwei große, allen modernen Anforderungen entsprechende Gotteshäuser zu bauen. Obwohl nun keiner von den bestehenden Synagogen-Vereinen finanziell imstande ist, einen Neubau aufzuführen, ohne an seineMitgliederAnforderungen zu stellen, die diese zu bringen durchaus nicht gesonnen sind, dürfte der Plan doch an kleinlicher Parteisucht scheitern. Entstände ja vor Allem die schreckliche Frage, wie man die vielen Herren „Vorsteher" unterbringen könnte! Wie wir erfahren, hat auch schon die Generalversammlung der Pinkas-Synagoge den Vorschlag der Gemeinde-Repräsentanz abgelehnt. Durch diese Uneinigkeit und den Mangel an gutem Willen ist es der Gemeinde auch unmöglich, größere Institutionen ins Leben zu rufen. Talmud-Thora- Schule, Koscher-Fleisch-Verkauf, Mazzos-Bäckerei x. sind der großen Gemeinde vollkommen unwürdig. Der Fremde findet auch kein einziges Restaurant, wo er verläßlich speisen könnte!*) So sieht es heute in der aus, in der Männer wie Ez. Landau, Sam. Freund, S. S. Rapoport u. s. v. A. S*arr, lebten und wirkten. Gebe Gott, daß es bald besser werden möge! Ein Prager. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen Deutschland. Berlin. „Den antisemitischen Zeitungen stehen bekanntlich die fetten Judenannoncen nicht zu Ge¬ *) Wir stehen der Sache zu fern, um beurtheilen zu können» ob die geplante Vereinigung ein wirklicher Segen für die Gemeinde werden kann, zweiffelloS haben aber auch die kleinen Vereinigungen mancherlei Vorzüge. Red. d- Jsr. bote", so schrieb die „Staatsbürgerzeitung" kitrzlich wieder einmal. Die jüngste Sonntagsnummer des braven Blattes wimmelte aber nur so von Judenannoncen der fettesten Art. Von besonderer Fettigkeit war das Inserat einer hiesigen Herrenconfectionsfirma, die vor nicht allzulanger Zeit sich die wüthendsten Schmähungen der Staatsbürgerzeitung gefallen lassen mußte. Die Staatsbürgerzeitung mußte jedoch schließlich de- und wehmüthig Abbitte leisten und tief in ihren Geldbeutel hineingreifen. Welch' edle Rache einer Judenfirma auf diesem leider nicht mehr ungewöhnlichen Wege des Jnserirens in judenfeindlichen Blättern! Es ist freilich schwer zu sagen, auf welcher Seite die schimpflichere Charakterlosigkeit liegt, bei den Juden, die mit ihrem Gelbe ihre Hasser mästen, oder bei den antisemitischen Zeitungen, die im redactionellen Theile jeden Juden als Spitzbuben und Betrüger hinstellen und im Jnseratentheil schmunzelnd die fetten Judenannoncen aufnehmen. Frankfurt a. M. (Der Fall La aß.) Die „Franks. Ztg." schreibt: In der Antisemitenpresse wird der Fall Laaß zu einer Hetze gegen den Frankfurter Magistrat ausgebeutet. Nach der „Deutschen Tageszeitung" steht der Magistrat „im Dienst des Judenthums", die Offenbacher „Deutschen Worte" und mit ihnen die Berliner „Staatsbürger-Zeitung" wollen ihn nur noch als „Handlanger des Judenthums" gellen lassen. Das agrarische Organ sehnt sich in die gute alte Zeit zurück, als noch das Ghetto in der freien Reichsstadt bestand. Ein paar Unwahrheiten der antisemitischen Darstellung werden durch das wüste Schimpfen nicht besser. Es ist z. B. nicht wahr, daß die Stadt sich in dem Prozeß gegen den Hotelier Laaß durch den jüdischen Rechtsanwalt Dr. Rosenstein vertreten läßt. Die städtische Vertretung hat vielmehr der langjährige Anwalt der Stadt, Dr. Benkard, inne, der allerdings horribile dictu mit Dr. Rosenftein assoziert ist. Es ist auch nicht wahr, daß der Laaß'sche Gasthof mit jenen jüdischen Hotels verglichen werden könne, die nur Juden aufnehmen. Niemand kann es dem Wirthe verwehren, nur Christen aufzunehmen; es gibt ja längst „christliche Hospize", und die gehören etwa aus dieselbe Stufe wie die Gasthäuser für orthodoxe Israeliten, mit ritueller Küche u. s. w. Kein Mensch hat etwas dagegen. Aber zu Beleidigungen eines Theiles der Bevölkerung auf öffentlicher Straße will der Magistrat allerdings nicht die Hand bieten. Der Radau- und Geschäftsantisemitismus, der bei Laaß seine Stammtische hat, soll seinen Unfug nicht auf freiem Markt feilbieten dürfen. Wenn jüdische Gasthäuser sich als „christenrein" bezeichnen wollten und Reklamekarten verbreiten mit Sentenzen, wie „Die Christen sind unser Unglück", so würden die Antisemiten mit Recht von „Frechheit" und „Unverschämtheit" sprechen. Was aber dem! Einen recht ist, dar ist dem Andern billig. Es ist