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Der Israelit · 1899-07-10 · Heft 54 (10.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 54 (10.7.1899)
Date
1899-07-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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XL Jahrgang. JKrS4. Der Israelit. Gin Genlrat-Hrgan für das orlhodore Iudenthum. Begründet von Di. Xe&mann in Ütiiini Montag, de« 10. Juli ÜSS9 (1S99). Leitender Artikel. Die letzt!« Tilge des Prager Ghrtlx's. Eine trübe, den jetzigen Trauerwochen entsprechende Stimmung ergreift denjenigen, der die wenigen, von der Affanirung bisher noch verschont gebliebenen engen und finsteren Gaffen und Gäßchen des ehemaligen Prager Ghetto's durchschreitet; düstere Gedanken bewegen ihn, er mag nun seinen Blick in die Vergangenheit oder in die Zukunft richten. „Wenn Menschen schweigen, werden Steine reden" und wahrlich — eine lange Leidensgeschichte erzählen diese Steine dem, der ihre stumme Sprache zu deuten weiß; eine traurige Geschichte von vielhundertjähriger, schmachvoller Knechtschaft, von unverdienten Drangsalen und Martern, von Strömen unschuldig vergossenen Blutes und von unzähligen, heißen Thränen — aber auch von einem opfermuthigen, starken Geschlecht, von Männern und Frauen, die jedes Martyrium standhaft ertrugen und ausharrten im Kampfe für ihren Glauben und für ihren Gott; ausharrten, bis eine neue Zeit hereinbrach, die die alten Ghetlomauern stürzte und das junge Geschlecht hinausführte aus der erstickenden Enge, in Licht und in Luft, in die Freiheit.-Und heute?! Die müden Kämpfer von damals haben längst ihren Frieden gefunden und schlafen ungestört unter den Fliederbäumen, die sie gepflanzt, den langen Schlaf. Die Achtung aber, die man den Lebenden so hartnäckig versagte, erweist man den Tobten. Trotz großer, technischer Schwierigkeiten soll der uralte Friedhof bis auf geringe Aenderungen unversehrt erhalten bleiben, die alten Leichensteine sollen weiter ihre stumme Anklage erheben, nicht nur gegen die Grausamkeit und Herzlosigkeit früherer, finsterer Jahrhunderte, sondern auch gegen die Undankbarkeit und Verkehrtheit der Gegenwart. Denn wofür die Ahnen gestritten, wofür sie ihr Gut und Blut freudig hingegeben hatten, da» werfen die Enkel freiwillig von sich. Nicht lange mehr, und es wird um jenen alten Friedhof herum, am herrlich gelegenen Moldauufer ein neuer, vornehmer Stadttheil entstehen und in prächtigen Zinspalästen wohnen die Nachkommen jener Männer und schwelgen, wo jene gedarbt, und lachen, wo jene geweint. Durch die Juhrtausende aber tönt das alte Lied de» sterbenden Führers: in&y to swi 5W2 rrav ruor vxai pur svv"i„ ".TO' ivc ton Mit dem religiösen Niedergange — ich greise zum Beweise dafür nur die Thatsache herau», daß von den vielen hundert jüdischen Geschäften kein halbes Dutzend am rav geschloffen ist, und daß sich schon von Jahr zu Jahr die Zahl derer vermehrt, die selbst am h. um dp offen sind — mit diesem religiösen Niedergange geht auch der soziale Hand in Hand. Den Prager Juden geht es zwischen Deutschen und Czechen ähnlich wie dem Krug in dem talmudischen Sprichwort: „Fällt der Stein auf den Krug — weh dem Krug!" fällt der Krug auf den Stein — weh dem Krug! Die Deutschböhmen gerathen immer mehr unter den Einfluß der der extrem-nationalen, antisemitischen Richtung, den Czechen bleibt der Jude als deutscher Jude doppelt verhaßt. Daß er diesem Haffe auch dort nicht entgeht, wo er die czechische Nationalität äußerlich vollständig angenommen hat, beweisen die traurigen Vorgänge der vorjährigen Dezember-Unruhen, und die auf dem flachen Lande inscenirten förmlichen Judenhetzen, wie jüngst in Polna, Vorgänge, die oft blitzartig die rohen Instinkte beleuchten, welche noch von früher im Volke stecken und von gewissenlosen

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