Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1899)
- Date
- 1899-07-06
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1031 besucht und gibt nun im Bert. Tagebl. einen interessanten Bericht über die dortigen Verhältnisse. Er schreibt unter Anderem über Mauricio: Indem wir einen kleinen Weidenwald durchreiten, gelangen wir zur Kolonialwaarenhandlung und den Wohnungen der Schmiede, Tischler, Schlosser >c. Kurz und gut, alles, dessen eine kleine Niederlassung zu ihrem Bestehen bedarf, ist hier auf einem kleinen Platze vereinigt. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß auch die Handwerker jüdischer Confession sind. Der Dorfschmied und seine Gesellen hieben gerade wuchtig auf das breite Brandeisen ein, welches sie für einen auf dem Hofe stehenden Lastkarren zusammenschweißen wollten. Ueberall sieht man frisches, freudiges Leben undStreben, blühende Felderund wohlgenährte Heerden. Die Häuser der Kolonisten sind der Landessitte gemäß aus Fachwerk und Lehm erbaut worden und tragen eine einfach Stroh- oder Schilfbedachung. Meistens fand ich dieselben mit einem sauberen, weißen Kalkanstrich versehen und von Rosen und Gaisblatt umrankt. Außer der Viehzucht ist es aber besonders der Mais- und Getreidebau, mit dem sich die früheren Handelsleute heute beschäftigen. Es wurden im Jahre 1897 im Ganzen 5800 Hektar mit Weizen und 2700 Hektar mit Mais bebaut. Man sieht also, daß schon damals eine ganz beträchtliche Arbeit bewältigt wurde, welche noch um so höher anzurechnen ist, wenn man bedenkt, daß man sich nicht des Pferdes oder Dampfpfluges bediente, sondern bei allen diesen Arbeiten Ochsen oder Stiere verwenden mußte. Besonders ist die Jugend eifrig thätig, sie hat ihre barbarische russische Heimath mit ihren Sitten und Gebräuchen längst fallen lassen und im Laufe der Jahre sehr gut spanisch gelernt. Für die Erziehung der Jugend ist durch zwei Schulen gesorgt. An der einen Schulen befanden sich zwei Lehrer, von denen der eine in deutscher und der Andere in spanischer Sprache unterrichtete. Während nun hier die neue Ansiedelung dafür sorgt, daß keines der Kinder ohne den Genuß des Schulbesuches bleibt, läuft in Argentinien fast eine Million italienischer, spanischer und argentinischer Kinder umher, die nicht lesen und schreiben lernen, trotzdem fast überall hinreichend Gelegenheit geboten wird. Ein großer Uebelstand, der hier oft alle Hoffnung auf eine ausgiebige Ernte zerstört, sind die häufigen Trockenperioden kürz nach der Aussaat und die gefürchteten Heuschreckenschwärme. Leider wurde die Kolonie gerade in den letzten Jahren von diesen Insekten arg heimgesucht. Die Hruschreckeugesahr ist besonders in den letzten Jahren oft ausgetreten und hat in manchen Proviitzerr die Ernte?! völlig zerstört. Die junge Ansiedelung schreitet, wenn auch langsam, einer stetigen Entwickelung entgegen und gilt schon als Centralpunkt höherer landwirthschaftlicher Kultur. Das ungemein schwierige Problem, ein Volk, welches sich durch Jahrhunderte hindurch dem Handel und Schacher widmete und nie eine rauhe Arbeit kannte, dem Ackerbau zuzuführen, ist in nur wenigen Jahren gelöst worden.*) Breslau, 25. Juni. Mit einein für die Betheiligten recht peinlichen Zwischenfall schloß die im Uebrigen gut verlaufene hiesige Gastwirthausstellung. Bei der Prämiirung der Aussteller halten die Preisrichter fast Niemanden leer ausgehen lassen. Goldene und silberne Medaillen waren in Hülle und Fülle vertheilt worden. Zwei sehr werthvolle Preise aber, die von der Erbprinzessin von Meiningen und dem Breslauer Magistrat gestifteten Ehrenpreise, waren überhaupt keinem Aussteller, sondern den beiden Veranstaltern der Ausstellung, den Herren Ziegert und Kiefer, zuertheilt worden, obwohl diese überhaupt nicht ausgestellt hatten. Dies erregte nicht nur in den Kreisen der Aussteller Entrüstüng, sondern auch der Breslauer Magistrat forderte alsbald die ausdrücklich für die „Prämiirung eines Ausstellers" gestifteten 300 Mark von dein Ausftellungskomitee zurück, da sie eine andere als die ausbeoungene Verwendung gefunden hatten. Die Folge war, daß nunmehr, 0 Tage nach Schluß der Ausstellung, die früheren Beschlüsse wieder umgestoßen wurden und der Ehrenpreis der Erbprinzessin dem Verein Breslauer Gast- und Schankwirthe für das zu gründende Altersheim überwiesen, der Ehrenpreis des Magistrats aber nachträglich der Firma Kochinann für einen ausgestellten Bierdruckapparat zuerkannt wurde. Die ganze Angelegenheit, die hier viel Heiterkeit erregt, erhält dadurch einen pikanten Beigeschmack, daß der vorerwähnte Herr Ziegert, der den für den Aussteller gestifteten werthvollen Ehrenpreis willig für sich angenoinmen, zu den Wortführern der hiesigen Antisemiten gehört und wiederholt in öffentlicher Versarnmlung darüber Klage geführt hat, daß der „jüdisch-freisinnige" Magistrat in unlauterer Weise über städtische Mittel verfüge. Diftidle est-, satiram non scribere. Oester r.- Unga r. Monarchie. Wien, 2. Juli. (Die jüdischen Haust r c r in Persien). Wie der Teheraner Correspondent der „Petersburgskija Wjedomosti" berichtet, hatte die persische Kaufmannschaft vor geraumer Zeit den Versuch gemacht, von der Teheraner Negierung ein Verbot des Hausirhandels in Persien zu erwirken. Sie überreichte dem Großvezier eine Beschwerde, in der die jüdischen Hausirer als „Schädlinge" des Handels bezeichnet wurden. Die Antwort des Sabr- *) Der veiv Berichterstatter leimbet sich da im chrr llium. Tie russischen oiiöen sind in ihrer überwiegenden Maturität Handwerker. Mit „Handel und Schacher" beschäftigt sich ein verhältnißmnßig nur sehr kleiner Theil.