Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1899)
- Date
- 1899-07-06
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XJL. Jahrgang. Erste Beilage M M 53 des „3srafUt“. Leitender Artikel. Die Nahrm des pideo niranien Magens- Zur Verhütung and Linderung von Magenkrankheiten. Mit besonderer Berücksichtigung der jüd. Speisegesetze. Von Di\ P. Münz, pracfc. Arzt, Nürnberg. (Fortsetzung. *) Fast ein jedes Nahrungsmittel enthält von Natur schon diesen oder jenen Reizstoff, der gar oft erst durch die richtige Zubereitung zu Tage tritt. Das Fleisch, das Brot, die Kartoffeln zum Beispiel enthalten gewisse würzig riechende und reizende Stoffe, welche erst durch die Einwirkung der Hitze, sei es Braten, Backen oder Kochen, frei werden und zur Wahrnehmung gelangen. In den meisten Fällen jedoch sehen wir uns trotzdem genöthigt, den Speisen bestimmte Würzstoffe zususetzen, um ihnen den faden Geschmack zu nehmen oder ihnen einen desto grösseren Wohlgeschmack zu verleihen. Wie aber auf der einen Seite die Berechtigung der Genuss- und Würzmittel für die Zwecke der Krankenernährung anerkannt werden muss, so ist es auf der anderen Seite geboten, den Gebrauch derselben nur in massigen und bescheidenen Grenzen zu halten, stets nur die milderen Arten zur Anwendung zu bringen, weil Fehler in dieser Beziehung eine Ueberreizung der Verdauungsorgane im Gefolge haben. Natürlich muss, soweit es sich mit den hygienischen Interessen verträgt, der jeweiligen Geschmacksrichtung des Kranken Rechnung getragen werden. Zu den milderen Arten der Genuss- und Würzmittel gehören Anis, Kochsalz, Lorbeerblätter, Kümmel. Muskatnuss, Petersilie, Safran, Vanille und Zucker, etwas schärfer sind schon Essig, Fenchel, Ingwer, Kardamon, Koriander, Knoblauch, Meerrettig, Nelken, Pfeffer, Rettig, Radieschen, Senf, Zwiebeln, Zimmt. Unter den genannten Stoffen nehmen jedenfalls Kochsalz und Zucker die hervorragendste Stellung ein, da sie neben der Eigenschaft eines Genussmittels auch noch die Bedeutung eines Nahrungsmittels haben. Freilich, in grossen Quantitäten verabfolgt, schädigen sie die Verdauung. Zu grosse Salz- *) VargL Nr. 51 des „Israelit“. mengen hemmen die Wirkung der Magensäfte, zu grosse Zuckermengen rufen leicht Gährungen hervor. Es ist deshalb ratlisam, in Fällen, wo ohnedies abnorme Gährungsprocesse im Magen oder Darm sich abspielen, anstatt des Zuckers zu dem Saccharin seine Zuflucht zu nehmen. Als Genussmittel können auch alle jene Getränke gelten, die zu der hier behandelten Nahrungsgruppe, zur Klasse der Minnignahrung gehören. Zunächst kommt das Quellwasser, das Brunnenwasser in Betracht. Dieses ist insofern als Genussmittel anzusehen, als es vermöge der in ihm enthaltenen Kohlensäure angenehm und erfrischend wirkt und den Appetit anregt. Die Bedeutung des Trinkwassers für Magenkranke ist vielleicht grösser, als man gemeiniglich annimmt.*) Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, dass es frisch und frei von schädlichen Beimengungen, seien sie organischer oder anorganischer Natur, sein muss. In geringen Quantitäten kann das Wasser ohne Bedenken bei jeder Form von Magenerkrankungen verabfolgt werden, um den Durst zu löschen. Bei chronischen Stuhlverstopfungen wirkt ein Glas Wasser, kurz vor dem Schlafengehen oder nach dem Erwachen getrunken, günstig auf die Darmbewegung ein. Bei acuten Magenerkrankungen ist die Verabfolgung von Eiswasser oder Eisstückchen angezeigt als ein treffliches Mittel, um den Brechreiz zu bekämpfen. In Fällen, wo die Absonderung der Magensäfte eine mangelhafte ist, ist der Genuss von Wasser einzuschränken, um die Magensäfte nicht zu verdünnen und ihre Wirkung dadurch abzuschwächen. Gleich dem reinen, frischen Trinkwasser wirken auch die kohlensäurereicheren Mineralwasser. wie Biliner, Fachinger, Gieshiibler, Selters, Sodawasser — die natürlichen Mineralwasser verdienen vor den künstlichen stets den Vorzug — anregend auf die Darmbewegungen und sind, in geringen Mengen genossen, ein Mittel, um den Stuhl zu fördern. Der Kohlensäuregehalt der Mineralwasser ist gleichzeitig im Stande, die Empfindsamkeit der Magenschleimhäute herabzusetzen, und sie leisten darum bei acuten entzündlichen sowie nervösen Mageiierkrankungen gute Dienste. Dagegen er- *) In diesem Sinne äussern sich bereits die alten Talmudgelehrten. „Wer gegessen und nicht Wasser dazu getrunken, ihm wird das Essen zur Blutschuld; es ist die erste Ursache zu Darmkrankheiteu“, so lautet ein talmudischer Ausspruch. (Sabbath 41a.)