Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1899)
- Date
- 1899-07-06
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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9cuiU<t«tt. lebet eure Meinds." K--^r Eine apologetische Erzählung •# Von Üruoltr Blamt 26) Nachdruck verboten. VIII. Mehr als ein Jahr war seit den erzählten Begebenheiten vergangen; ein schweres, unsagbar trauriges Jahr für die Menschen, deren Schicksal wir beschreiben. Die wüste, barbarische Scene, welche sich am Abend der Reichstagswahl in Seligmann Feist's Hause abgespielt hatte, war der Anfang und Ausgangspunkt dieser trüben Zeit gewesen. Mit unbeschreiblichem Vandalismus hatten die ansgehetzten Menschen unter den ohnehin schon lange lagernden Ladenvorräthen gehaust. Die Kästen mit Hülsenfrüchten, Kolonialwaaren u. s. w. hatten sie auf den Boden gestülpt, ganze Säcke Mehl ausgclecrt, alles mit dem Schmutz der vom Regen aufgeweichten Straße besudelt. In wenigen Minuten war da unter dem Schutze der Nacht und des unaufhörlich fallenden Regens, ungesehen von den Hütern der Ordnung, die wahrscheinlich ohnedies machtlos gewesen wären, vielleicht auch mit Absicht sich nicht blicken ließen — in wenigen Minuten war ein Zerstörungswerk vollbracht, welches Seligmann Feist der letzten Hülssmittel beraubte, mit denen er noch eine Zeit lang wenigstens nothdürftig sein und der Seinigen Dasein hätte fristen können, ein Zerstörungswerk, welches den Aermsten die Aussicht auf den Bettelstab vor Augen stellte. Neue Vorräthe zu kaufen — das war für Feist bei der jetzigen Sachlage zu riskant. Zwar hatten die Feinde bei der Wahl ja eine Niederlage erlitten — für Feist war die Kunde davon eine völlige Ueberraschung gewesen — aber statt nun Ruhe zu geben, war, wenigstens in Bezug auf Feist, die Hetze offenbar noch schlimmer geworden. Glücklicherwelse zeigte sich die Verwundung, die er an jenem Zerstörungsabend erhielt, als eine leichte; es war mehr der Schrecken und die Empörung über den ganzen Austritt gewesen, die den ohnehin schwächlichen Mann daniedergeworfen hatten, und noch eines wirkte dazu mit: Feist hatte unter den durch das Fenster Einsteigenden in dem Schimmer der Lampe deutlich Robert Wegner gewahrt, ja, es schien ihm sogar, als ob er jenen Stein auf ihn geschleudert hätte. Feist hatte richtig gesehen. Robert Wegner war es in der That gewesen, der beim Anblick Feist's, von der ganzen fürchterlichen Wuth über den Mißerfolg gepackt, dem rohen Triebe folgte, der für einen Moment in ihm erwacht war. Und Wegner war es auch, der nach der Wahl die Bewegung gegen Feist schürte und rege erhielt. Je zuversichtlicher seine Hoffnung auf den Sieg der Sache gewesen war, die ihm als Weg und Mittel diente, um seine Rache an dem vermeintlichen Verräther zu kühlen, je gewaltiger der Zorn und die Wuth von seinem ganzen Wesen Besitz nahmen, als diese Hoffnung auf Rache unerfüllt blieb, um so tiefer und fester nistete sich in der Folgezeit der Groll gegen Feist in sein Inneres. Vielleicht hätte er bei einem anderen Ausfall der Wahl wieder Annäherung gesucht, vielleicht hätten seine Empfindungen sich gemäßigt, seine Gedanken und Pläne mildere, versöhnlichere Wege eingeschlagen.- So aber sah er all die süße Rache, die seine feindselige Stimmung ihm seit Jahren vorgegaukelt, mit einem Schlage vernichtet; das vertiefte und verstärkte seinen Zorn, der sich nun wieder auf andere Weise zu bethätigen suchte. Er hetzte weiter gegen Feist, er blieb die Seele jener Bewegung, die nun auch nach der Wahl wie eine Verschwörung gegen das unglückliche Opfer den größten Theil der Gollheimer Einwohnerschaft umfaßte. Wegner hatte das Erbe Paul Biesfeld's angetreten, der übrigens noch am Abend des Wahltages einfach verschwunden war. Der Jude mußte ruinirt werden, er mußte büßen, bitter büßen — das war das Ziel, welches Robert Wegner im Auge hatte, und zu dessen Erreichung die gegen die Juden überhaupt gerichtete Stimmung in Göllheim ein immer noch wirksames Mittel bot. Boykott gegen Feist.' Das war die Parole, die Wegner ausstreute, und alle folgten ihr. Der unerwartete Ausfall der Wahl war auch für sie ein neuer Sporn, an dem Juden ihr Müthchen zu kühlen. Man hatte ihn hier in der Hand.' Unter diesen Umständen hütete sich Feist, neue große Vorräthe einzukaufen. Die wenigen Kunden, die er von seinen Glaubensgenossen noch hatte, konnte er leicht befriedigen; was aber unvermeidlich war, das war der fortgesetzte Rückgang feines Vermögensstandes, Feist setzte Monat um Monat mehr zu und sah völliger Verarmung immer näher ins Auge. Die erste Folge dieses Zustandes war gewesen, daß David das Gymnasium verlassen mußte. Bücher, Schulgeld, Eisenbahnfahrt — es wurden allmählich unerschwingliche Ausgaben für die Feist'sche Familie. Man mußte sparen, wo und wie man nur konnte. Zwar war es Seligmann Feist gewesen, als ob er ein Stück seines Lebens zum Opfer bringe, als er die Rothwendigkeit einsah, David zu Hause zu lassen. Die innigste Hoffnung seines Herzens, den reichbegabten Sohn der Wissenschaft zuzuführen — er mußte