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Der Israelit · 1899-07-06 · Heft 53 (6.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 53 (6.7.1899)
Date
1899-07-06
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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^;-V-; M 1026 schaftlichen Lage der Angehörigen der verschiedenen Religionen und Konfessionen." Soweit das die Juden betrifft, reicht aber wie die „Mg. Z. d. I." treffend bemerkt jene Erklärung schon darum nicht aus, weil sie für verschiedene Länder absolut nicht zutrifft, wie z. B. für Rußland und Polen, wo der Prozentsatz der Kriminalität bei den Juden ebenfalls erheblich geringer ist, als bei den anderen Konfessionen, obwohl ihre wirthschaftliche Lage erheblich schlechter ist als die aller anderen. Nein, es ist noch ein anderes und viel wichtigeres sozialpathologisches Moment bei dieser Erscheinung in Anschlag zu bringen: Das religiöse nämlich, mit dem die sozialen Familientugenden der Juden, Mäßigkeit, Keuschheit u. s. w. eng verbunden sind. Nur wo die „religiösen und sittlichen Hemmungsvorstellungen" auch bei den Juden schon erschüttert sind, da fangen sie an, ein bestimmtes, wenn auch Gott sei Dank noch geringes Kontingent zu den Verbrechen zu stellen, die früher in jüdischen Kreisen so gut wie unbekannt waren. Frankreich. Paris. Eine Anzahl von Prozessen gegen antisemitische Schreier von der Straße sind kürzlich zur Verhandlung gekommen. Die Angeklagten sind milde genug behandelt worden, dafür, daß sie „Nieder mit den Juden" oder „Tod den Juden" in lieblicher Abwechslung bei den Slraßendemonstrationen brüllten, müffen sie nun auf drei Tage in das Loch wandern. Schlechter fährt der Gerant des „Antijuif“ Chanteloube und der Mitarbeiter dieser Zeitung Mayence, welche beide wegen Verleumdung eines jüdischen Hausbesitzers Hirsch zu je 15 Tagen Gefängniß und 1000 Francs Geldstrafe verurtheilt wurden, sowie zusammen dem Kläger 10,000 Francs zu zahlen. Wenn alle die verleumdeten jüdischen Persönlichkeiten diesem Beispiele folgen würden, würde den antisemitischen Scribenten bald die Lust vergehen, zu verleumden. Einen anderen Weg hat der belgische Diplomat Bischofsheim eingeschlagen, der sich durch einen Artikel der „Libre Parole“ beleidigt fühlte. Er ging in die Redaction, fand dort den Verfasser Raphael Vian nnd regalirte denselben mit einigen kräftigen Ohrfeigen. England. London. Hier fand in der vorigen Woche eine Internationale Konferenz zur Verhütung des Mädchenhandels statt, zu der Delegirte aus den verschiedensten Städten des Kontinents und Großbritaniens hier hergekommen waren. Die Tageszeitungen haben über den Verlauf des Kongresses kurze Berichte gebracht, dabei aber begreiflicherweise übersehen, den Antheil, den jüdische Vereine und Persönlichkeiten an dem Kongresse hatten, gebührend hervorzuheben. Dennoch ist es gerade gegenüber den fortwährenden Beschuldigungen unserer Haffer, daß jüdische Händler vorzugsweise das schändliche Gewerbe des Mädchenhandels trieben, wichtig zu betonen, daß an den Maßnahmen zur Bekämpfung derselben Juden in erster Linie beiheiligt sind. Unter den vom Komitee zur Konferenz eingeladenen offiziellen Rednern befanden sich Lady Baltersea, die Vizepräsidentin der jüdischen Gesellschaft zum Schutze von Frauen und Mädchen, und der Oberrabbiner. Lady Battersea gab ein Bild von der Thätigkeit ihres Vereins, deffen Arbeit keineswegs nur Jüdinnen zu Gute kommt. Vielmehr werden die nichtjüdischen Frauen und Mädchen, die den Beamten der Gesellschaft begegnen, befreundeten christlichen Vereinen überwiesen. Der Oberrabbiner begrüßte gerade von seinem jüdischen Standpunkt aus die Konferenz, wie dies vor ihm der Bischof von London und der Erzbischof von Westminster von ihren religiösen Gesich:spunklen aus gethan haben. Gerade die jüdische Religion perhorrescire das schreckliche Laster am meisten, denn die ersten Erfordernisse eines religiösen Lebens seien für das Judenthum Reinheit und Heiligkeit. Deßhalb hat sich schon vor 15 Jahren der jüdische Verein zum Schutze von Frauen und Mädchen gebildet, der zunächst den Mädchenhandel in der eigenen Gemeinschaft bekämpfen will. Aber die Vertreter des Vereins wissen sehr wohl, daß ohne eine Vereinigung der Kräfte aller der das Heil anstrebender Vereine die Wirksamkeit des Einzelnen nur ein Stückwerk bleiben müsse. Der Oberrabbiner unterstützte daher den Vorschlag von Prof. Burkhard aus Berlin, nachdem eine internationale Organisation geschaffen werden soll, welche in der Lage ist, fremde Negierungen und deren Polizei zu beeinflussen. In der Diskussion, welche diesen Reden folgte, erkannte Lord Kinnaird das überaus nützliche Weck des jüdischen Vereins an, der thätiger gewesen ist, als die National Vigilance Association selbst, obwohl diese der größte englische Verein ist. Mr. W. A. Cotte, der Sekretär der genannten Gesellschaft, bekannte, daß die Leistungen des jüdischen Vereins nicht hoch genug geschätzt werden könnten, und bedankte sich bei demselben für eine Spende von 4000 M. zu den Kosten des Kongresses. Auch in der folgenden Diskussion haben die Leistungen, Methoden und Erfahrungen des jüdischen Vereins noch wiederholt eine wichtige Rolle gespielt. Vermischtes. London. Herr Narcisse Leven, Vorsitzender der Alliance Jsraelite Universelle, hat in Anerkennung seiner Kolomsa tionsthätigkeit im Orient vom Sultan den Großcordon des Medschidjeordens erhalten. — Aus dem gleichen Grunde ist Herrn Dr. S. Sonnenfeld, erster Dtrector der Jewish Kolonisation Association, das Kommandeur-Abzeichen desselben Ordens verliehen worden.

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