Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1899)
- Date
- 1899-07-06
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449002--48599-2498999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
■- . vs1V...... 1024 katholische Einrichtungen, wie mir ein mir befreundeter Führer der Ultramontanen jüngst versicherte, nicht wenig beigetragen." Darauf replicirte in dem gleichen Blatt „Auch ein Jude", indem er die Auslassungen des ersten Juden als ein „trauriges Bild unmännlichen Duldens" bezeichnete. „Ich erkläre", so schrieb der Herr, „daß hinter dem Herrn, der sich für die gnädige Strafe bedankt, die hessische Judenheit nicht steht, daß man in jüdischen Kreisen aller politischen und religiösen Richtungen mit äußerster Entrüstung und tiefer Beschämung von dieser Enunciation Kenntniß genommen hat. Unsere christlichen Freunde, die unsere Rechte in der Presse und im Parlament vertreten, haben wiederholt ihrem Erstaunen und Bedauern Ausdruck gegeben, daß sie im Kampf um die Gleichberechtigung der Juden von denen, für die sie kämpfen, nicht oder nicht genügend unterstützt werden. Unsere christlichen Freunde mögen daraus keine falschen Schlüffe ziehen. Jahrtausendelange Bedrückung hat aus dem Volke, dem die Makkabäer entsprossen, ein furchtsames Häuflein gemacht, das nur noch Kraft zunl Leiden zu haben scheint. Jahrtausendelange Bedrückung hat es vermocht, daß man Erniedrigung aller Art ohne Murren hingenommen hat. Heute erleben wir das traurige Schauspiel der Selbsterniedrigung. So weit kann der jüdische Duldersinn nicht gehen, um auch das zu ertragen. Das Judenthum muß die Rechte verlangen, die ihm gebühren; thut es das nicht, dann verdient es die Behandlung, die ihm in Hessen offiziell zu Theil wird." Das ist auch unser Standpunkt und wir möchten uns davor verwahren, als ob, wie behauptet wurde, die von dem „ersten Juden" geäußerten Ansichten, abgesehen natürlich von der Anerkennung der hohen Gesinnung unseres Landesfürsten, diejenigen der jüdischen Orthodoxie seien. Ob ein Jude als Richter oder als ein anderer Staatsbeamter im Stande ist, dem jüdischen Religionsgesetz vollkommen Genüge zu leisten, das ist eine andere Frage, die nicht hierher gehört. Pflicht der Regierung ist es, die allen Staatsbürgern verfassungsmäßig garantirte Gleichberechtigung aus ihrem papiernen Dasein in die Praxis überzuführen. Das zu besprechen und zu erzielen, werden heute Abend eine Reihe angesehener Mainzer Israeliten, die durch diese Zeitungspolemiken aufgerüttelt wurden, hier zusammentreten. ER. Berlin, 28. Juni. Aus der heutigen Repräsentantensitzung, der letzten vor den Ferien, habe ich zu berichten: Die Erben des verstorbenen Herrn Dr. Ludwig Bamberger haben der jüdischen Gemeinde ein Kapital von 10,000 Mark überwiesen. Es sollen vor Schluß der großen Ferien aus den Zinsen an fleißige Schüler und Schülerinnen die unter der Verwaltung der Gemeinde oder eines ihrer Organe stehenden Schulen und Lehranstalten mit Ausnahme der Religions schulen Bücher als Prämien vertheilt werden. Die Bücher sind aus dem Gebiete der Geschichts- und Naturwissenschaften, sowie der Dichtkunst zu wählen, welche von wissenschaftlichem oder künstlerischem Ernste getragen, geeignet sind die Liebe zum deutschen Vaterlande zu fördern. (Sollte das noch nothwendig sein, warum nicht die Liebe zum Judenthum?) In jedes einzelne Buch ist eine Büchermarke einzukleben mit einem Bildnis des Dr. Ludwig Bamberger und der Inschrift: Aus der Stiftung des Dr. L. Bamberger, geb. am 22. Juli 1823, gest. am 14. März 1899. Gegen die Annahme dieser Schenkung erhoben die Herren Justizrath Apolant und Geheimrath Blumenthal Einwand, weil sie einen feindseligen Charakter gegen die Religion habe, dagegen sind die Herren Professor Geiger und Landgerichtsrath Löwe der Ansicht, es könne den Juden nur zur Ehre gereichen, einen Mann wie Bamberger zu den ihrigen zu zählen. In namentlicher Abstimmung wird die Schenkung angenommen. Einstimmig angenommen wurde die hochherzige Schenkung der Stadt, das in der Exereierstraße 61419 Quadratmeter große zur Errichtung einer Altersversorgungsanstalt überwiesene Terrain, außerdem wurde beschlossen, dem Magistrat ein Dankschreiben zu senden. In die Kommission für die Verwaltung der Gemeinde-Bibliothek wurden die Herren Emanuel Sachs, ein Sohn unseres unvergeßlichen Dr. Michael Sachs und Herr Benas Levy gewählt. Für nothwendige Ausgaben in der Altersversorgungsanstalt werden 12,000 Mk. bewilligt, desgleichen 489 Mk. für Reperaturen in der Dienstwohnung des Dirigenten der Knabenschule. Der conservative Rabbiner ist noch vor den Ferien in die Luft geflogen. Allem Anscheine nach wird seine Stelle durch den Präsidenten des Rabbinerverbandes besetzt werden! Wer lacht da? Würzburg, 2. Juli. (Eine Zeitbetrachtung.) Es ist eine oft recht wehmüthig wirkende Erscheinung in unserer Zeit, daß jüdische Gemeinden, die Jahrhunderte hindurch als iwnp ni^np galten, in denen geistiges Leben, rra rrrcy ,nim blühten, nunmehr durch Wegzug stark deeimirt, an Bedeutung verloren, oft auch ganz und gar sich aufgelöst und zu existiren aufgehört haben. Die heiligen Stätten, an denen Gott in Andacht und Ehrfurcht gedient worden, von denen aus heiße Gebete für das eigene wie für das Gesammtwohl zum Himmel emporftiegen, oder an denen die heilige Lehre gelernt und gelehrt worden, sie liegen verödet und verlassen da, oder dielten profanen Zwecken. Friedhöfe, in denen die fronrmen Vorfahren, ntrn tws, Männer von Ruhm und Ruf, ihre ewige Ruhe gefunden, sie sind, wenn