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Der Israelit · 1899-07-06 · Heft 53 (6.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 53 (6.7.1899)
Date
1899-07-06
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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1022 — und wenn man ihnen die Maschine in tausend Stücke zerschlüge — Hellen Auges bemeistern können. Aus diesem Gesichtspunkte heraus, wollen wir nun einmal sehen, wie sich das jüdische Volk von seiner Entstehung an, bis auf den heutigen Tag zu der Thora gestellt hat. „Tsn tsv in einem Worte" rief die gewaltige Gottesstimme unter dem Aufruhr der Naturelemente vom Berge Sinai herab, und, hingerissen von dem Eindruck dieser einzig großartigen Scenerie, erscholl darauf das einstimmige und einmüthige Gelöbniß der Volkes: „ytnwi ntw?:". Doch es blieb bei dem Gelöbniß. So lange das Volk in der Wüste war, kam bei jeder Gelegenheit sein Kleinmuth zum Ausdruck, und als es nun in den Besitz des heiligen Landes gelangt war, da vergaß es bald seinen Gott und die ihm von demselben gestellte Aufgabe. Ja, wäre es nicht immer und immer wieder von einer höheren Hand zurechtgewicsen worden, dann würde die Befreiung aus der egyptischen Sklaverei und diesjährige Wüstenwanderung zwecklos gewesen sein; denn dann hätte es sich gar schnell — wie es nachher mit den 10 Stämmen geschah — mit den Heiden vermischt. Eine einzige Periode ist zu verzeichnen, in der die Gesammtheit der jüdischen Volkes im Geiste der Thora lebte. Es war das die Zeit nach der Zerstörung des jüdischen Reiches. Damals, als unsere Vorfahren hinweggerisien wurden von dem Boden, mit dem sie aufs innigste verwachsen waren, als rohe Barbarenhände die Familienbande sprengten, die Kinder von den Eltern und die Gattin von dem Gatten trennten, um sie in die vier Winde zu zerstreuen; in dieser Zeit des allertiefften Elendes, da brach zur herrlichen Blüthe hervor, was edel und gut im jüdischen Volke war; in diesen Tagen verzweiflungsvollsten Schmerzes riß plötzlich der Nebelschleier vor den Augen; man erkannte, was man verloren hatte und rettete, was zu retten war, wenn nicht die mündliche Ueberlieferung in Vergessenheit gerathen sollte. So entstand der Talmud. Doch die Zeit heilt Wunden und die Entfernung in Zeit und Raum entfremdet. Auch unsere Vorfahren gewöhnten sich an die Verbannung, auch ihnen wurde das drückende Joch mitleidloser Herren zur Gewohnheit, und so mußte auch der tiefe Schmerz und damit das innigste Anfgehen in den geretteten geistigen Schatz — die einzige Erinnerung an das verlorene Land — an Kraft und Wärme abnehmen. Uebrig blieb, dafür sorgte des Elends überreiche Fülle, das äußere Beobachten, sowie viele Charakterzüge des wahren Juden, jedoch der universelle Geist für eine lichtvolle Beherrschung des jüdischen Gesetzes mußte in der dumpfen Luft der Ghettis ersterben. Die Ghettomauern fielen. Die aufgehende Sonne verkündete einen neuen Tag und ihre Leben bringenden Lichtstrahlen drangen auch in das ängstlich aufeinander hockende Häufchen der einst so kraftvoll gewesenen Gestalten des jüdischen Volkes. Diese aber hatten aus ihrer thränenreichen Geschichte nichts gelernt und nichts vergessen. Kaum war die Befreiung vollzogen, als sieschondie Lehren vergessen hatten, welche sie aus Gottes wunderbarer Führung durch die Wüste des Mittelalters hätten ziehen müssen. In den Zeiten schlimmster menschlicher Verirrungen, wo Fürstenschwüre geleistet wurden, um sie wieder zu brechen, wo eine Fürstenlaune die Nnterthanen zu Tausenden hinopferte, wo das Unrecht und die Gewalt wie Kraut auf dern Felde sproßten, da waren ihre Hände, Gott hatte es so gefügt, indem er sie in die Ghettis einsperren und unterdrücken ließ, rein geblieben; und jetzt nach der Erlösung aus ihrer Einkerkerung, wo sie sich ins Leben hätten stürzen müssen, um als treue Erfüller des göttlichen Gesetzes durch das lebende Beispiel ihrer Handlungen zu wirken, wo sie alle Bücher des Wissens sich hätten aneignen müssen, um mit immer reinerem Verständniß und immer tieferer Liebe die Mizwaus zu halten, da konnten die meisten sich nicht schnell genug des Juden entledigen. So hat z. B. in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts sich die halbe Berliner jüdische Gemeinde taufen lassen. Ganz besonders charakteristisch ist diese Erscheinung in Frankreich; dort gäbe es gewiß schon längst keine Juden mehr, wenn nicht fortwährend neuer Zuzug von Deutschland und Rußland für Ersatz sorgen würde und auch dieser Zuzug vermischt sich schon nach dem zweiten Geschlechte mit der christlichen Bevölkerung. Wo wir zusammen gehalten werden, da ist der Judenhaß und die dadurch bedingte Ausnahmestellung der Kitt. Fragen wir nun: „Warum wurzelt die Thora nicht tiefer im jüdischen Volke V4 so ist die Antwort: „Weil sich tsv tov jelbft bei den gesetzestreuen Juden selten mit einander vereinen. Man nehnre cs mir nicht übel, wenn ich im Interesse der Wahrheit, denn Selbsterkenntniß ist der erste Schritt zur Besserung, es gestehen muß, daß viele gesetzestreue Juden zweierlei Gesinnungen hegen, eine für ihren Magen und die Synagoge 1111b einen für's Leben. Im Leben gewinnen gewöhnlich die selbstsüchtigen, kleinlichen Jitteressen die Oberhand. Wer ein Jude von echtem Schrot und Korn sein will, der muß imstande sein, auf alle Genüsse zu verzichten, wenn es gilt, den Interessen des Judenthums auch nur im Geringsten zu dienen. Er muß es, wie der Perek sagt, gegebenen Falls über sich bekommen, „Brot mit Salz zu essen, Wasser nach Maß zu trinken, auf der Erde zu schlafen und ein hartes Leben zu führen." Ihm leuchtet die Pflicht voran, und der Segen Gottes folgt ihm nach. Nur von solchen Leuten, die jede Minute ihres

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