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Der Israelit · 1899-06-29 · Heft 51 (29.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 51 (29.6.1899)
Date
1899-06-29
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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986 aus Grätz, ein Schüler de« Berliner Seminars hielt die Gedächtnißrede, die vom Herzen kam und zu Herzen ging. Wie verlautet, sollen auch an allen Orten unserer Provinz, wo nur Zöglinge des Berliner Seminar« fungiren, anvan stattfinden. Ad vocem Jünglingsverein ist noch mitzutheilen, daß derselbe zumeist au» früheren Schülern der von Herrn Dr. F e i l ch e n f e l d gegründeten Religionsschule besteht, denen sich viele auswärtige, in verschiedenen Stellungen thätige junge Leute anschließen. Denselben wird in mehreren Stufen planmäßiger Fortbildungsunterricht ein yjn, rowo mw und oyn ertheilt. Von Zeit zu Zeit werden auch belehrende Vorträge gehalten, zumeist von fortgeschrittenen Vereinsmitgliedern, die auch zum Theil den Unterricht der unteren Stufen übernommen haben. Auch ist eine reichhaltige Bibliothek zur Benutzung vorhanden, bestehend au« hebräischen und deutschen Werken religionS-wisienschastlichen und belletristischen Inhalts, letztere selbstverständlich ausschließlich au» der Sphäre de» Judenthums. Analog diesem Vereine haben sich seit circa zwei Jahren eine Anzahl junger Mädchen vereinigt, um in mehreren wöchentlichen Stunden Unterricht in Uebersetzung der Gebete zu nehmen, worin sie bereits eine erfreuliche Fertigkeit erlangt haben. Es sind die« ebenfalls frührere Schülerinnen der Religionsschule, die das früher Erlernte wiederholen und noch weiter fortzuschreiten wünschen. So pulsirt, trotz des überhandnehmenden Materialismus, in unserer alten Gemeinde doch noch jüdisches Leben. Frankreich. Paris, 23. Juni. Am 5. d. M. ist hier der Ehrenpräsident dea Kassationshofes Gustave Bedarridetz im 82. Lebensjahre gestorben. Dieser Mann war aber ein Jude, und zwar ein glaubenstreuer Jude; er war bis zu seinem Tode Vizepräsident dc« jüdischen Centralkonsistoriüms in Frankreich! Bedarride« war der erste Jude, der es zum Kammerpräsidenten am Kaffationshof gebracht hatte. Nur weil er Jude war, es ist traurig, das in einer Republik konstatiren zu müssen, wurde er nicht Präsident de» KaffationrhofeS, als 1890 diese Stelle vakant wurde. Heute kann man es sagen, daß es ein Glück war. Er nahm 1892 seinen Abschied, und bei dieser Gelegenheit erhielt er den Titel eines ersten Ehrenpräsidenten. Bedarride« wurde 1825 in Aix geboren, er fing seine juristische Karriere 1840 als Substitut am Tribunal seiner Heimathsstadt an, 1862 wurde er zum Generalstaatsanwalt in Bastia ernannt, und in dieser ausschließlich katholischen Stadt erfreute er sich einer seltenen Popularität, 1864 wurde er zum Generaladvokaten am Kaffationshof und 1877 zum Präsidenten der Kaflationskammer ernannt. Seit 1867 gehörte BedarrideS dem Centralkonfistorium als Deputirter für Marseille an. Nach dem Tode des Philosophen Ad. Fcanck wurde er zum Vizepräsidenten der Behörde gewählt, deren Präsident Baron Rothschild ist, und der er durch seinen Eifer und seine Begabung die größten Dienste leistete. Das Begräbniß fand am Mittwoch früh unter großer Betheiligung statt. Sämmtliche Mitglieder des Kaffationshofcs waren in Amtstracht erschienen. Ein Jnfanteriebataillon mit Musik und Fahne erwies ihm die militärischen Ehren; die Zipfel des Bahrtuches trugen: der brave Mazeau, der erste Präsident des Kaffationshofes, ferner Manau, der GeneralstaatSanwalt Tanon, der Alterpräsident der Kaffationskammer, Abr. SSe, Mitglied des Centralkonsistoriums, und Vidal-Naquet, Präsident des israelitischen Konsistoriums in Marseille. Auf dem Montmartre hielt zunächst der Grand-Rabbin von Paris Abr. Dreyfuß eine Grabrede, dann sprach Vidal-Naquet, und zum Schluß recitirte der Rabbiner Haguenau die üblichen hebräischen Gebete. Wie lange dürste es wohl dauern, bis wieder ein Jude zu^ solcher Stellung gelangen wird? England. London, 25. Juni. Nachdem sich eine Privatgesellschaft im Nord-Westen Londons (Hampsiead) bildete, um einen Sonntags-Gottesdienst zu ctabliren, und die Reformgemeinde angingen, sie als Zweig- Synagoge aufzunehmen, hielt der Chief-Rabbi Dr. Adler eine herrliche Predigt gegen dieses Projekt, um die Reformgemeinde abzuhalten, diese Gesellschaft aufzunehmen. Die Reformgemeinde hier hat niemals Sonntags-Gottesdienst abgehalten. Amerika. New-Uork. Das hiesige Judenviertel war in den letzten Tagen der Schauplatz arger Ausschreitungen. Ein fanatischer reicher Baptist Philadelphias, Wilson Dualop, hat es sich zur Aufgabe gestellt, alle Juden New 2)ork» zu bekehren, und zu diesem Ende eine Mission im Judenquartier errichtet. Mit einer Anzahl Glaubensgenossen zog er alltäglich auf einem Karren durch das Judenviertel, von demselben herabpredigend, in hebräischer Sprache abgefaßte Traktate vertheilend und die jüdische Religion in wenig christlicher Weise schmähend. Allmählich rief das immer größeres Aergerniß hervor. Als die wiederholten Vorstellungen hervorragender Israeliten nutzlos.blieben, wurde die Erregung unter den ärmeren Bewohnern des Judenviertels drohender, bis es schließlich zu direkten Angriffen auf die „Missionare" kam. Ein Haufen meist junger Leute griff den Karren an, dessen Insassen mit faulen Eiern, Obst und Gemüse-Abfällen beworfen wurden. Eine Anzahl älterer Israeliten versuchte, die Evangelisten zu vertheidigen.

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