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Der Israelit · 1899-06-26 · Heft 50 (26.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 50 (26.6.1899)
Date
1899-06-26
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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970 Anregung und Anstoß zu zielbewußtem Streben in dieser Hinsicht zu geben. — „Sage mir, was Du liest, und ich sage Dir, was Du bist." Leopold Anfänger. O e ste rr.-U n g a r. Monarchie. Wien. (Der Mädchenmord in Polna vor dem Wiener Landesgerichte.) Ein Preßsenat des Wiener Landesgerichtes unter dem Vorsitze des Dr. Ritter von Holzinger verhandelte kürzlich über einen Einspruch, welcher die Consiscation des „Deutschen Volksblattes" anläßlich einiger von demselben veröffentlichter Berichte über den Mädchenmord in Polna betraf. Staatsanwalt Bobies beantragte die Abweisung der Beschwerde in folgendem Playdoyer: Von den Mitteln, Judenhetzen zu arrangieren, ist das wirksamste das Märchen vom Ritualmord. Dieses Mittel ist uns Dank den Bemühungen des „Deutschen Volksblattes" bis heute erhalten geblieben. Wenn in einer Mordaffaire der muthmaßliche Thäter ein Jsraelite ist, wird aus dem Verbrechen ein Ritualmord gemacht und das mit den fettesten Lettern gedruckt. Es ist richtig, daß anläßlich des Mordes in Polna der Jsraelite Hülsner als muthmaßlicher Thäter verhaftet wurde; es mag auch richtig sein, daß der Leichnam der Ermordeten blutleer aufgefunden wurde — für vernünftige Menschen ist das nichts Besonderes. Es ist nur natürlich, daß die Leiche einer durch Stiche ermordeten Person durch den Blutverlust blutleer wird. Da stellt sich aber im „Deutschen Volksblatt" zur rechten Zeit der Gesinnungsgenosse aus Polna mit seinem Telegramm ein, und es heißt: Hört und entsetzt Euch! Der jüdische Mordbube (fett gedruckt) hat noch einen Gesinnungsgenoffen, einen Juden (ebenfalls fett gedruckt), den Schächter aus Goltsch-Jenikau. Der Schächter spielt da seine Rolle ganz vorzüglich. Man sieht nunmehr des jüdischen Schächters Messer und man hat die Ritual-Schächtung vor sich, wie sie in der That an Hühnern und Gänsen vorgenommen wird. DaS Telegramm war nicht dazu bestimmt, den Leserkreis mit neuen Details aus der Mordaffaire zu bereichern, es hatte vielmehr die Bestimmung dem Publikum des „Deutschen Volksblatt" keinen Zweifel darüber zu lassen, daß es sich hier um eine That handle, deren sich das gesammte christliche Volk jederzeit von der Judenschaft zu versehen habe. Bei der Publicierung derartiger Telegramme werden die Steine auf der Straße lebendig und -erklirren die Fenster der Judenwohnungen von selbst. Es ist übrigens geradezu erlogen, daß dieser Schächter verhaftet und dem Kreisgerichte eingeliefert wurde. ES bleibt also nichts Anderes, als eine lediglich zum Zwecke der Judenhetze aufgezüchtete Ente. Aus diesem Grunde ist die Beschlagnahme nach § 308 (Verbreitung beunruhigender Nachrichten) motiviert. Das „Deutsche Volksblatt" hat in dieser Weise die Beschlagnahme selbst veranlaßt und ich erkläre, wenn in Zukunft wieder solche Dinge in dem Blatte stehen werden, wird es wieder confisciert werden, aber gewiß nicht aus Gehässigkeit, sondern lediglich getreu der von mir beschworenen Pflicht, dem Unrecht zu steuern, wo ich es finde. — Der Einspruch wurde zurückgewiesen und die Consiscation bestätigt. vermischtes. Preßburg Die orthodoxe israelitische Cultusgemeinde hat um die Bewilligung der Vergrößerung ihres Friedhofes nachgesucht, für welchen Zweck sie bereits feit längerer Zeit zwei Weingärten erworben hat. Gegen diese Erweiterung hat der Magistrat zwar nichts einzuwenden, jedoch stellt erden Antrag, daß jede weitere Vergrößerung von bestehenden Friedhöfen von jetzt ab verhindert werden soll, damit endlich die Errichtung des schon lange projectirten großen Eommunal- Friedhofes erfolgen könne. Bekanntlich hat die Stadtgemeinde für diesen Zweck eine in ihrem Besitze befindlichen über 30 Joch große Bodenstäche in Aussicht genommen. Ein Theil derselben wird schon jetzt als Armensriedhof benützt. Prag. Ein Mitglied der hohen Aristokratie hat an Oberrabbiner Dr. Ehrenseld folgendes Schreiben gerichtet. Geehrter Herr Oberrabbiner! Ich erlanbe mir Ihnen anläßlich der bevorstehenden Befreiung des Capitän Dreifuß und der dadurch dem ganzen Iudenthum gegebenen Satisfaktion für ein unerhörtes Verbrechen meine freitbtge Theilnahme auszudrücken. Feuilleton. rr\ üebet eure Weinde." Eine apologetische Erzählung •*—#-»#•• Von Äunaltr Wtmin- 23) Nachdruck verboten. „Sie selbst" sagte er, „sprechen mit Ihren eigenen Worten die höhere Bewerthung des Christenthums geradezu aus, Herr Feist! Sie sagen, das Chrisienthum verlange Uebermenschliches: nun wohl! Das Chriftenthum will eben den Menschen über sich selbst hinausheben, es will ihm ein hohes Ideal vor Augen stellen, dem er wenigstens zu streben soll, es will ihn — zum Engel machen ——!" Ein vielsagendes Lächeln flog bei diesen Worten über Seligmann Feift's Züge. Es mischte sich in ihm ein Gefühl des Triumphes mit einem Gefühle der Wehmuth. „Zum Engel!" sprach er, wie zu sich selbst, aber doch deutlich genug, daß es der Pfarrer hören konnte: dann fuhr er etwas lauter fort: „Und dabei vermag Ihr Christenthum nicht einmal zu erreichen, daß die Menschen wenigstens — Menschen bleiben-!"

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