Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 50 (26.6.1899)
- Date
- 1899-06-26
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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969 er mit Rath und That seinen Kranken beizustehen, und nicht selten auf Kosten seiner Tasche. Nun sagt man ihm auch allerdings nach, daß er seine Kinder nicht in den » « bv ms eingeftthrt habe. Dies ist ja sehr zu bedauern, hat aber keinesfalls mit seiner Wohlthätigkeit zu thun. Und es wäre sehr zu beklagen, wenn er der Anstalt seine Hilfeleistung entziehen würde, um nicht weiter solchen Angriffen ausgesetzt zu sein, die er — natürlich nur irrtümlicher Weise — auf seine Person beziehen könnte. Darum nochmals: Wenn man nicht den Muth hat, „Rohheiten und Herzlosigkeiten" und deren Urheber namentlich zu nennen, dann mag man mit allen unnützen Andeutungen auch zu Hause bleiben. Willmars. (Jüdische Lektüre.) Es ist eine feststehende und erfreuliche Thatsache, daß durch das Judenthum in neuerer Zeit wieder der Geist der Anhänglichkeit, bezw. Rückkehr zum alten, unverfälschten Väterglauben mit Macht sich Bahn bricht, daß eine Erstarkung des jüdischen Denkens und Fühlenzu verzeichnen ist; doch auch das ist als Thatsache unleugbar, daß leider noch gar Viele abseits stehen und zwar häufig nicht aus sog. „Ueberzeugung", sondern aus Gleichgültigkeit, Indifferent ismus und auch Unwiffenheit. In vielen Fällen bedürfte es hier nur einer Anregung, eines Anstoßes, um die Verirrten wieder auf den rechten Weg zu leiten. Vom obligatorischen Religionsunterricht erhofft man das Heil. Unsere Religionsschulen nehmen thatsächlich mächtigen Aufschwung und erfreuen sich besonderer Förderung. Doch wird der Schulunterricht in der Hauptsache der Heranwachsenden, künftigen Generation zu Gute kommen. Und für die jetzige Generation könnte und sollte nichts geschehen? Ja, geschieht denn nicht schon viel, sehr viel? höre ich entgegen. Haben wir nicht Prediger, Wanderredner, Literraturvereine u. s. w. u. s. w.? Wohl bestehen in den großen Städten, in unseren Großgemeinden, derartige nützliche uns schöne Einrichtungen, aber draußen, in den Zwerggemeinden auf dem Lande, da ist von all dem wenig zu merken. Und doch gäbe es auch hier ein Mittel, anregend zu wirken auf Jung und Alt, es bestände in der Sorge für entsprechende religiöse belehrende und unterhaltende Lektüre. Lesen, geistige Unterhaltung und Anregung, ist dem denkenden Menschen ein Bedürfniß. Gelesen wird und gelesen wurde zu aller Zeit, nur der Lesestoff hat besonders in jüdischen Kreisen vielfach eine m rkwürdige Wandlung erfahren. Vor Dezennien noch, da griff das jüdische Weib in ihren Mußestunden, am p rav nach dem sog. Zeenoh urenvh rmnr) oder einem derartigen Andachts- und Erbauungsbuch und Kinder lauschten ihren Erzählungen. Der Vater war die tswj nrs, er übersetzte mit den Kindern Theile derselben. Noch heute erinnere ich mit wahrhafter Freude jener Sabbatftunden aus meiner Kindheit, da ich durchströmt von andächtigen ehrfurchtsvollen Gefühlen im Kreise der ganzen Familie Theile der ni-w übersetzen mußte, wenn nach besonders guten Leistungen der feine Geschenke warf, wenn sie dann in ihrer einfachen, frommen Weise erklärten und erzählten — vom Flusse Zambathion, der auch am tzv ruhe, wie selbst im Gehinnom am rav Ruhe herrsche u. dgl. m. Und heute? Der Vater greift nach der politischen Zeitung, studiert die Kursberichte und Tagesneuigkeiten, die Mutter vertieft sich in die Romanbeilage, die Tochter ins Modcblatt, etwas spezifisch Jüdischeals Lektüre wird recht selten gefunden. Und doch wäre in der Lektüre ein Mittel geboten, langsam aber sicher, unmerklich fast, aber um so erfolgreicher auf Hebung und Weckung religiösen Sinnes und Gefühles hinzuwirkcn. Der Erwachsene ist einer rein schulmäßigen Belehrung schwer zugänglich — „er merkt die Absicht und wird verstimmt". Die in guter, jüdischer Lektüre liegende Anregung in dieser Hinsicht wirkt, weil fast unbewußt, um so intensiver. Gerade der schlichte Mann des Volkes, der noch nicht an moderner Hyperbildung leidet, er liest in ganz anderer Weise, als man wohl vielfach glaubt. Für ihn nehmen die Gestalten seiner Lektüre Leben an, er denkt, fühlt, handelt mit ihnen, er erlebt gleichsam das, was er liest, mit, er verarbeitet es in sich, er geht auf in seiner Lektüre. Es liegt also in der Lektüre eine nicht zu unterschätzende, intelektuelle Macht — darum gebet unserem Volke gute jüdische Lektüre in die Hand und jüdischer Sinn, jüdisches Denken und Fühlen werden rege werden. Zu den Gebildeten der Gemeinde kommen ja so oft Personen mit der Bitte, um „etwas zu lesen" — sie selbst bieten also Gelegenheit und Möglichkeit der Einwirkung. An Lesestoffen fehlt es ja nicht. Die Erzählungen „Aus Vergangenheit und Gegenwart", die Feuilletons und Beilagen unserer orthodoxen Zeitschriften, die Werke der bekailnten und anerkannten jüd. orthodoxen Autoren müßten nur viel mehr unter das Volk kommen, als dies z. Zt. geschieht. Gründung und Förderung jüd. Volks- und Schulbibliothcken, Auswahl und Ueberwachung der Lektüre, sachgemäße Anweisung dazu, sollten ihrer Bedeutung gemäß mehr ihre Würdigung finden. Es soll heute nicht meine Aufgabe sein, organisatorische Bestimmungen und Rathschläge zu geben; (vielleicht räumt mir die verehrt. Redaktion dazu später einmal ein Plätzchen ein.*) Nur den eminenten Werth, die hohe Bedeutung dieser Bildungsfaktoren wollte ich hervorheben, um vielleicht hier und dort *) Sehr gerne. Red.