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Der Israelit · 1899-06-26 · Heft 50 (26.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 50 (26.6.1899)
Date
1899-06-26
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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: ■ v - - ’! 971 Der Pfarrer erschrack, als er merkte, daß Feist mit diesen Worten das Gespräch wieder zu seinem Ausgangspunkte zurückführte: er erschrack, weil er nur zu gut fühlte, daß er sich gleichsam in eigener Schlinge gefangen hatte. Seligmann Feist aber erkannte sofort, was in dem Pfarrer vorging, und da er schon längst der theoretischen Erörterung müde war, ergriff er mit überaus regem Eifer diese Gelegenheit, um zur Hauptsache wieder zurückzukehren, und er trug auch keinerlei Bedenken, die Gedanken, welche die letzte Bemerkung des Pfarrers in ihm geweckt hatte, bis zu ihrer äußersten Konsequenz zu verfolgen. „Jawohl, Herr Pfarrer!" fuhr er mit aller Kraft fort, „Sie haben es gesagt; zum mindesten lag es deutlich in Ihren Worten, daß die Betheiligung an antisemitischen Dingen der Idee des Christenthums schnurstracks zuwiderläuft. Sie haben mir auf meine Worte von vorhin noch nicht erwiedert, Herr Pfarrer! Unser Gebiet verlor sich auf ein entfernteres Gebiet, llm das „Liebet eure Feinde" haben wir uns gestritten. Nun will ich Ihnen die Antwort auf meine Anklagen ersparen, Herr Pfarrer. Denn was Sie auch sagen mögen, es wird im Lichte besten, was wir soeben verhandelt haben, unhaltbar sein; zweierlei nur ist möglich, Herr Pfarrer: Entweder wir Juden sind mit allen anderen, neben denen wir leben, gleichwerthig, wir sind Kinder desselben Vaters, treue Mitarbeiter an dem für Alle gemeinsamen Wohle, sind Ihre Freunde, Herr Pfarrer — weshalb verfolgt man uns dann? Weshalb verbreitet man niederträchtige Bosheiten, unwahre Märchen über uns, um uns zu minderwerthigen Wesen herabzudrücken und unsere Mitbürger gegen uns aufzuhetzen? Oder aber, Herr Pfarrer, wir sind minderwerthig, wir s i n d schlechte Wesen, deren Umgang schlecht macht, sind der Auswurf der Menschheit, als den man uns brandmarkt, sind die Ausbeuter und Verführer des deutschen Volkes, sind, mit einem Worte Ihre Feinde, Herr Pfarrer — nun, dann frage ich Sie: Wo bleibt Ihr Christenthum? Wo bleibt Ihre engelgleiche Handlungsweise, mit der Sie folgen sollen der Mahnung Ihres Meisters: „Liebet Eure Feinde!?" Diesen Keulenschlag hatte der Pfarrer bei den letzten Sätzen Feift's bereits vorausgesehen. Nun war er auf ihn herabgesaust. Es trat eine Pause ein. Feist athmete schwer. Die Erregung hatte ihn übermannt und erschöpft ließ er sich auf den Seffel fallen. Der Pfarrer fühlte, daß er etwas sagen müsse. Es fiel ihm auf das treffende Wort Feift's nichts anderes ein, als die Frage mit einer geschickten Wendung auf das persönliche Gebiet hinüberzuspielen. „Sie wären dessen wohl fähig, Herr Feist", begann er bedächtig, „einen Menschen, der sich als Ihr schlimmster Feind geberdet, zu lieben —?" „Was soll diese Frage, Herr Pfarrer?" erwLederte Feist; „ich habe es nicht nöthig; ich bin ja kein Christ!" Und nach einer kleinen Pause setzte er rasch hinzu: „Und dennoch, Herr Pfarrer — ich wäre dessen fähig!" „Und demnach könnten Sie wohl mit Ihrer Liebe auch Herrn Holzhändler Wegner umfassen?" Es lag ein leiser Spott in der Frage. Ein Lächeln huschte über des Pfarrers Antlitz. Allein es verschwand sofort und machte einer gespannten Aufmerksamkeit Platz, als er Feist erwiedern hörte: „Gewiß, Herr Pfarrer! Sie haben meine Gedanken errathen; denn gerade an Wegner dachte auch ich. Sehen Sie, Herr Pfarrer, dieser Wegner ist nun mein schlimmster Feind. Er sucht mir zu schaden, wo und wie er nur kann. Wer weiß, was er noch alles gegen mich ausheckt! Aber dessen kann ich Sie versichern, Herr Pfarrer; mag er mir persönlich noch so viel Schaden zufügen, mag er mich zu verderben und zu vernichten suchen: das Entsetzen und die Furcht vor seinen feindseligen Plänen wird nie so stark sein, um in mir die Liebe zu ihm zu ersticken; in meinem Innersten werde ich ihn in seinem Interesse stets mehr beklagen, als mich selbst; seine Verirrung wird mir mehr Schmerz verursachen als meine Verluste, und selbst mitten im Unglück, das er aus mein Haupt gehäuft, würde ich ihn, wenn er mir naht, wieder an mein Herz schließen." „In diesem Falle glaube ich Ihnen", erwiederte der Pfarrer, „obwohl Sie vielleicht doch etwas übertreiben. Wegner war früher schon Ihr Freund. Sie kannten ihn, Sie liebten ihn bereits. Allein, nehmen Sie einmal einen Feind an, der sich nicht erst aus einem Freunde in einen solchen verwandelt hat, ich glaube doch, da würden Sie anders handeln!" ..Ein guter Mensch, Herr Pfarrer, hat keinen Feind! Er hat höchstens, wenn es ihm gut ergeht, Neider!" „Nun und wenn ein solcher 'Neider Sie verfolgt und Ihnen schadet?" „So nehme ich das als eine Schickung Gottes hin. Ihn selbst aber hasse ich nicht. Und wenn ich ihn auch nicht liebe-so bebaute ich ihn doch. Und in diesem Bedauern liegt ja ein gewisser Grad von Liebe, der einzige, der einem solchen Feinde gegenüber möglich ist. Ich bedauere ihn, weil er seine Menschenwürde verletzt; ich möchte ihn frei von Neid wissen, d. h. ich möchte ihn glücklich sehen!"

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