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Der Israelit · 1899-06-26 · Heft 50 (26.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 50 (26.6.1899)
Date
1899-06-26
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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966 Wort d«J) „Helden" nachrief, um in dessen leuchtenden Glanz der Mit- und Nachwelt das Leben von Männern zu zeigen, die selbstlos für dar Höchste kämpften, so sagen auch wir weinend von unserem Meister und Freunde: Ein Held ist hinweggenommen worden. Das Wort Ben Soma'S v>ar> nx »aan toj wn das man gewöhnlich übersetzt: „Wer ist ein Held? Derjenige, der seine Leidenschaft bezwingt," hat uns unser großer Lehrer durch seinthatenfrohe» Leben besser verstehen gelehrt. Wer Dr. Hildesheimer kannte, der wird nicht den allzusehr als Helden bewundern, der die unedlen Triebe und Leidenschaften des Menschenherzens bewältigt; unser Rabbi verstand unter w Alles, wozu die Menschennatur den Menschen wohl treibt doch dessen Gewährung für die Lebenserhaltung nicht unentbehrlich ist. All dies hat er überwunden. Schlaf und Speise hat er entbehrt, Ermattung und Hunger zurückgedrängt, wenn er glaubte, in der Zeit, die der Ruhe und der Erquickung bestimmt war, etwa« Großes oder Kleines für vnvn ntai rnnay min leisten zu können. Selbst den Schmerz und die Trauer hat er bezwungen am Sabbat der trübsten Woche seines Lebens. Freitag Mittag hatte er unter herzzerreißenden Klagen in seiner geliebten Gattin ein Stück feiner selbst der Erde übergeben und mit der ersten Sabbatstunde war der gebrochene Greis wieder jugendfrisch und nach Außen hin selbst heiter geworden, bis daß die Scheidestunde des Sabbat ihn seinem unnennbaren Weh wiedergab. Er und seine ihm ebenbürtige Gattin haben in goldener Jugendzeit heldenhaft tausend Bande zerrissen, die sie an die Heimath und an den edelsten Freundeskreis fesselten, weil sie im fernen Ungarn die Stätte sahen,' wo sie am besten Gott dienen und zum Heil der Menschen wirken konnten. Durch schlimme Erfahrungen geängstigt, glaubte man damals in Ungarn, dessen breite Massen moderner Bildung noch unzugänglich waren, in den führenden jüdischen Kreisen, daß die Beschäftigung mit der Wissenschaft Gift für die Glaubenstreue sei. Dr. Hildesheimer hatte in seiner Heimath in einem hochgebildeten Kreise gelebt, dessen Mitglieder überzeugte und opferbereite Anhänger des alten ewig wahren Judenthums gewesen. Gestützt auf diese Erfahrung hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß die Jugend durch richtiges und rechtzeitiges Hinführen zu modernem Wissen gerade durch dieses vermeintliche Gift selbst vor dessen Gefahren geschützt werden müsse. Für seine Pflicht hielt er eS darum, die ihm anvertrauten Jünger durch glückliche Verbindung von mm und pa "p"i, durch Unterricht in wissenschaftlichen Disziplinen, in Verbindung mit gründlichstem Thorastudium, vor den Verführungen der Zeit zu sichern. Nachdem er einmal dies als Pflicht erkannt, strebte er, trotzdem selbst die beste« Freunde in Ungarn, denen seine Erfahrung nicht zur Seite stand, ihn verkannten und allein ließen, heldenhaft diesem Ziele zu. Daß Anfeindung und Verhöhnung von abgefallenen und reformwttthigen Juden einen Dr. Israel Hildesheimer nicht berühren konnten, braucht nicht gesagt zu werden. Und als er nach jahrelangem Kämpfen in Ungarn sich eine zweite innigst geliebte Heiinath gewonnen hatte, verließ er dieses Land seiner Sorgen und Siege, um in der jetzigen Reichshauptstadt an der Spitze einer kleinen Schaar den Kampf gegen die berüchtigten Reformer Berlins, die mit vergifteten Waffen ihn anzugreifen wagten, aufzunehmett. Kaum hatte er die lautesten Schreier zur Ruhe gebracht, da erkannte er, daß in Deutschland wohl noch Juden genug seien, die dem angestammten Glauben treu waren, daß aber deren Zukunft trübe sei, weil den Truppen die Führer fehlten. Er sah die Verheerungen, die allenthalben durch Rabbiner aus dem Breslauer Seminar angerichtet wurden und wieder sein Pflichtgefühl rief ihn zur Gründung seines Rabbinerseminars. Daß nur rastlose Arbeit ihm die Mittel für diese Neugründung verschaffen konnte, sah er klar. Doch für den Helden der Pflicht war dieses kein Hinderungsgrund. Wir haben es alle gesehen, wie dieser große Mann, der in Eisenstadt 18 Jahre lang die Nächte zu Tagen gemacht, um eine vielbewuuderte Thorakenntniß zu erlangen, von Ort zu Ort zog, Klein und Groß aufsuchte, um jene Schule gründen und aufbauen zu können, deren nach Hunderten zählende Schüler heute gar vielen Tausenden langentbehrte Führer und Leiter geworden sind. Ein an Heldenthaten überreiches Leben zeigt sich uns. Blos die ragendften Gipfel konnten wir verzeichnen. Wenige Stunden nur in der Nacht verlosch die Lampe seines Arbeitszimmers. Wenn er den Tag über durch alle Theile des großen Berlin's geeilt war, um für Arme zu sammeln, für allgemeine Zwecke zu sprechen und zu wirken, um Kranke zu besuchen, um Trauernde zu trösten, um Freudige noch mehr zu erfreuen, nahm er der Nacht die Stunden, die er am Tage durch Werke allumfassendster Menschenfreundlichkeit und Pflichterfüllung dem Thorastudium entzogen. Die Berliner wissen zu erzählen von dem großartigen Asyl, das er in den achtziger Jahren den Strömen durchreisender ruff. Exulanten nach unsäglicher Mühe zu eröffnen verstand. Wir erwähnen dieses bewundernswerthe Werk, weil durch dieses selbst seine erbitterften Feinde zur Anerkennung der Größe, Bescheidenheit und Selbstlosigkeit des früher vielgehaßten Mannes gezwungen wurden. Unser Rabbi hat viel gekämpft in seinem thatenreichen Leben und gar viele hat er bekämpft; an seinem Lebensabend aber hatte er keinen Feind. Den Schmerz hat unser Meister bezwungen, den Gram um den Verlust seiner Gattin, seiner besten Stütze, seiner treuen

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